Zwischen Firlefanz und Langeweile

Ein Jahr Schule unter Corona-Bedingungen. Luke aus Hohenschönhausen berichtet.

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 6 Min.
Warten auf den Frühling: Luke am Brunnen der Jugend in Hohenschönhausen
Warten auf den Frühling: Luke am Brunnen der Jugend in Hohenschönhausen

Viel ist seit geraumer Zeit von den Folgen der Schulschließungen für Kinder und Jugendliche die Rede. »Mir ist wichtig, dass kein Schüler, keine Schülerin mit pandemiebedingten Lernrückständen alleine gelassen wird«, erklärte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) im Januar, als die Schulen bundesweit dicht waren. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) floskelte zeitgleich: »Jeder einzelne Tag, den ein Kind nicht in die Schule geht, kann ein verlorener Tag für das Kind sein.«

So betrachtet wären Jugendliche wie Luke aus Berlin-Hohenschönhausen die großen Verlierer der Pandemie. Der 14-Jährige besucht die neunte Klasse einer Sekundarschule - und gehört damit zu jener Gruppe Berliner Schülerinnen und Schüler, die ihr Schulgebäude in den vergangenen zwölf Monaten am seltensten von innen gesehen haben. Sie waren die letzten, die im Mai 2020 nach dem ersten Lockdown zurück in die Klassenräume geholt wurden. Und sie bleiben auch aktuell erst einmal außen vor bei den vorsichtigen Schulöffnungen. »Im Grunde habe ich mit nichts anderem gerechnet«, sagt Luke zu der Senatsentscheidung vom Dienstag, den über 83 000 Berliner Siebt-, Acht- und Neuntklässlern nun doch nicht - wie zuvor angekündigt - in der kommenden Woche Wechselunterricht anzubieten. »Ich weiß, dass gerade diese Jahrgänge es derzeit besonders schwer haben«, bedauerte Bildungssenatorin Scheeres den vorläufigen Verzicht auf weitere Öffnungen. »Das ist ja schön für die Senatorin«, sagt Luke.

Die Grundschüler sind längst stunden-, tage- oder wochenweise zurückgekehrt in die Klassenräume, seit Mitte dieser Woche auch die Jahrgangsstufen 10 bis 13. Bleiben die Jahrgänge dazwischen. Kinder und Jugendliche wie Luke. »Wenn in der Öffentlichkeit immer nur von den armen Grundschülern oder den armen Oberschülern gesprochen wird, das mag ja alles richtig sein. Aber wenn wir dann ganz außen vor gelassen werden, dann macht mich das schon sauer«, sagt der aufgeweckte Teenager.

Im Januar hatte ihn »nd« schon einmal in Hohenschönhausen getroffen, als er im Wahlkreisbüro der Linke-Abgeordneten Gesine Lötzsch, Ines Schmidt und Wolfgang Albers an der Zingster Straße das Angebot annahm, sich bei den Hausaufgaben über die Schulter schauen zu lassen. Für Luke war es auch und vor allem eine Möglichkeit, der Enge der 60-Quadratmeter-Wohnung zu entfliehen, die er sich mit seinem Vater, seiner zwei Jahre jüngeren Schwester, Bulldogge Hektor und Kater Tiger teilt. Zu dem Zeitpunkt hatte in ihm vor allem ein Gefühl geherrscht: Langeweile. »Da saß ich ja fast nur noch in der Wohnung und hatte Hummeln im Arsch.« Hinzu kam der Frust, dass der »Schulisch angeleitetes Lernen zu Hause« genannte digitale Ersatzunterricht bei ihm im Wesentlichen ohne den Bestandteil »schulisch angeleitet« auskam.

Immerhin: Anders als die meisten anderen Siebt- bis Neuntklässler sieht Luke das Schulgebäude schon jetzt von innen, täglich von acht bis halb zehn, zusammen mit rund 20 anderen Schülern der Mittelstufe. Luke nutzt inzwischen die »Präsenzangebote für Schülerinnen und Schüler, die sozial benachteiligt sind oder keine geeigneten Lernmöglichkeiten zu Hause haben«, wie es im Bildungsverwaltungsdeutsch heißt. Dass das Angebot an seiner Schule für Luke auf spärliche anderthalb Stunden begrenzt ist - geschenkt. Im Gegensatz zum ersten Treffen mit »nd«, als der Neuntklässler mitunter nicht vor um zehn aus dem Bett kam, hat er nun durch das frühe Aufstehen »wieder Struktur im Tag«, wie er sagt.

Genau diese Struktur ist offenkundig vielen Kindern und Jugendlichen während der Zeit der Schulschließungen abhandengekommen. So zeigt eine Anfang März von der Initiative Bildungsgerechtigkeit 2021 durchgeführte Umfrage unter gut 7500 Berliner Schülern und fast 70 Schulsprechern, dass 73 Prozent der Befragten aktuell das Gefühl eines »Kontrollverlusts im eigenen Leben« kennen. Fast 50 Prozent sitzen mehr als acht Stunden vor dem Bildschirm, 62 Prozent beklagen eine »erhebliche« Beeinträchtigung ihres Schlafrhythmus, über 20 Prozent sagen, sie hätten kaum noch eine Tagesstruktur.

»Für viele war es schon deshalb wichtig, in den Sozialraum Schule zurückzukehren«, sagt Matthias Siebert, Vorsitzender des Landesverbands Schulpsychologie Berlin. Natürlich gebe es auch Berichte von Kindern und Jugendlichen, die daheim weitaus besser klarkommen, weitaus effizienter lernen als in der Schule. Etwa, wenn sie dort andauerndem Mobbing ausgesetzt sind. Viele andere erleben die Zeit aber als »Ausnahmezustand«, so Sieberts Erfahrung aus seiner Arbeit im Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum von Steglitz-Zehlendorf.

»Die Mehrheit der Jugendlichen ist im Moment in einer psychischen Notlage. Für die Eltern bedeutet dies Pubertät hoch zehn. Da kommt in einer entscheidenden Entwicklungsphase noch etwas oben drauf«, so Siebert . Bei den Heranwachsenden selbst tue der enorme Leistungsdruck in diesem Schuljahr, häufig verbunden mit einem Absturz bei den Noten, sein Übriges. Ein gewisser Leistungsabfall sei bei Acht- oder Neuntklässlern ein typisches pubertätsbedingtes Phänomen, unabhängig von der Corona-Situation, erklärt Siebert. »Allerdings ist es wahrscheinlich, dass zuletzt das Ausmaß der Verschlechterung zugenommen hat.«

Auf den Teenager aus Hohenschönhausen trifft das nicht nur wahrscheinlich zu. »Ich war vielleicht nicht immer der fleißigste, aber ein guter Schüler«, sagt er selbstbewusst. Von dem üblichen Zweier-Notendurchschnitt sei er aber mittlerweile ordentlich entfernt. Insbesondere Mathe mache ihm zu schaffen, hier sei er jetzt auf eine Vier minus abgerutscht. Und er ist damit nicht allein, viele seiner Freunde und Bekannten seien »deutlich abgefallen in ihren Leistungen«. Das Problem ist aus seiner Sicht zum einen, dass »wir ja eigentlich fast nur noch Selbststudium machen«. Zum anderen sei ihm das neue alte Lernpensum auf die Füße gefallen. »Den Lehrern war das ja bewusst, dass uns ein halbes Jahr Stoff fehlte und da ein Vakuum war. Aber die haben halt einfach weitergemacht in ihrem Programm.«

Schulpsychologe Siebert kennt das aus seiner Arbeit: »Ich finde es deshalb auch bedenklich, wenn viele so tun, als gäbe es diese Krise nicht.« Zugleich weist er aber auch auf einen anderen Punkt hin: Optimismus. »Wir brauchen beides, das Anerkennen der Situation als Krise und den Optimismus«, sagt Siebert. Tatsächlich scheint Letzteres in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich unterrepräsentiert: dass eben nicht alles grau und trostlos war und ist im Leben von Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Pandemie.

So erinnert sich auch Luke gern an den vergangenen Sommer, den er, da er ja ohnehin kaum Schule hatte, intensiver als sonst erlebt habe: »Ich war sehr viel mit Freunden draußen, eigentlich nur unterwegs, von mittags bis richtig spät.« Zu fünft seien sie unterwegs gewesen, meist mit Fahrrädern. »Wir haben irgendeinen Firlefanz gemacht, sind durch die leeren Parkhäuser mit den Rädern gerast oder abends in Gegenden rumgefahren, wo wir normalerweise eher weniger hinkommen.« Klar, habe er seine Grenzen ausgetestet. Auch nach den Sommerferien. Die Lehrkräfte waren in Corona-Alarmstimmung, wenn ein Schüler nur gehustet hat? Perfekt. »Man musste ja nur sagen: Mir ist nicht gut - und zack, nach Hause«, freut er sich. Überhaupt wirkt der Hohenschönhausener heute weitaus aufgeräumter als noch vor zwei Monaten: »Es wird ja langsam Frühling. Da kommt man endlich wieder raus.«

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