Ein Trauerspiel ohne Ende

Schon Theodor Fontane wusste, dass für fremde Großmächte in Afghanistan nichts zu gewinnen ist – die gleichen Fehler werden dort aber immer wieder begangen

  • Von Rainer Werning
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei einer Übergabezeremonie von der US-Armee an die afghanische Nationalarmee im Camp Anthonic wird eine US-Flagge vom Mast heruntergelassen.
Bei einer Übergabezeremonie von der US-Armee an die afghanische Nationalarmee im Camp Anthonic wird eine US-Flagge vom Mast heruntergelassen.

Der frühere deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) verkündete am 4. Dezember 2002: »Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.« Knapp zwei Jahrzehnte später (!) erklärt seine Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU in einem am 25. April 2021 im Deutschlandfunk ausgestrahlten Interview, die Bundeswehr müsse vor ihrem Abzug aus Afghanistan die »eigenen Kräfte zur Eigensicherung massiv verstärken«. Eine Logik, die sich wohl nur Kommissköpfen erschließt. Wie »viel« am Hindukusch errungen wurde, zeigt sich daran, dass die Bundesregierung zuletzt am 22. April deutsche Staatsbürger in Afghanistan vor »erheblichen Gefahren« warnte und aufforderte, das Land zu verlassen. Eine Warnung, die selbstredend nicht für dessen Bevölkerung gilt.

Hätte man da doch in diesem Lande lieber auf dessen einst vielgerühmte Denker und Dichter gehört. Wie beispielsweise auf Theodor Fontane, der bereits nach dem ersten anglo-afghanischen Krieg im Frühjahr 1842 eine aufrüttelnde Ballade mit dem Titel »Das Trauerspiel von Afghanistan« verfasste. Darin lauten zwei Strophen wie folgt: »Zersprengt ist unser ganzes Heer, was lebt, irrt draußen in Nacht umher, mir hat ein Gott die Rettung gegönnt, seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.« Und: »Die hören sollen, sie hören nicht mehr, vernichtet ist das ganze Heer, mit dreizehntausend der Zug begann, einer kam heim aus Afghanistan.«

Zu des Dichters Fontane Zeit ging es um das »Great Game«, das »Große Spiel«, in dem Briten und Russen um die Vormachtstellung in Zentralasien rangen. Mit katastrophalen Folgen für die Engländer, von denen einzig ein junger Militärarzt dem Gemetzel entging. Nicht besser erging es eineinhalb Jahrhunderte später den Truppen der einst mächtigen Sowjetunion. Diese mussten sich Mitte Februar 1989 nach einem Jahrzehnt bitterer militärischer Rückschläge aus Afghanistan schmählich zurückziehen. Davon wusste der letzte Kommandeur der Roten Armee, Generalleutnant Boris W. Gromow, ein bitteres Lied zu singen.

Die längste Kriegführung unter US-Oberkommando hat letztlich demonstriert, dass am Hindukusch - von Irak, Syrien, Libyen und Jemen ganz zu schweigen - durch zig sogenannte »Kollateralschäden« erst jene »Brutstätten des Terror(ismu)s« genährt wurden, die es eigentlich zu bekämpfen galt. Entgegen der irrigen Annahme westlicher Militärstrategen war und ist Afghanistan kein homogener, intakter Zentralstaat, sondern Hort einer kaum überschaubaren Vielzahl von - sich mitunter heftig befehdenden - Clans. Deren Führer entpuppten sich bestenfalls als Stammesführer, schlimmstenfalls als drakonische Warlords.

»Wir haben uns schrecklich geirrt. Und wir sind künftigen Generationen eine Erklärung schuldig, warum das so war«, notierte Robert S. McNamara, der auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges als US-Verteidigungsminister fungierte, in seinen Memoiren. Daraus hätte man durchaus Lehren ziehen können, so man es denn gewollt hätte. Doch die wurden mitnichten gezogen. Laut dem US-amerikanischen Watson Institute for International and Public Affairs der Brown University in Providence, Rhode Island, gaben die USA bis dato 2,261 Billionen (sic!) US-Dollar allein für die Kriegführung in Afghanistan aus. Über 20 Millionen Afghanen, Iraker, Pakistanis und Syrer leben als Kriegs- und Binnenflüchtlinge in Notunterkünften.

Wer über Asylsuchende aus diesen Ländern redet, darf über die langjährige Kriegführung gegen ihre Länder nicht schweigen. Und wer dem Militärischen allzu lange Vorrang vor dem Politischen und der Diplomatie einräumte, muss sich bei der Ernte über Körbe fauler Früchte nicht wundern. Ohne den aktiven Einbezug der jeweiligen Zivilgesellschaften und sämtlicher Protagonisten vor Ort sind Frieden und Stabilität nicht realisierbar. Interne Probleme eines Landes bleiben durch ausländische Bomben, Kanonen und Drohnen erst recht unlösbar. Eine Botschaft, die von Bellizisten unterschiedlicher Couleur immer wieder über den Haufen geworfen und stattdessen steißtrommelnd für vermeintlich unabdingbare »humanitäre Interventionen« appelliert wird.

Rainer Werning ist Politikwissenschaftler und Publizist mit dem Schwerpunkt Asien

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