»Es gibt nie einen Grund, ein Kind hungern zu lassen«

Mary’s Meal organisiert Schulspeisungen in armen Ländern. Das ist nicht immer ungefährlich

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 8 Min.

Mr. MacFarlane-Barrow, in 19 der ärmsten Länder der Welt bietet Mary’s Meals kostenlose Schulspeisungen an. Aber wegen der Corona-Pandemie sind viele Schulen geschlossen. Mussten Sie Ihre Arbeit einstellen?

Natürlich nicht! Zwar gab und gibt es während der Pandemie gute Gründe, Schulen zu schließen. Aber es gibt nie einen Grund, ein Kind hungern zu lassen. Vor der Coronakrise haben wir an jedem Schultag rund 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche mit einer gesunden Mahlzeit pro Tag versorgt. Durch Corona mussten wir unser System komplett umstellen. Aber es ist uns gelungen, weiterhin die gleiche Zahl an Mahlzeiten auszugeben. Das Essen wird jetzt an der Schule abgeholt und zu Hause zubereitet. Dabei achten wir darauf, dass Corona-Schutzmaßnahmen eingehalten werden, um Ansteckungen zu vermeiden. Aber uns wäre es natürlich lieber, wenn die Corona-Situation es möglichst bald erlauben würde, dass die Kinder in die Schulen zurückkehren können.

Warum wollen Sie Armut ausgerechnet mit Schulspeisungen bekämpfen?

Wir haben als eine Nothilfeorganisation angefangen. Weil wir dem Leid der Menschen in Bosnien-Herzegowina nicht tatenlos zusehen konnten, haben mein Bruder Fergus und ich 1992 einen gebrauchten Land Rover gekauft, ihn mit gespendeten Hilfsgütern beladen und uns einem Hilfskonvoi angeschlossen, um die Opfer des Krieges im ehemaligen Jugoslawien zu versorgen. Seitdem leisten wir Nothilfe.

Während einer schlimmen Hungersnot habe ich 2002 in Malawi den 14-jährigen Edward kennengelernt. Sein Vater war bereits gestorben, seine Mutter lag mit Aids im Sterben; er hatte fünf jüngere Geschwister. Ich habe ihn gefragt, was er sich für die Zukunft wünscht. Er sagte mir: »Dass ich jeden Tag eine warme Mahlzeit bekomme und eines Tages endlich zur Schule gehen kann.« Das hat mich wahnsinnig traurig gemacht und mich überzeugt, dass wir bei unserer Arbeit zukünftig am Zusammenhang zwischen Armut und mangelnden Bildungschancen ansetzen müssen. Noch im gleichen Jahr haben wir in Malawi jeden Tag 200 Schulessen ausgegeben. Mittlerweile sind es allein in Malawi mehr als eine Million Mahlzeiten pro Tag.

Aber doktern Schulessen nicht nur an den Symptomen der Armut rum, statt die Ursachen zu bekämpfen?

Das Schöne ist: Es passiert beides. Mir würde es ja schon reichen, wenn wir nur die Symptome bekämpften. Es gibt schließlich die moralische Verpflichtung, einem hungernden Kind zu helfen! Aber: Die Schulspeisung macht so viel mehr. In Malawi erhalten mittlerweile fast 30 Prozent aller Grundschulkinder jeden Tag eine Mahlzeit von Mary’s Meals. Vorher sind sie oft nicht zur Schule gegangen, weil sie arbeiten oder betteln mussten, um irgendwie Essen auf den Tisch zu bekommen. Wenn Kinder und Eltern wissen, dass es in der Schule etwas zu essen gibt, werden deutlich mehr Kinder eingeschult. Sie besuchen regelmäßiger den Unterricht und machen bessere Abschlüsse.

Mit leerem Magen lernt es sich schlecht. Früher sind die Kinder in der Schule oft eingeschlafen oder sogar in Ohnmacht gefallen, weil sie so hungrig waren. Wir alle wissen: Bildung ist der beste Weg, Armut zu überwinden. Also schlagen wir mit unseren Schulspeisungen zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir lindern akute Not - und schaffen langfristig Perspektiven.

Wie viele Mahlzeiten hat Mary’s Meals weltweit schon ausgegeben?

Mehr als zwei Milliarden. Auch dank dieser Schulspeisungen gibt es jetzt eine Generation Hoffnung. Dazu zählt auch die 25-jährige Veronica aus Malawi. Sie ist Waise und konnte nie zur Schule gehen - bis Mary’s Meals vor 19 Jahren in ihrem Dorf anfing, kostenlose Schulspeisung anzubieten. Mittlerweile hat sie einen Uni-Abschluss und unterrichtet an einem College in ihrer Heimat. Junge Menschen wie sie werden in Zukunft die vielfältigen Probleme in Entwicklungsländern in Angriff nehmen.

Mary’s Meals braucht durchschnittlich nur 18,30 Euro, um ein Kind ein Jahr lang mit Schulmahlzeiten zu versorgen. Warum ist das so billig?

Um einheimische Wirtschaften zu stärken, kaufen wir die Zutaten - wo immer es möglich ist - auf lokalen Märkten und servieren den Kindern einfache, aber gesunde und nahrhafte einheimische Speisen. Zubereitet werden sie von ehrenamtlichen Helfern. Alleine in Malawi haben wir 80 000 Freiwillige. Oft sind es Mütter, die Kinder an den Schulen haben, für die sie kochen. Darum können wir mit wenig Geld viele Kinder sattkriegen und ihnen so den Schulbesuch ermöglichen.

Sie arbeiten auch in Kriegsgebieten. Wie funktioniert das?

In Tigray, im Norden Äthiopiens, herrscht seit Anfang November Bürgerkrieg. Alle Schulen, an denen wir durch eine Partnerorganisation bislang tätig waren, sind geschlossen. Dafür versorgen wir jetzt rund 16 000 Menschen, die vor den Kämpfen geflohen sind. Unter ihnen sind auch viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Viele von ihnen haben Massentötungen, Vergewaltigungen und Plünderungen mit ihren eigenen Augen gesehen und sind extrem traumatisiert. Auch unsere Mitarbeiter sind davon betroffen. 13 Mitglieder aus der Familie der Leiterin unserer Partnerorganisation wurden getötet. Trotzdem versuchen sie und ihr Team so gut wie möglich, die Bedürftigen zu versorgen.

Mary’s Meals ist auch in Aleppo aktiv. Die syrische Stadt steht unter der Kontrolle des Assad-Regimes. Entlassen Sie so nicht eine Regierung aus der Verantwortung? Statt Schulkinder mit Essen zu versorgen, setzt Assad gnadenlos den Kampf gegen die letzten Aufständischen fort ...

Wir sind nicht naiv. Wir sind uns dieses moralischen Dilemmas bewusst. Aber bei uns steht die Bedürftigkeit des Kindes immer an erster Stelle. Wir sind den humanitären Grundsätzen verpflichtet. Wir helfen dort, wo die Not am größten ist. Darum gehen wir auch dorthin, wo die Arbeit schwierig und gefährlich ist. Kein Kind soll die Rechnung für die Verbrechen einer Regierung zahlen.

Zugleich wollen wir überall die Verantwortung für Ernährung und Bildung der Kinder so schnell wie möglich an die Regierungen übergeben. Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen.

In Niger und Madagaskar unterstützen Sie auch Kinder und Jugendliche in Gefängnissen. Warum?

Unter den Gefangenen sind viele Straßenkinder, die oft schon lange ohne Anklage im Gefängnis sitzen. Viele von ihnen sind sicherlich komplett unschuldig. Unsere Partnerorganisation leistet ihnen Rechtsbeistand und unterrichtet sie im Gefängnis, damit sie nach ihrer Freilassung wieder in die Gesellschaft integriert werden können.

Auch die Versorgung mit Essen ist in Gefängnissen in Madagaskar und Niger häufig katastrophal. Oft wird in diesen Gefängnissen regelrecht um das bisschen Essen, das es gibt, gekämpft. Kinder ziehen dabei häufig den Kürzeren. Viele werden davon krank, andere sterben sogar. Das wollen wir verhindern.

White Saviors, also Weiße Retter, die in Entwicklungsländern Hilfsprojekte betreiben, sind zuletzt vor allem von People of Color als überflüssig, antiquiert und anmaßend kritisiert worden. Sind Sie ein Weißer Retter?

Nein, dieser Vorwurf trifft uns nicht. Ich bin zwar offensichtlich weiß, aber in den 19 Ländern, in denen wir tätig sind, haben wir fast ausschließlich lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir kommen nicht von außen, um irgendjemanden zu retten. Mary’s Meals ist Teil der Gemeinschaften, mit denen wir arbeiten.

Sie sind katholisch erzogen worden und haben im Jahr 1983 mit zwei Ihrer fünf Geschwister eine Wallfahrt nach Medjugorje im damaligen Jugoslawien unternommen. Zwei Jahre zuvor soll sich die Mutter Gottes dort erstmals sechs Schafe hütenden Kindern gezeigt haben. Hatten Sie damit gerechnet, dass auch Ihnen Maria erscheinen würde?

Nein, aber seit meinem Besuch glaube ich, dass es diese Marienerscheinung wirklich gegeben hat.

Welchen Einfluss hat Ihr Glaube auf Ihre Arbeit?

Mein Glaube motiviert mich, Menschen zu helfen. Aber wir sind keine religiöse Organisation. Wir haben eine universelle Mission. Wir helfen Menschen aller Religionen. Bei uns arbeiten Menschen, die sich zu allen möglichen oder zu gar keiner Religion bekennen.

Für Ihre Arbeit sind Sie vielfach ausgezeichnet worden. Queen Elizabeth persönlich hat Sie mit dem »Order of the Britisch Empire« geehrt, der amerikanische Fernsehsender CNN kürte Sie als »Held des Jahres«, das US-Magazin »Time« zählte Sie zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Was bedeuten Ihnen diese Orden und Auszeichnungen?

Zunächst hielt ich sie für absurd. Es war mir wirklich peinlich. Vor allem die Auszeichnung des »Time«-Magazins. Ich halte mich noch nicht mal für die einflussreichste Person in meiner eigenen Familie. Doch dann habe ich begriffen: Es geht bei diesen Auszeichnungen nicht um mich, es geht um Mary’s Meals. Man brauchte lediglich eine Person mit einem Gesicht und zwei Händen, die die Auszeichnung entgegennimmt und höflich Danke sagt. Das war ich. Und natürlich habe ich mich auch gefreut, dass unsere Arbeit zur Kenntnis genommen und wertgeschätzt wird.

Sie sagen, dass Sie noch nicht mal in Ihrer eigenen Familie das Sagen haben, aber die ist ja auch nicht gerade klein ...

Richtig. Ich habe sieben Kinder. Sie sind zwischen 10 und 22 Jahre alt.

Da konnten Sie die Schulspeisung ja fast zu Hause üben ...

Na ja, bei großen Schulspeisungen versorgt Mary’s Meals über 8000 Schülerinnen und Schüler. Aber was auf jeden Fall stimmt: Meine Frau Julie und ich lieben Kinder. Ich habe Julie 1993 bei einem meiner ersten Hilfstransporte kennengelernt. Wir haben mehrfach zusammen einen Lastwagen mit Hilfsgütern nach Bosnien gefahren. Sie ist die bessere Lkw-Fahrerin. Um sich ganz den Hilfslieferungen widmen zu können, hat sie ihren Job in einem schottischen Krankenhaus aufgegeben.

Genau wie Sie ...

Stimmt! Ich hatte nach der Schule angefangen, Geschichte zu studieren, doch als Junge vom Land war ich irgendwie zu schüchtern für die Uni. Dann bin ich mehr aus Verlegenheit Lachszüchter geworden. Das war damals in den schottischen Highlands die einzige wachsende Branche. 1992 habe ich gekündigt und mein Haus verkauft, um mich ganz darauf zu konzentrieren, Menschen in Not zu helfen. Ich habe es nie bereut.

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