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Aufklärer und Antifaschist

In Münster wurde an Paul Wulf erinnert, der 100 Jahre alt geworden wäre

»Ich lehre Euch Gedächtnis« lautet der programmatische Titel einer Gedenkveranstaltung, an der sich am 2. Mai in Münster rund 100 Menschen beteiligten. Sie erinnerte an Paul Wulf, einen Mann, der im Nationalsozialismus zwangssterilisiert und nach 1945 immer wieder ausgegrenzt wurde. Heute ist er auch über Münster hinaus sehr bekannt. Der Freundeskreis Paul Wulf hatte zur Matinee eingeladen. Unterstützt wurde die Gedenkveranstaltung auch von der Stadt Münster. Die Gedenkveranstaltung fand vor der Paul-Wulf-Skulptur in der Nähe des Münsteraner Hauptbahnhofs statt.

Das Kunstwerk hatte Silke Wagner für die Skulpturenausstellung 07 konzipiert. Dabei handelt es sich um eine internationale Kunstmesse, die alle zehn Jahre in Münster stattfindet. Das Denkmal bedeutete im Nachhinein den Durchbruch für die Anerkennung eines Mannes, der sich über Jahrzehnte als antifaschistischer Aufklärer betätigt hatte. In mühsamer Kleinarbeit hat Wulf, der nie eine Hochschule besucht hat, in zahlreichen Bibliotheken Unterlagen gesammelt, in denen er die Kontinuität vom Faschismus in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft akribisch aufzeigte. Damit machte er sich bei den Münsteraner Behörden wenig Freund*innen. Dort begegnete Wulf Beamt*innen, die er in der NS-Zeit als treue Staatsdiener*innen kennengelernt hatte. Einer von ihnen hatte Wulf offen gesagt, dass er für seine Zwangssterilisation nicht entschädigt werde, solange er in der Behörde etwas zu sagen hat. Unterstützt wurde Wulf zunächst vor allem von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), in der er viele Jahre aktiv war. Dass Wulf offen für neue Ideen und Vorstellungen war, zeigte sich in den 1970er und 1980er Jahren. In dieser Zeit fand er Zugang zur Neuen Linken, die nach 1968 auch in Münster ein politischer Faktor geworden waren. Dadurch bekam Wulf die Möglichkeit, in den 70er und 80er Jahren zahlreiche Ausstellungen zu realisieren, in denen er auf die NS-Verstrickungen hinwies.

Münster behält Gedenkort für Paul Wulf. Streit um dauerhafte Ehrung für von den Nazis Verfolgten damit zu Ende

Für sein Anliegen der NS-Aufarbeitung suchte Wulf auch Unterstützung in linken und autonomen Einrichtungen. Aus diesen Kreisen kamen viele der Mitstreiter*innen, die heute im Freundeskreis Paul Wulf aktiv sind. Dazu gehört der Soziologe Bernd Drücke, der ein besonders freundliches Verhältnis zu Wulf hatte. Er hielt auf der Matinee eine sehr persönliche Rede. Auch eine der Schüler*innen, die sich im Rahmen eines Geschichtswettbewerbs an ihrem Gymnasium mit Paul Wulf befasste, hielt eine kurze Gedenkrede. Der Freundeskreis hat dafür gesorgt, dass das Gedenken an Wulf nicht auf den runden Geburtstag beschränkt bleibt. Mittlerweile trägt in Münster eine Straße seinen Namen. Als besonderes Geburtstagsgeschenk hat der Freundeskreis zudem im Unrast-Verlag ein vorzüglich gestaltetes Buch mit dem programmatischen Titel »Ich lehre Euch Gedächtnis - Paul Wulf: NS-Opfer, Antifaschist, Aufklärer« herausgegeben.

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