Kein Zuckerwatteduft in der Union

Andreas Koristka sorgt sich um den tadellosen Ruf von Unionspolitikern, der nur ihrem Tun entspricht

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 3 Min.

Viel einstecken mussten die Unionsparteien in letzter Zeit. Aber jetzt wird die Kritik unsachlich. Helge Braun wird vorgeworfen, seine Doktorarbeit würde gegen wissenschaftliche Standards verstoßen. Was bei der Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg noch eine berechtigte Kritik gewesen sein mag, ist im Falle des Kanzleramtschefs nur noch eine lächerliche Anfeindung.

Helge Braun hat seinerzeit an der Universität Gießen studiert und zwar Medizin. Es ist allgemein bekannt, dass eine Doktorarbeit im Fach Medizin zur obersten Voraussetzung hat, dass sie keinen wissenschaftlichen Standards genügen muss. Das ist nur gerecht, denn Medizin ist ein schwieriges Studienfach. Weil es so anstrengend und fordernd ist, gibt es am Ende die Doktorarbeit zusammen mit ein paar Kugelschreibern von Ratiopharm kostenlos dazu. Meistens genügt es dafür drei Packungsbeilagen abzuschreiben. Manchen Universitäten reicht für ein einfaches Cum laude auch schon ein zerknüllter Einkaufszettel vom letzten Wochenendeinkauf. Helge Braun könnte also nur gegen wissenschaftliche Standards verstoßen haben, hätte er eine valide Arbeit vorgelegt. Hat er aber nicht.

Anhand des Falles des freundlichen dicken Mannes aus dem Kanzleramt kann man sehen, wie die öffentliche Diskussion zunehmend unfairer wird. Es scheint der Zeitgeist zu sein, der Union Dinge vorzuwerfen, die völlig normal sind. Wo, wenn nicht in der Partei des Flick-Skandals sollten Leute von Maskengeschäften profitieren? Oder von dubiosen Geschäften mit Aserbaidschan? Oder überhaupt von Geschäften? Plötzlich wird es als anrüchig empfunden, wie sich Jens Spahn seine Villa und seinen Ehemann finanziert. Blackrock-Merz wird vorgeworfen, wenn er mit seinem ehrlich verdienten Flugzeug zur Arbeit fliegt. Mieterverbände beschweren sich über das freundliche Sponsoring der CDU/CSU durch die Immobilienunternehmen. Philipp Amthor darf kein Geld nebenher verdienen und der Kanzlerin dreht man nachträglich einen Strick daraus, wenn sie sich für aufstrebende deutsche Unternehmen wie Wirecard einsetzt.

All diese Anfeindungen sind rational nicht mehr nachvollziehbar. Viele Kritiker tun so, als wären CDU und CSU nicht der offizielle politische Flügel des Großkapitals - sondern Mutter Theresa, Mahatma Gandhi und Bob Geldorf in einer Person. Das ist so, als würde man Kanalarbeitern vorwerfen, dass sie nicht nach frischer Zuckerwatte duften. Unionspolitiker und- politikerinnen machen einen Job. Und den machen viele außerordentlich gut. Einer muss schließlich das ganze Geld aus der Wirtschaft annehmen.

Welche haltlosen Angriffe werden als nächstes kommen? Darf Julia Klöckner nicht mehr für Nestlé-Produkte werben? Wirft man Andi Scheuer vor, Geld zu verschwenden? Wird man Peter Altmaier das abendliche Twittern mit zwei, drei Flaschen Rotwein im Kopf verbieten? Gut, dass Konrad Adenauer, Franz Josef Strauß und Uwe Barschel nicht mehr miterleben müssen, mit welch abgehobener Garstigkeit ihren Parteien heutzutage begegnet wird. Die einst ehrbare Tätigkeit des CDU/CSU-Politikers steht laut Umfragen schon auf einer Stufe mit unbeliebten Professionen wie Berufsschlägern, Robbenbabyjägern und Schauspielern.

In ein paar Monaten wird man vielleicht schmerzlich die Zeit vermissen, als die Union die Kanzlerin stellte. Dann wird sich nämlich herausstellen, ob die Christdemokraten und -sozialen ihre gesellschaftlichen Aufgaben als Juniorpartner einer grün-schwarzen Opposition noch genauso gut erfüllen werden können. Hoffen wir alle gemeinsam, dass Annalena Baerbock mit aller gebotenen Behutsamkeit mit ihnen umgeht.

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