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  • »Radikale Zärtlichkeit« von Şeyda Kurt

Ein alternatives Alphabet der Liebe

Das Buch «Radikale Zärtlichkeit» von Şeyda Kurt ist ein Plädoyer dafür, sich nicht nur intimen Beziehungen neu zu nähern - gewaltfrei und solidarisch

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 5 Min.

Ich sehe und höre dich in der Gesamtheit deiner Präsenz, die du mir offenbaren willst. Ich erkenne dich an, mitsamt deinen Unsicherheiten, deinen Bedürfnissen und Widersprüchen«, steht unter »A wie Anerkennung«. Şeyda Kurt hat ein »alternatives Alphabet der Zärtlichkeit« geschrieben. Dankbarkeit, Vertrauen, Solidarität: Vieles von dem, was die Journalistin und Autorin in ihrem Alphabet aufführt, sollten eigentlich Selbstverständlichkeiten sein. Eigentlich. Denn dass es in Wirklichkeit sehr viel anders aussieht, macht Kurt mit ihrem Buch »Radikale Zärtlichkeit« deutlich - anhand eigener Erlebnisse, derer ihrer Eltern und ihrer Freund*innen.

Machtmissbrauch, Gewalt und Ausbeutung in Beziehungen begreift Kurt nicht als individuelle Erfahrungen, sondern als strukturell bedingt: Solche Erlebnisse seien auch durch gesellschaftlich tief verankerte Vorstellungen von Liebe bedingt - und davon, wie diese Liebe aussehen soll, was Romantik sein soll und wie Beziehungen strukturiert sein müssen. Institutionen, Gesetze und kollektives Wissen arbeiten daran, bestimmte vermeintliche Wahrheiten aufrechtzuerhalten, die vor allem von patriarchalen, rassistischen und kapitalistischen Logiken zusammengehalten werden, schreibt die Autorin.

In ihrem Buch richtet Kurt ihren Blick besonders auf jene Menschen, die in dominanzgesellschaftlichen Erzählungen bisher zu wenig Raum finden - etwa weil sie nicht weiß, nicht hetero und nicht cis sind. Personen, die diskriminiert und marginalisiert werden, machen häufig auch in Liebesbeziehungen gewaltvolle und traumatisierende Erfahrungen, schreibt Kurt: »Manche unterstellen sich, auch in intimen Beziehungen, eine scheinbar unüberwindbare Unzulänglichkeit.« Diese und viele andere Beobachtungen unterstreichen Kurts These, dass das Politische und das Private zusammengehören. Zu einer gerechten Welt gehören auch gerechte Beziehungen, argumentiert sie - auch wenn wir allein durch das Handeln im persönlichen Umfeld die Welt nicht zu einem gerechten Ort machen können.

Kurt hadert damit, dass sie aus einer persönlichen Perspektive schreibt. Denn von Menschen, die nicht der dominanzgesellschaftlichen Norm entsprechen - beispielsweise rassifiziert werden, indem ihnen unveränderbare Gruppenzugehörigkeiten zugeschrieben werden -, erwarte man eine solche Betroffenheitshaltung, um den eigenen Aussagen Gewicht zu verleihen. Tatsächlich aber sind diese persönlichen Eindrücke und die subjektive Erzählung, ausgehend von einem tiefsitzenden »Unbehagen«, unbedingter Bestandteil des Buches. Şeyda Kurt erzählt von ihren eingewanderten Eltern und der Beziehung, die sie lebten - bevor sie sich trennten, was für die Tochter einem Riss in den romantischen Grundfesten gleichkam.

Neben persönlichen Erfahrungen greift die Autorin aber auch auf die Schriften von Theoretikerinnen wie der Soziologin Eva Illouz und der Literaturwissenschaftlerin bell hooks zurück und schlägt damit die Brücke zwischen privater und gesellschaftspolitischer Sphäre. Sie verwebt Analyse und Anekdote - zum Beispiel, wenn sie ihre Erfahrungen und Selbstzweifel als eine aus einem Arbeiter*innenhaushalt stammende Philosophiestudentin schildert, die augenscheinlich mit weniger intellektuellem Selbstbewusstsein ausgestattet war als ihre männlichen bildungsbürgerlichen Kommiliton*innen. Sie berichtet aber auch davon, wie das, was sie im Studium erlebte, mit dem zusammenhängt, was sie dort lernte: der westlichen Philosophie, die von männlichen Perspektiven dominiert wurde und wird.

Şeyda Kurt beschreibt in »Radikale Zärtlichkeit«, wie sie anfangs von Platons Geschichte der Kugelmenschen angetan war: Nachdem die Menschen unsanft geteilt worden waren, sehen sie aus wie heute - und sind stets auf der Suche nach ihrer verlorenen anderen Hälfte. Allein in der symbolischen Zweisamkeit liegt die Vollkommenheit: eine Vorstellung, an der viele scheitern und verzweifeln. Das Prinzip der Polarität, das Menschen als Gegensätze konstruiert, die einander finden müssen, schreibe sich auch in der Idee eines binären Geschlechtersystems fort, argumentiert die Autorin. Dieses wiederum gehe mit einer Hierarchisierung einher, in der das als männlich angesehene Vernunftstreben über der weiblich konnotierten Emotionalität steht. Die in westlichen Gesellschaften propagierte monogame heterosexuelle Ehe werde bis heute als das Nonplusultra konstruiert und auch politisch instrumentalisiert, beispielsweise in kolonialen Kontexten.

Auch unbewusst und ungewollt geraten Menschen in Beziehungen, die ihnen nicht guttun, schreibt Şeyda Kurt. So zärtlich und einfühlsam sie über menschliche Erfahrungen und Gefühle berichtet, so deutlich ist ihre Kritik an tradierten Beziehungs- und Gefühlsmodellen. Sie gibt dabei jedoch nichts vor, spricht anderen Menschen nicht ab, in monogamen, romantischen Zweierbeziehungen glücklich und fair miteinander leben zu können. Für sie selbst sei die Entdeckung der Polyamorie eine Befreiung gewesen. Das heißt jedoch nicht, dass jede*r so leben sollte. Stattdessen macht Kurt Mut, eigene Wege zu finden und Beziehungsgrundsätze gemeinsam auszuhandeln - je nachdem, was allen Beteiligten guttut.

»Radikale Zärtlichkeit« ist ein essayistisch geschriebenes Buch mit Gedankengängen, die mal mehr, mal weniger tiefgründig ausgeführt sind. »Zum ersten Mal schrieb ich, ohne zu wissen, wo ich am Ende rauskomme«, heißt es an einer Stelle. Dieses Gefühl der losen Aneinanderreihung unterschiedlicher Facetten stellt sich tatsächlich beim Lesen manchmal ein. Das ist nicht schlimm, weil Kurt manche dieser Gedankengänge wieder aufnimmt und fortführt.

Am besten ist es, sich treiben zu lassen durch die stilistisch vielfältigen Kapitel, in denen die Autorin auch schon mal mit Karl Marx ins Gespräch kommt - mehr oder weniger. Denn auf eine wirkliche Auseinandersetzung will er sich nicht einlassen. Warum Frauen, andere Geschlechter und nicht weiße Menschen im Globalen Süden in seiner Theorie keine Rolle spielen, will die Autorin wissen. »Hören Sie mal, wir wollten damals den Kapitalismus überwinden und Revolution machen. Für diese Erbsenzählerei aus Ihrer Social-Media-Bubble hatten wir keine Zeit«, sagt Marx. Ein weiterer Grund dafür, selbst zu überlegen, wie man es machen will.

Şeyda Kurt übt grundlegende Kritik an den Begriffen der Liebe und der Romantik. Ihrer Lesart und auch ihrem Vorschlag, statt dieser beiden Wörter eher das Begriffspaar »radikale Zärtlichkeit« zu verwenden, muss man nicht folgen, um vom Buch inspiriert zu werden. Für Kurt liegt der »Zärtlichkeit« eine direktere Handlungsaufforderung als in der »Liebe« zugrunde: Radikale Zärtlichkeit versteht sie als Programm der Gerechtigkeit. Schön klingt es allemal. Und wie das genau aussieht, muss und darf jede*r selbst erkunden, das ist das Herausfordernde. Şeyda Kurts Buch ist ein überzeugendes Plädoyer für eine Vielfalt von Beziehungsformen - und für die Bedeutsamkeit von Freundschaften.

Şeyda Kurt: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Harper Collins, 256 S., br., 18 €.

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