Der Menschenjäger

Historiker Helmut Suter zeigt den Nazi Hermann Göring im Revier Schorfheide. Von Andreas Fritsche

  • Von Andreas Fritsche
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Hermann Göring hatte einen Termin bei dem britischen Diplomaten Edmund Phipps. Er verspätete sich und brachte zur Entschuldigung vor, er sei gerade erst von der Jagd zurückgekehrt. Daraufhin soll der Botschafter mit hochgezogenen Augenbrauen bemerkt haben: »Auf Tiere, hoffe ich.«

Helmut Suter erzählt diese Anekdote in seinem neuen Buch »Jagd unterm Hakenkreuz«. Der Autor hat in einer Reihe vier Bücher zur Geschichte von Jagd und Politik in der Schorfheide herausgebracht. »Jagd und Macht« ist dabei die Überblicksdarstellung, von der inzwischen die fünfte Auflage gedruckt ist. Dazu gab es als ausführlichere Schilderungen für einzelne Zeitabschnitte bisher: »Das Jagdrevier der Könige« für die Jahre 1820 bis 1918 und »Honeckers letzter Hirsch« für die Jahre 1949 bis 1990.

Nun ist der Band »Jagd unterm Hakenkreuz« für die Zeit von 1933 bis 1945 erhältlich. Das waren die Jahre, in denen Hermann Göring über die Schorfheide herrschte. Ab 1934 durfte er sich Reichsjägermeister nennen, wobei eine förmliche Ernennungsurkunde offenbar nie ausgefertigt wurde.

Als preußischer Innenminister - das war nur eins seiner zahlreichen Ämter - ließ Göring Kommunisten, Sozialdemokraten und andere politische Gegner verfolgen und ermorden. Er verantwortete die Errichtung erster Konzentrationslager und drohte übrigens auch einmal, jeden ins KZ zu sperren, der Wildtiere wie eine leblose Ware behandele. Dieser Charakter des selbsterklärten Tierfreundes und eindeutigen Menschenfeindes bildet den Hintergrund für die Begebenheit mit Botschafter Phipps, der sich die sarkastische Anspielung nicht verkneifen konnte, Göring habe vielleicht wieder einmal Jagd auf Menschen gemacht. Die Brutalität, die Göring dabei zeigte, ist vielfach bezeugt. Hitler hat ihn begeistert als eiskalt geschildert, wenn es darauf ankomme. Das 1933 und 1934 aufgezogene Terrorregime war zu einem großen Teil Görings Werk.

Gleichzeitig, und das erzählt Helmut Suter in seinem neuen Buch sehr anschaulich, erwarb sich Göring bei Hitler Ansehen, weil er es verstand, großspurig Hof zu halten und Kontakte zum alten Adel und zur Industrie zu knüpfen - er organisierte den Faschisten deren Unterstützung. Er überzeugte die Eliten davon, dass die sozialistischen Phrasen anderer Parteifunktionäre, die nur darauf berechnet waren, Eindruck bei den Arbeitern zu machen, praktisch keine Bedeutung hätten. Für seine Einflussnahme nutzte Göring auch Jagdausflüge, bei denen sich manches schneller abmachen ließ als am Verhandlungstisch. In der Schorfheide nördlich von Berlin war Göring bereits vor 1933 auf die Pirsch gegangen.

Nachdem die NSDAP bei der Reichstagswahl im Juli 1932 stärkste Fraktion und Göring Reichstagspräsident wurde, stand ihm ein eigenes Jagdgebiet zu. Doch das ihm angebotene Revier entsprach nicht seinen Wünschen. Er lehnte es brüsk ab und versicherte, er werde innerhalb eines Jahres preußischer Ministerpräsident und sich dann »die schönsten staatlichen Wälder aussuchen«. So berichtet Helmut Suter - und so kam es dann auch.

In der Schorfheide ließ sich Göring zwischen Wuckersee und Großem Döllnsee ein Jagdhaus errichten, das schrittweise zu einer prächtigen Residenz mit Käfigen für Löwen, Modelleisenbahn, Sauna und Schwimmhalle ausgebaut wurde. Für die Tochter Edda entstand zum Spielen eine Miniaturausgabe von Schloss Sanssouci. Zur Irreführung feindlicher Fliegerangriffe wurde etwas entfernt der gesamte Komplex aus Holz nachgebildet. Carinhall nannte Göring sein Jagdschloss nach seiner ersten Frau Carin, für die er ein Mausoleum am See bauen ließ, in das ihr Leichnam überführt wurde. Die Unterhaltskosten von Carinhall wurden aus verschiedenen Töpfen gedeckt. Niemals musste Göring privat bezahlen. Die Galerien stopfte er mit Gemälden voll, die er in den besetzten Staaten zusammenrauben ließ. Nicht wenige davon hatten vorher Juden gehört.

Die Generalität der Luftwaffe fuhr zu Besprechungen mit ihrem Oberbefehlshaber Göring nach Carinhall raus und trat dort nicht selten noch vor dem Frühstück an. Göring arbeitete aber oft nur drei oder vier Stunden am Tag, ließ es sich ansonsten gut gehen, schlemmte und jagte. Das Wild wurde noch mit Heu und Kartoffeln gefüttert, als die Wehrmacht schon Schwierigkeiten hatte, ihre Pferde zu versorgen, und die Bevölkerung auf schmale Lebensmittelrationen gesetzt war. 30 Personen zählte das Personal von Carinhall, das die Räume reinigte und Göring umsorgte. Dazu kam noch die Wachmannschaft. Im Forst mussten Zwangsarbeiter schuften.

Derweil träumte Göring von einem Revier, durch das Herden von Wisenten brausen. In drei Gehegen wurden sie gezüchtet, aber nicht mehr ausgewildert. Auch Elche ließ der Reichsjägermeister in die Schorfheide transportieren. Die geplante Aussiedlung von Ortschaften blieb derweil in den Anfängen stecken.

Weiter trieb es Göring im ostpolnischen Urwald Białowieża, in dem Wisente noch in freier Wildbahn vorkommen. Diesen Urwald sicherte sich Göring als Staatsjagdgebiet. Hier radierten seine Untergebenen 100 Dörfer aus. 7700 Bewohner wurden deportiert, die Juden sofort erschossen. Doch Göring ging dort nicht mehr auf die Jagd. Man hatte ihn gewarnt, es gebe in Białowieża mehr Partisanen als Hirsche.

Als im April 1945 eine berittene Vorausabteilung der sowjetischen Truppen nach Carinhall vorstieß, sprengten die letzten Bewacher das Anwesen wie befohlen. Die Kunstschätze waren zuvor mit mehreren Zügen weggeschafft worden. Göring hatte sich zum bayerischen Obersalzberg abgesetzt. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt, schluckte er am 16. Oktober 1946 Gift, um dem Strang zu entgehen. An den Ruinen von Carinhall bedienten sich Bauern aus der Gegend, die Baumaterial benötigten. Anfang der 1960er Jahre wurden die Überreste beseitigt.

Helmut Suter: Jagd unterm Hakenkreuz. be.bra, 256 Seiten, 28 Euro.

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