Vom Hooligan zum Helfer

Olaf Block ist ein Ehrenamtspreisträger - nach einer gewalttätigen Vergangenheit im Fußball und der rechten Szene.

  • Von Volker Stahl , Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Es fing harmlos an. Als Kind begeisterte sich Olaf Block für den Fußball und fing an zu kicken. Erst den ganzen Tag auf einem Dorfacker, später in der E-Jugend des emsländischen ASV Altenlingen. Der Sport war ein Ventil für den kleinen Olaf. Zu Hause habe es keine Anerkennung gegeben und in der Schule sei er »nicht die hellste Kerze auf der Torte« gewesen, erzählt er beim Treffen auf dem Sportplatz an der Slomannstraße im Hamburger Stadtteil Veddel.

Er war 14, als er im Derby gegen »die Bauern« von Holthausen-Biene von der Ersatzbank in die Abwehr beordert wurde. Weil sein Gegenspieler ihm immer wieder auf die Socken trat, sann der Teenager auf Rache: Er sprang seinem Kontrahenten von hinten in die Beine, trat dem sich auf dem Boden Wälzenden anschließend mit voller Wucht aufs Fußgelenk und freute sich: »Der spielt nie wieder Fußball!« Olaf Block flog vom Platz und aus dem Verein.

Der Gewalt blieb er treu - als Fan des SV Meppen. Dort bekam er die ersehnte Anerkennung. In seiner Clique war er plötzlich der Held, als er im Emslandstadion die Fahne des dort gastierenden FC Schalke 04 abfackelte und dafür von den Gelsenkirchener Fans brutal verprügelt wurde: »Der erste Nasenbeinbruch«, schreibt er lakonisch in seiner Autobiografie »Mein Weg vom Hooligan zum DFB-Ehrenamtspreis«.

Block war einer der berüchtigten »XXX-Boys«. Er absolvierte eine Bäckerlehre und verpflichtete sich später bei der Bundeswehr. Weil er in Amsterdam stationiert war, bekam er doppeltes Salär, das er in Unmengen Alkohol und Auswärtsfahrten seines Vereins investierte. Es gab unzählige Schlägereien mit rivalisierenden Fangruppen: »Wenn die Polizei kam, hatten wir plötzlich einen gemeinsamen Feind. Da waren wir uns einig.« Und es kam noch schlimmer. »In dieser Zeit wurde die Skinhaed-szene für mich interessant. Ich fing an, Tag und Nacht die Musik der Böhsen Onkelz zu hören.« Seine Vorbilder waren die ausländerfeindlichen Skins aus Rostock. Er radikalisierte sich. Die Folge: Festnahme, Gerichtstermin, Schmerzensgeldzahlungen und Sozialstunden.

Es hagelte weiter Anzeigen, die Bundeswehr schob ihn aufs Abstellgleis, seine Freundin verließ ihn und er bekam eine zweijährige Bewährungsstrafe - wegen illegalen Waffenbesitzes und Sozialbetrugs. Von dieser Zeit verbrachte Block drei Monate im offenen Vollzug, die ihm psychisch stark zusetzten: Er fing an, sich zu ritzen und erhielt die Diagnose Borderline-Syndrom: »Ich bekam einen Knacks, merkte, dass ich mich nicht mehr spürte und war der Meinung, dass ich mich für meine Taten selbst bestrafen müsste.«

Zum ersten Mal an der Richtigkeit seines Handels habe er während der Fußball-WM 1998 gezweifelt, als der französische Polizist Daniel Nivel von deutschen Hooligans ins Koma geprügelt wurde und seinen Beruf wegen irreversibler Schäden aufgeben musste. Die Wende in Blocks Leben kam 2002, als er Andrea kennenlernte. Das Paar heiratete. Er nahm den Nachnamen seiner Partnerin an, zwei Jahre später wurde die gemeinsame Tochter geboren. Seitdem wohnt die Familie auf der Veddel, die zu den sozial schwächsten Stadtteilen Hamburgs gehört. Der Migrationsanteil liegt dort bei 45,5 Prozent. Für den ehemaligen Hool ein »Kulturschock«. Doch bald habe er sich auf der Elbinsel wohlgefühlt.

Irgendwann hat es bei Olaf Block endgültig klick gemacht - er war plötzlich beseelt von dem Gedanken, alles gut machen zu müssen: »Als ich 2005 ein Fußballspiel in der Kreisklasse besuchte, kam ich mit der Platzwartin ins Gespräch.« Er lernte Spieler und Funktionäre des Fußballvereins Vatan Gücü kennen, wurde ehrenamtlicher Betreuer der Herrenmannschaft. Block füllte ein Jahr lang Wasserflaschen, pumpte Bälle auf, wusch Trikots. 2009 heuerte er beim neu gegründeten Club Dynamo Hamburg an und stieg in kurzer Zeit vom Betreuer zum 1. Vorsitzenden auf. Er gründete und trainierte jahrelang Jugendmannschaften, besorgte Sponsoren und erledigte Organisatorisches. Zuletzt kümmerte er sich als Vorstandsmitglied bei Veddel United um die Nachwuchskicker. Der Hamburger Fußballverband verlieh ihm für sein Engagement einen Ehrenamtspreis.

Doch nun sei sein Akku leer, sagt der 50-Jährige: »Ich werde dem Verein zwar weiter als Berater zur Verfügung stehen, aber jetzt geht für mich eine lange Zeit mit dem Fußball zu Ende.« Auch ehrenamtlich will er sich weiter engagieren und seine Geschichte gerne in Schulen und Vereinen erzählen und den »Kids und Jugendlichen« zeigen, dass man gewaltfrei leben und ohne Alkohol und Drogen etwas erreichen könne. Die soziale Kompetenz dazu besitzt er, denn in den vergangenen zwei Jahren hat Block hauptberuflich in der Produktionsschule Eimsbüttel als Anleiter in der Malerwerkstatt gearbeitet - mit Schulschwänzern, Drogenabhängigen, gewalttätigen Jugendlichen.

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