Aquakulturen boomen - vor allem in Asien

Fischzucht belastet die Umwelt. Die Produktion von Algen und Muscheln kann dem entgegenwirken

  • Von Christian Mihatsch
  • Lesedauer: 4 Min.

Schon frühzeitig versuchten Menschen, Fische zu züchten. Die Aborigines in Australien haben schon im Jahr 4500 vor Christus in einem Kanal- und Dammsystem Aale für den ganzjährigen Konsum produziert. Ein Durchbruch gelang dann dem deutschen Naturwissenschaftler Stephan Ludwig Jacobi. Dieser entnahm laichreifen Fischen Eier und Samen, befruchtete die Eier künstlich und brachte diese dann zur Entwicklung. Er veröffentlichte seine Entdeckung im Jahr 1776 in dem Wissenschaftsmagazin »Lippische Intelligenzblätter« unter dem Titel »Von der künstlichen Erzeugung der Forellen und Lachse«.

Trotzdem blieb der Anteil an Zuchtfischen noch für mehr als 200 Jahre weit hinter dem an gefangenen Fischen zurück. Erst in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nahm die Produktion von Fischen, Muscheln und Algen in Aquakulturen Fahrt auf (siehe Grafik). Seither ist sie von unter 20 Millionen Tonnen pro Jahr auf über 110 Millionen Tonnen gewachsen und übertrifft nun die Menge an Fischen und Algen aus der freien Natur. Den größten Anteil haben Süßwasserfische, gefolgt von Algen. Aquakulturen leisten heutzutage einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der Weltbevölkerung und zum Schutz vor Überfischung, denn drei Viertel aller Fischereigebiete der Welt sind bereits überfischt oder kurz davor.

Aquakulturen sind geografisch stark konzentriert: Über 90 Prozent aller Fische und Algen werden in Asien gezüchtet. Führend ist hier China, gefolgt von Südostasien. Außerhalb Asiens gibt es in Norwegen, Chile und Ägypten größere Fischzuchten. In Asien zeigen sich denn auch die Probleme von Aquakulturen in großem Stil am stärksten. Das offensichtlichste Problem ist die Abholzung von Mangroven am Meeresufer, um Platz für Garnelenfarmen zu schaffen. Insbesondere in den 80er Jahren fielen in Ländern wie Thailand oder Indonesien große Mangrovenwälder den Aquakulturen zum Opfer. Inzwischen ist die Abholzung stark zurückgegangen.

Das nächste Problem ist das Fischfutter. Insbesondere fischfressende Fische werden mit Fischmehl und Fischöl gefüttert, das aus gefangenen Fischen produziert wird. Die schlechteste Bilanz haben hier Aale. Diese fressen während ihres Wachstums knapp ihr dreifaches Körpergewicht in Form von Wildfischen. Dieses Verhältnis ist auch als »Fish-in-Fish-out-Ratio« (FiFo) bekannt. In den letzten 20 Jahren hat sich das FiFo-Verhältnis allerdings deutlich verbessert. Während sich die Menge an Zuchtfischen verdreifacht hat, ist der Einsatz von Fischmehl und -öl von 23 Millionen Tonnen auf 16 Millionen Tonnen gefallen. Das liegt nicht zuletzt am Preis: Diese beiden Fischprodukte haben sich deutlich verteuert. Fischfutter wird daher zunehmend auf pflanzlicher Basis hergestellt. Aber auch das hat Folgen: Mittlerweile werden vier Prozent aller Futtermittel an Fische verfüttert. Bei manchen Futtermitteln wie Soja aus Brasilien und Palmöl aus Indonesien kann das zur Abholzung der Regenwälder beitragen.

In Fischzuchtanlagen werden also riesige Mengen an Nahrungsmitteln ins Wasser gekippt. Wenn die Zuchtfische diese nicht komplett vertilgen, gelangt das Futter dann in die umliegenden Gewässer und letztlich ins küstennahe Meer. In manchen Provinzen Chinas stammt ein Fünftel der Nährstoffe im Wasser aus der Fischzucht, wie eine Studie im Wissenschaftsjournal »Nature« feststellt. Das ist eine der Ursachen von Überdüngung im Meer. Letzteres erleichtert eine plötzliche, massenhafte Vermehrung von Algen (Algenblüte), die bei der Zersetzung dem Wasser Sauerstoff entziehen. Im schlimmsten Fall kippt ein Gewässer um und es entsteht eine tote Zone für alle anderen Lebewesen. Ein Forscherteam des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen hat in Gewässern vor der chinesischen Insel Hainan untersucht, wie viel Stickstoff aus Fischfarmen im Wasser ist. Auf ganz China hochgerechnet, belasten Fischfarmen die Gewässer mit 510 000 Tonnen Stickstoff pro Jahr. Das sind drei Prozent des jährlichen Stickstoffeintrags in die Meere weltweit.

Das letzte große Problem entsteht durch den Einsatz von Medikamenten in Fischfarmen. Auch diese gelangen schließlich in normale Gewässer und können zu Resistenzen gegen Antibiotika führen. Der Einsatz von Medikamenten ist allerdings stark zurückgegangen. Lachse in Norwegen werden mittlerweile gegen mehrere Fischkrankheiten geimpft, sodass nun 95 Prozent weniger Antibiotika ins Wasser gelangen. Ein anderer Ansatz ist der Wechsel zu weniger krankheitsanfälligen Arten. In Thailand wurden viele Aquakulturen von den Black Tiger Garnelen auf Weißbeingarnelen umgestellt. Ganz gebannt ist das Problem der Resistenzen aber nicht, wie eine Studie des Leibniz-Instituts Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig zeigt. Diese hat in einer spanischen Fischfarm antibiotikaresistente Bakterien gefunden. Co-Autor Jörn Petersen sagte dazu: »Ergebnisse wie das unsrige zur Verbindung von Gesundheitswesen, Tierzucht und mariner Aquakultur machen deutlich, wie eng die Welt heutzutage aus biologischer Sicht vernetzt ist. Der Mensch sollte sich bewusst sein, welchen Fußabdruck er im Anthropozän hinterlässt.«

Es gibt allerdings auch zwei Produkte aus Aquakulturen, die keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben: Algen und Muscheln wie Austern. Diese nehmen Nährstoffe aus dem Wasser auf und reduzieren so die Überdüngung von Gewässern. Wenn Algen und Muscheln nahe der Flussmündungen gezüchtet werden, können sie folglich den negativen Effekten von Fischfarmen an diesen Flüssen teilweise entgegenwirken.

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