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Eine halbe Ewigkeit

Happy End: Nach 60 Jahren ist die deutsche Werkausgabe des Philosophen Georg Lukács abgeschlossen

  • Von Rüdiger Dannemann
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Philosoph Theodor W. Adorno war wenig amüsiert, als er Ende der 50er Jahre vom Plan einer Werkausgabe für Georg Lukács erfuhr. Damals gab es noch keine Werkeditionen von ihm, Walter Benjamin oder anderen Repräsentanten der Kritischen Theorie. Wer über die Geschichte der Lukács-Werkausgabe Genaueres erfahren möchte, wird im Briefwechsel von Lukács und seinem langjährigen Herausgeber Frank Benseler ab 1959 fündig. Zuvor war die von Wolfgang Harich betreute kleine Werkausgabe des Aufbau-Verlags 1956 abrupt beendet worden und auch der Versuch gescheitert, Suhrkamp für eine Lukács-Edition zu gewinnen. Es war dann Benseler, der Mitherausgeber der renommierten »Soziologischen Texte«, der den Luchterhand-Verleger und gestandenen Kapitalisten Eduard Reifferscheidt von diesem Projekt, das einem lebenslänglichen Marxisten galt, überzeugte.

Die Pläne waren zunächst eher bescheiden. Lukács skizzierte in einem Brief aus dem November 1960 eine zwölfbändige Ausgabe: Die ersten vier Bände sollten der späten Ästhetik gewidmet sein, der fünfte Band seiner Ethik. Aufzunehmen seien auch »Der junge Hegel«, »Die Zerstörung der Vernunft« sowie drei Bände zur Literaturkritik und -geschichte sowie mit kleinen Schriften zur politischen Philosophie. Den eigenen Jugendschriften steht Lukács um 1960 sehr kritisch gegenüber, sie zu publizieren hatte er weder Neigung noch Eile. Eventuell sollten sie als letzter Band nachgeliefert werden. Wie wir inzwischen wissen, gibt es eine große Kluft zwischen dem ursprünglichen Plan und der dann realisierten Werkausgabe. Die Herausgabe der im parteioffiziellen Ungarn politisch ungeliebten Spätästhetik verzögerte sich, also begann die Werkausgabe mit der »Zerstörung der Vernunft«. Da das Werk einen Nerv der Zeit traf - der Auschwitz-Prozess begann 1963, es war die Zeit der endlich beginnenden Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen -, folgten acht weitere Bände in rascher Reihenfolge von 1963 bis 1970. Mit beachtlichem Erfolg.

Erst 1968 gibt Lukács seinen Widerstand gegen eine Neupublikation von »Geschichte und Klassenbewusstsein« auf, in einem umfangreichen Vorwort betont er seine Vorbehalte gegen sein einflussreichstes Werk. Nach dem Tod von Lukács 1971 wird die Werkausgabe erheblich erweitert. Die in einem Koffer in einer Heidelberger Filiale der Deutschen Bank aufgefundenen ästhetischen Manuskripte, mit denen Lukács sich vergeblich bei dem neukantianischen Philosophen Heinrich Rickert zu habilitieren versuchte (das Unterfangen scheiterte nicht zuletzt daran, dass der Verfasser Ausländer und Jude war), sorgen Mitte der 70er Jahre für Aufsehen. Die »Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas« und mit gehöriger Verzögerung das Opus magnum »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« erscheinen noch in den 80er Jahren.

Doch dann ist Schluss mit der Luchterhand-Ausgabe, obwohl sie nicht vollendet ist und trotz des internationalen Protests. Erst fast zwei Jahrzehnte später verdient sich der kleine Aisthesis-Verlag Anerkennung mit der Fortsetzung: 2005 erscheint ein Band mit autobiografischen Texten und Gesprächen, herausgegeben von Benseler und Werner Jung. Die Publikation der letzten noch fehlenden Bände 1 und 3 verzögert sich. Nach dem Ausscheiden des in die Jahre gekommenen ersten Herausgebers, der zum inspirierenden Begleiter des greisen Philosophen wurde, gibt Jung 2017/18 die beiden Teilbände des ersten Bandes heraus, unterstützt von Zsuzsa Bognár und der verdienstvollen Übersetzerin Antonia Opitz, finanziell unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Nun ist - endlich! - der erste Teilband von Band 3 erschienen, kurz vor dem 50. Todestag von Georg Lukács im Juni dieses Jahres. Er enthält unter dem Titel »Schicksalswende« gesammelte Beiträge zur deutsche Ideologie (1948/1956), zwei in der Nachkriegszeit weitverbreitete literaturgeschichtliche Darstellungen - »Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur« von 1946 und »Deutsche Literatur während des Imperialismus« von 1945 -, die 1951 publizierte philosophische Kampfschrift »Existentialismus oder Marxismus« sowie Lukács’ politisch-philosophisches Testament »Sozialismus und Demokratisierung«, das die Rätedemokratie feiert und erst postum erscheinen konnte.

Damit nähert sich die Geschichte einer Werkausgabe, die auf ihre Art 60 Jahre Ideengeschichte unseres Landes spiegelt, ihrem Ende. Es ist ein Happy End mit einem Beigeschmack. Die viel später begonnenen Adorno- und Benjamin-Ausgaben sind längst schon abgeschlossen und werden durch gut subventionierte, mit einem aufwendigen Apparat versehene Supplemente kontinuierlich vervollständigt. Davon kann im Fall des in seiner Heimat verfemten Philosophen nicht die Rede sein. Wir können froh sein, jetzt die Leseausgabe eines Werkes zu besitzen, das aus der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken ist. Doch die Luchterhand-Bände sind inzwischen weitestgehend vergriffen, obwohl sich international eine zweite Lukács-Renaissance anbahnt. Deren Zentren dürften sich in absehbarer Zeit eher im asiatischen Raum oder in Südamerika befinden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Georg Lukács: Werke Band 3. Teilband 1. Hrsg. v. Zsuzsa Bognár, Werner Jung und Antonia Opitz. Aisthesis, 689 S., geb., 128 €.

Rüdiger Dannemann ist Mitbegründer und Vorsitzender der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft.

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