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  • »Der Sohn der weißen Stute«

Ein Kinofest aus Farben und Formen

Für die Fans des psychedelischen Films: »Der Sohn der weißen Stute« des ungarischen Regisseurs Marcell Jankovics wird 40 Jahre nach seiner Entstehung auf DVD und Blu-Ray veröffentlicht

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer sich in den mythischen Erzählungen Osteuropas auskennt, wird diesen Film eventuell anders sehen. Aber auch wenn man von den literarischen Traditionen, auf die sich der ungarische Regisseur Marcell Jankovics in »Der Sohn der weißen Stute« beruft, keine Ahnung hat, bleiben noch Farben, Formen und Klänge. Und in dieser Hinsicht schöpft Jankovics in seinem 1981 erschienenen zweiten Langfilm mit aller erdenklichen bildgestalterischen Kraft aus dem Vollen.

Kommerziell war »Der Sohn der weißen Stute« damals ein Misserfolg, was auch daran liegen mag, dass er für ein Erwachsenenpublikum zu märchenhaft-kindisch und für ein Kinderpublikum zu psychedelisch-durchgeballert wirkte. Aber der Film wurde immerhin ein kleiner Kritikererfolg in den USA, ein Geheimtipp, und 2019 dann endlich in einer restaurierten Fassung auf dem Fantasia International Film Festival in Montreal wieder aufgeführt. Dass er jetzt vom verdienstvollen Kölner Verleih Bildstörung, das sich um verschüttete Meisterwerke der Kinogeschichte kümmert, auf DVD und Blu-Ray veröffentlich wird und damit auch in Deutschland wieder regulär zu bekommen ist, ist ein großes Geschenk für die Freund*innen des psychedelischen Films. Farbenfrohere, überraschendere Gebilde findet man in dieser Ausdauer in der Geschichte des Kinos selten.

Eine Kritik an »Der Sohn der weißen Stute« beim Erscheinen war, dass das alles für die hier erzählte Geschichte wesentlich zu lang sei. Das ist allerdings - vorausgesetzt, man steigt in den Flow der Bilder ein - Quatsch, weil es um das Erzählte hier, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie geht. Das Gefühl der Überlänge entsteht schnell dort, wo der Plot nicht in der gelernten Struktur des Dreiakters erzählt wird, sondern zum Beispiel, wie hier, der Logik des Mythos folgt.

Eine Schimmelstute gebiert drei Söhne, den jüngsten säugt sie 14 Jahre lang; er wird sagenhaft stark und zieht in die Welt, um drei Drachen zu besiegen und drei Prinzessinnen zu befreien. Auf dem Weg verbündet er sich mit seinen beiden Brüdern, die er erst einmal buchstäblich in den Boden stampft, um zu klären, wer das Sagen hat. Dann geht es hinab in die Unterwelt - Drachen töten.

So weit, so archetypisch. Anthropologisch interessierte Zuschauer*innen werden mit »Der Sohn der weißen Stute« viel Spaß haben, Mythenforscher*innen eh. Für alle anderen bleibt das zentrale Moment dieses Films: seine farbenprallen, in alle Richtungen ausgreifenden Bilder, die sich mit gleichfalls außerweltlichen elektronischen Klängen verbinden. Die Konsequenz, mit der hier ein Film seinen selbst gewählten ästhetischen Maßgaben folgt, wird zum Eindruck der Sprödheit beigetragen haben. Aber, wie gesagt: Ist man erst mal in diesen Bildern drin, will man da auch nicht mehr raus.

Die Bilder wirken zunächst vorgeblich simpel - große, holzschnittartige Flächen, eindeutige Farben -, entwickeln aber im Verlauf eine Ästhetik, die in der Geschichte des Animationsfilms wenige Verwandte kennt. Die Dinge und Figuren verbinden sich aus einzelnen Formen und Ornamenten und laufen wieder auseinander; der Held der Geschichte flackert immer wieder, was den konstant pulsierenden Eindruck des Ganzen noch verstärkt. Alles ist in ununterbrochener Bewegung und befreit von den Anforderungen von Spannungsaufbau und Plot Points.

Es geht diesen Bildern primär ums Zeigen selbst oder besser noch: um die Erschaffung überbordender Bewegungsdynamiken mit den Mitteln der Malerei (im weitesten Sinne). Besonders heftig schießt »Der Sohn der weißen Stute« im letzten Drittel über die Ufer, in den drei Drachenkämpfen: ein Kinofest aus Farben und Formen, dessen Anlass - der Held muss Prinzessinnen befreien und aus der Unterwelt wieder hinaufsteigen - austauschbar ist und das selbstzweckhaft genossen und bewundert werden will.

In dieser radikalen Fokussierung auf Formen und Farben ist Marcell Jankovics so etwas wie ein von narrativen Restriktionen befreites, radikal bildverliebtes Kino gelungen, das auch 40 Jahre nach seiner Entstehung ungebrochen faszinierend und schön befremdlich wirkt.

»Der Sohn der weißen Stute«: Ungarn 1981. Regie: Marcell Jankovics. 85 Min. Ab 7.5. auf DVD & Blu-Ray (Verleih: Bildstörung).

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