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Vor weiterem Generationswechsel

»VVN-BdA 2030«: Auf ihrem Bundeskongress beriet die antifaschistische Organisation über Zukunftsstrategien

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor 20 Jahren starb der Journalist und Buchenwald-Häftling Emil Carlebach. Der charismatische Kommunist spielte eine wichtige Rolle, als sich die VVN der Bundesrepublik 1971 jungen Antifaschist*innen öffnete und zur Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) wurde. Der Bundeskongress der mittlerweile größten antifaschistischen Organisation in Deutschland fand am Wochenende pandemiebedingt weitgehend digital statt.

In ihrem politischen Bericht benannten die Vorsitzenden Cornelia Kerth und Axel Holz die Entwicklung der extremen Rechten und »VVN-BdA 2030« als Schwerpunkte der Tagung. Am Sonntag wurde über die neue Qualität der rechten Bedrohung diskutiert. In Impulsreferaten wurde konstatiert, dass die Rechte seit dem letzten Bundeskongress 2017 auf verschiedenen Ebenen erfolgreich war. Mit der AfD habe sich eine in Teilen faschistische Partei im Bundestag und allen Landesparlamenten etabliert. Mit den Anschlägen von Halle und Hanau und dem Mord an den CDU-Politiker Walter Lübcke habe der rechte Terror eine neue Dimension erreicht. Gleichzeitig würden in Bundeswehr und Polizei immer wieder rechte Netzwerke und Chatgruppen enttarnt, was ein Indiz für den »rechten Marsch durch die Staatsapparate« sei.

Die Verluste der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März sind für die VVN-BdA-Aktivist*innen kein Grund zur Entwarnung. Vielmehr wird es als besorgniserregend angesehen, dass die Rechtspartei trotz internen Streits mühelos den Einzug in beide Landesparlamente geschafft hat. Zudem könnte die AfD bei den nächsten Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern wieder Auftrieb bekommen. Dort habe die NPD, die in Sachsen und Mecklenburg Vorpommern in mehreren Legislaturperioden parlamentarisch vertreten war, jahrelange Vorarbeit geleistet.

Beim Schwerpunkt »VVN-BdA 2030« ging es um die Perspektive der Organisation ohne die Gründer*innengeneration. Am Wochenende nahmen mit Marianne Wilke und Ernst Grube noch zwei Kämpfer*innen gegen das NS-Regime an der Konferenz teil.

Der Historiker Mathias Wörsching, der sich als Enkel eines kommunistischen Widerstandskämpfers und Sohn eines Wehrmachtsdeserteurs seit Jahren mit der Problematik der dritten Generation der Widerstandskämpfer*innen befasst, benannte in einem Impulsreferat in einer Arbeitsgruppe die Probleme, der sich die VVN-BdA stellen muss. Einerseits sei die Distanzierung von Nationalsozialismus in Deutschland mittlerweile Staatsräson - ein großer Unterschied zur Situation im früheren Westdeutschland, wo die VVN-BdA bis in die 1980er Jahre gegen ein Verschweigen der braunen Vergangenheit ankämpfen musste. Wörsching benannte auch die problematischen Aspekte dieser Veränderungen. Heute dominiere eine Art »Aufarbeitungsstolz«. So gehöre es zur neuen deutschen Erzählung, die eigene Geschichte angeblich besonders gründlich aufgearbeitet zu haben, woraus man gar die Legitimation ableitet, notfalls auch wie in Jugoslawien Kriege mit der Begründung zu führen, es müsse ein neues Auschwitz verhindert werden. Als weiteres Problem, mit dem die VVN-BdA umzugehen habe, benannte Wörsching, die Tatsache, dass viele junge Leute heute ihr Wissen über den Faschismus eher aus der Popkultur als aus der Beschäftigung mit Geschichtsdebatten übernehmen. Eine Herausforderung bestehe zudem darin, jungen Menschen migrantischer Herkunft die NS-Geschichte zu vermitteln. Zugleich müsse sich die VVN-BdA gegenüber jungen Menschen als lernende und nicht belehrende Organisation begreifen, betonte Wörsching.

In der anschließenden Diskussion berichteten VVN-BdA-Mitglieder aus verschiedenen Städten über durchaus ermutigende Beispiele, wie diese Vermittlung in der Praxis gelingen kann. Mit jungen Vorstandsmitgliedern wie der in Bolivien geborenen Denise Maxima Torres setzt die Organisation ein Zeichen, allen in Deutschland lebenden Menschen Raum zu geben.

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