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Welle der Repression in Andalgalá

In der argentinischen Stadt nimmt die Polizei die Gegner einer Mine ins Visier

  • Von Nico Graack
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Menschen im Globalen Norden müssen begreifen, was hier tagtäglich von ihren Unternehmen zerstört wird!«, sagte Rosa Farías gegenüber »nd«. Sie ist eine von vielen Anwohner*innen der Kleinstadt Andalgalá, die sich gerade einer Serie gewalttätiger Razzien, Festnahmen und Einschüchterungen ausgesetzt sieht. Andalgalá liegt in der Provinz Catamarca im Nordwesten Argentiniens. Dort kämpfen seit Jahren verschiedene Bürger*inneninitiativen und Umweltorganisationen gegen das geplante Megaminen-Projekt MARA des kanadischen Unternehmens Yamana Gold. »Die ganze Situation tut mir unglaublich weh. Die Inhaftierten sind unsere Nachbarn, die wie wir alle für ihr sauberes Trinkwasser kämpfen.« Aber Rosa will weitermachen: »Wir werden nicht aufhören, bis die Mine gestoppt ist und unser Fluss und unsere Berge wieder uns gehören.« Es fanden bereits zahlreiche Solidaritätsaktionen statt, um sie dabei zu unterstützen, unter anderem von der kanadischen Organisation Mining Watch.

Seit elf Jahren findet in Andalgalá jeden Samstag der »Spaziergang für das Leben und das Wasser« statt. Am 10. April kam es danach zu einem Brand im Büro des Minenprojektes. Das nahm die Polizei als Vorwand für die Razzien. Die Protestgruppe Asamblea El Algarrobo hatte noch am selben Abend ein Kommuniqué veröffentlicht, in dem sie erklärte, nicht in die Brandstiftung involviert zu sein. Außerdem beschuldigten sie die Polizei, die über elf Jahre stets friedliche Versammlung mit Aufwiegler*innen infiltriert zu haben. Die Polizist*innen der Versammlungsbegleitung seien plötzlich vor den Unruhen verschwunden.

Maria Mansilla beschrieb die Verhaftung ihres Bruders Walter in der Zeitschrift »Cítrica«: Die Polizisten hätten die unverschlossene Tür aufgebrochen, die Wohnung verwüstet und sich geweigert, einen Durchsuchungsbefehl vorzuzeigen. Walter sei jedes Mal geschlagen worden, wenn er versuchte zu sprechen, und seine Kamera und sonstigen Arbeitsgeräte seien beschlagnahmt worden. Er fotografierte seit vielen Jahren die Proteste. Die Häuser von bekannten Wasseraktivist*innen würden von bewaffneten Einheiten belagert, mit Drohnen umkreist und fotografiert.

Rosa berichtet, dass die Polizeipräsenz mittlerweile zurückgegangen sei und auch das zwischenzeitlich eingetroffene Militär sei wieder verschwunden, aber immer noch würden Häuser und Personen beschattet: »Die Stadt ist nach wie vor im Alarmzustand.«

Aktuell sind zwölf Menschen inhaftiert. Die Menschenrechtsorganisation CELS berichtete, dass die Verteidiger*innen der Inhaftierten erst zur Anhörung Akteneinsicht bekam. Die Familien der Inhaftierten und Unterstützer*innen protestieren regelmäßig vor der Staatsanwaltschaft. Prozesstermine gibt es bisher nicht.

Das Minenprojekt MARA entstand aus dem 2020 abgeschlossenen Joint-Venture der geplanten Mine Agua Rica und der benachbarten, seit 1998 betriebenen und inzwischen erschöpften Mine La Alumbrera, in der Gold und Kupfer abgebaut wurden. Auch in der neuen Mine sollen neben Molybdän und Silber vor allem Gold und Kupfer abgebaut werden. Die neue Mine Agua Rica wäre etwa drei Mal so groß wie die Alumbrera-Mine.

Bei der Goldgewinnung werden große Mengen Quecksilber und/oder Natriumcyanid verwendet, um das Rohgold aus dem Gestein zu gewinnen. Dabei wurden allein in der Alumbrera-Mine 95 Millionen Liter Wasser pro Tag verbraucht. Das entstehende hochgiftige Sickerwasser wird in Auffangbecken gelagert. Für das Gebiet sind dabei umfassende Wasserverseuchungen dokumentiert, unter anderem von der Universität Córdoba.

Yamana Gold spricht davon, mit der Mine die Region Catamarca zu einem »zentralen Entwicklungspunkt in Nordwest-Argentinien« zu machen. Das sehen die Bürger*inneninitiativen und Umweltorganisationen in Andalgalá anders. Fabio Paz, einer der Aktivisten, erklärte im Interview mit dem Nachrichtenportal ANCAP: »Durch La Alumbrera verschwanden Städte wie Vis Vis, weil die Familien wegen Dürre und Wasserverschmutzung wegziehen mussten.« Und er fügte an: »Im Fall der Minen Veladero und Alumbrera wurde zum Beispiel ein Arbeitsplatz pro 1,2 Millionen investierter Dollar geschaffen. Dies zeigt, dass viele Arbeitsplätze eine Illusion sind. In der Provinz Catamarca beträgt die von den Bergbauunternehmen geschaffene Beschäftigung nicht einmal ein Prozent.«

Der Fall Andalgalá reiht sich ein in eine lange Geschichte von Repression gegen Menschen, die von Umweltzerstörung und Klimakatastrophe am stärksten betroffen sind und sich dagegen wehren. Im jährlichen Report der Menschenrechtsorganisation Global Witness steht das Bergbaugeschäft seit vielen Jahren an vorderster Stelle bei Ermordungen, Angriffen, Verhaftungen, sexualisierter Gewalt und juristischen Klagen gegen Klimaaktivist*innen. Opfer werden zumeist indigene Menschen, deren Territorien auf Bodenschätzen liegen und die von dort gewaltsam vertrieben werden. In der Regel sind es transnationale Unternehmen aus dem Globalen Norden, die auf diese Weise ihre Interessen durchsetzen.

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