45 Exponate aus dem Jahr 1945

Fünf brandenburgische Gedenkstätten erstellten erstmals zusammen eine Ausstellung - »Bruchstücke '45« heißt sie und wurde jetzt eröffnet

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.

Anfang Februar 1945 erschießt die SS etwa 1350 Häftlinge des KZ-Außenlagers Lieberose. In einem Massengrab, in dem die Leichen verscharrt wurden, findet sich später ein Holzkästchen mit Davidstern. Darauf steht »EMLEK« - ungarisch für Erinnerung. Außerdem ist eine schwer zu entziffernde Häftlingsnummer zu lesen. Die Nummer könnte zu Jakob Senger oder Nathan Kohn gehören. Beide wurden 1944 in Auschwitz ermordet.

Zu sehen ist das Holzkästchen in der Ausstellung »Bruchstücke '45«, die am Donnerstagabend im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) eröffnet wurde. Eigentlich sollte die Ausstellung im vergangenen Jahr zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus in der Gedenkstätte Sachsenhausen präsentiert werden. Dort war sie schon aufgebaut, musste aber wieder abgebaut werden, ohne dass nur ein einziger Besucher sie hätte besichtigen können. Denn die Museen und zeitweise auch das Freigelände waren wegen der Corona-Pandemie geschlossen.

Nun sind die 45 Exponate, von denen sich der Name der Ausstellung ableitet, also zum 76. Jahrestag der Befreiung in Potsdam zu sehen, aber auch in einer 360-Grad-Version im Internet. Darüber hinaus werden Online-Führungen angeboten. Für Axel Drecoll spielt der Termin keine große Rolle. »Es gibt keinen falschen Zeitpunkt, diese Ausstellung zu eröffnen«, sagt der Direktor der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten. »Sie ist in jedem Jahr und zu jeder Jahreszeit aktuell.«

Fünf Gedenkstätten der Stiftung haben je fünf Objekte beigesteuert und erzählt, was sich hinter ihnen verbirgt: die KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück, das Todesmarschmuseum im Belower Wald, der Gedenkort Zuchthaus Brandenburg/Havel und die Potsdamer Begegnungsstätte Leistikowstraße. Bis zum 19. September bleiben die Objekte im Potsdamer Museum, danach sollen die Aufbauten mit den Exponaten aufgeteilt und ab Oktober noch ein Jahr lang in fünf kleinen Ausstellung in den Gedenkorten gezeigt werden, aus denen sie stammen.

Faschismus und Stalinismus

Dass die Begegnungsstätte Leistikowstraße beteiligt ist, obwohl es sich um ein ehemaliges Gefängnis der sowjetischen Militärspionageabwehr handelt, hat einen Sinn. Denn ohne den von Hitler entfesselten Zweiten Weltkrieg wäre die Rote Armee niemals nach Deutschland gekommen. Es hätte auch keine Potsdamer Konferenz der Siegermächte gegeben, deren Fahnen damals die Straßen der Stadt schmückten. Die Ausstellung zeigt eine selbstgenähte US-Flagge. Die Einbeziehung der Begegnungsstätte ist aber auch heikel. Nicht umsonst achtete der alte Stiftungsdirektor Günter Morsch, der 2018 in Rente ging, immer peinlich darauf, Besucher in Sachsenhausen räumlich getrennt über die Phasen deutsches KZ und sowjetisches Speziallager zu informieren.

So, wie die Bruchstücke aus der Leistikowstraße nun mit den Bruchstücken aus den anderen Gedenkstätten zusammengeführt sind, die dem Erinnern an Naziopfer dienen, ist das akzeptabel. Schließlich bekommt der Betrachter eindringlich vor Augen geführt, was für noch einmal besonders brutale Naziverbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs verübt worden sind. Kuratorin Maren Jung-Dieselmeier erklärt nicht von ungefähr, dass auch westliche Geheimdienste versuchten, die Verbrecher zu schnappen.

Nicht akzeptabel oder zumindest zweifelhaft ist dagegen, was Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) in einer Videobotschaft zur Ausstellungseröffnung äußert. Sie sei sich bewusst, dass der Sozialismus insbesondere bei der DDR-Aufbaugeneration mit vielen Hoffnungen verbunden war, sagt Schüle. Zur Geschichte gehöre aber dazu, dass mit dem Kriegsende die stalinistische Diktatur gekommen sei. Man dürfe den Faschismus nicht mit Verweis auf den Stalinismus relativieren, weiß die SPD-Politikerin zwar - fügt aber hinzu, man dürfe den Stalinismus auch nicht mit Verweis auf den Faschismus bagatellisieren. Die 44-Jährige bemüht sich durchaus, nicht in der Weise von den zwei Diktaturen zu sprechen, die am Ende immer in einer Gleichsetzung mündet. Sie gerät aber doch in genau dieses Fahrwasser.

Ein Kübel mit einer SS-Uniform

Das ändert nichts daran, dass die Ausstellung sehr zu empfehlen ist. Zu sehen gibt es etwa den Kübel samt Inhalt, in dem SS-Unterscharführer Johannes Patzke Hose, Hemd, Stiefel und Schulterklappen seiner Uniform nebst Dokumenten auf dem Gelände des SS-Truppenlagers in Sachsenhausen vergrub. Im April 1945 tauschte mancher Wachmann Brot gegen Häftlingskleidung ein, um sich zu tarnen. 2019 sei der Kübel bei der Suche nach Blindgängern entdeckt worden, erzählt Mareike Otters, die mit vielen Kollegen zwei Jahre an dem Projekt mitarbeitete. Man hat die Macher der Ausstellung gefragt, wo ihre Vorfahren 1945 waren und wo sie politisch standen. Die Nachfahren berichten in einem am Donnerstagabend gezeigten Video von Opfern oder Tätern in ihren Familien. Einer sagt, sein polnischer Großvater sei 1945 aus deutscher Kriegsgefangenschaft befreit worden, sein deutscher Urgroßvater in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten.

HBPG, Am Neuen Markt 9 in Potsdam, Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, www.bruchstuecke45.de

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