Ohrfeige vom kolumbianischen Vertreter

Regierung vertuschte 21 Jahre lang Beweise für die Entführung einer prominenten Journalistin

Die Liste der Fehler und Versäumnisse, die sich Camilo Gómez bei der Anhörung vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte anhören muss, ist lang. Teile der Untersuchungsergebnisse gingen verloren, Beweise verschwanden und den Morddrohungen gegen Jineth Bedoya gingen die Ermittlungsbehörden nicht nach. Versäumnisse, die auch Gómez, offizieller Rechtsvertreter des kolumbianischen Staates in dem aufsehenerregenden Prozess »Bedoya gegen den kolumbianischen Staat«, eingesteht. Allerdings nur partiell. Mehr als eine Entschuldigung für die Tatsache, dass Jineth Bedoya ihre Aussage zwölf Mal machen musste, war von Gómez am Dienstag vor Gericht nicht zu hören. Für die 46-jährige Journalistin und Redaktionsleiterin der wichtigsten Tageszeitung »El Tiempo« war das die »zweite Ohrfeige vor Gericht«.

Wie würde der kolumbianische Vertreter gegenüber einer einfachen, unbekannten Frau auftreten, die nicht die Möglichkeiten einer bekannten Journalistin habe? Das fragte Jineth Bedoya im Anschluss an die Anhörung vor dem Gerichtshof vom Dienstag. Wenig später war diese bezeichnende Frage auch im »El Tiempo« zu lesen. Schlechte Nachrichten für die Regierung Iván Duque, die hofft, einen Schuldspruch vor dem höchsten Gerichtshof der Region vermeiden zu können und dafür eine aggressive Strategie gewählt hat.

21 Jahre Straflosigkeit - warum?

Für diese Strategie ist Camilo Gómez, Direktor der »nationalen Agentur für juristische Verteidigung«, verantwortlich und bereits in der letzten Woche hatte er international für Empörung gesorgt, als er nicht nur die Unbefangenheit von fünf der sechs Richter in Frage stellte, sondern außerdem auch noch der Verhandlung fernblieb, weil das Gericht seinen Antrag auf Unterbrechung abgelehnt hatte. Das war die erste Ohrfeige laut Bedoya.

Ein Novum in der Geschichte des Gerichts, verlautete von Human Rights Watch, dessen Amerika-Direktor José Miguel Vivanco das Verhalten von Gómez beschämend nannte. Für den Direktor der Stiftung für die Pressefreiheit (FLIP), Jonathan Bock, stellt sich hingegen die Frage, ob Kolumbiens Regierung das Gericht schwächen wolle. »Zielt die Haltung der Regierung darauf ab, diesen internationalen Gerichtshof zu diskreditieren? Wird die Klage von Jineth Bedoya instrumentalisiert, um anderen Opfern den Mut zu klagen zu nehmen?«, fragt Bock, dessen Organisation Bedoya vor Gericht begleitet. Das ist nur logisch, denn schließlich wurde sie wegen ihrer Arbeit entführt: Am 26. Mai 2000 wurde Bedoya, damals Reporterin für die Redaktion des »El Espectador«, vor dem Eingang zur Justizvollzugsanstalt »La Modelo« überwältigt, 16 Stunden lang festgehalten, vergewaltigt und gefoltert.

Geflecht aus Paramilitärs und Armee

Wie war die Entführung unter den Augen der Sicherheitsbehörden möglich, die der Journalistin schließlich das Interview mit zwei Paramilitärs im Gefängnis angeboten hatten - alles eine Falle, um die unbequeme Journalistin zum Schweigen zu bringen. Fragen, die Jineth Bedoya seit knapp 21 Jahren stellt. Sie hat ihren eigenen Fall unter die Lupe genommen, die Täter den Richtern in Kolumbien quasi auf dem Silbertablett geliefert. Sie wurden letztlich verurteilt, aber die Journalistin Bedoya will wissen, wer Auftraggeber der Entführung war, und dabei wird der Prozess das Geflecht zwischen Paramilitärs und kolumbianischer Armee beleuchten.

Die Regierung Iván Duque will einen Schuldspruch des Gerichtes mit allen Mitteln vermeiden, sagen Journalisten und Menschenrechtsorganisationen in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Das ist aber wenig wahrscheinlich, denn die Beweise dafür, dass Kolumbiens Justiz 21 Jahre lang zur Straflosigkeit in diesem Fall beigetragen hat, sind erdrückend. Daher könnte der Fall Bedoya zum Präzedenzfall werden für kolumbianische Frauen, die vergewaltigt wurden, und für Journalisten beiderlei Geschlechts.

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