Alleinerziehende im Hintertreffen

Expertinnen fordern für Beratung von Ein-Eltern-Familien mehr Geld, Flexibilität und Kleinteiligkeit

Eigentlich wirkt Margaretha Müller nicht, als könne sie so leicht etwas schrecken. Aber in der Corona-Pandemie kommt auch die bezirkliche Koordinatorin für Alleinerziehende in Neukölln an ihre Grenzen. »Was sage ich einer Mutter, die mir auf meinen Ratschlag, einfach einen kostenlosen Laptop bei der Bildungsverwaltung zu beantragen, entgegnet, sie habe keinen Internetanschluss, weil sie das Geld im Alltag brauche«, fragt Müller, die seit zweieinhalb Jahren über den Träger Sozialdienst katholischer Frauen die Beratung und Angebote für Alleinerziehende in einem der ärmsten Bezirke koordiniert.

Im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhaus berichtet die gestandene Beraterin am Montag in einer Expertenanhörung von ihren Erfahrungen mit prekär lebenden Alleinerziehenden, von denen es in ihrem Bezirk sehr viele gibt. Hier, so wie auch in ganz Berlin, wachsen 30 Prozent der Kinder in Ein-Eltern-Familien auf. Nur langsam erscheinen ihre speziellen Bedarfe auf dem politischen und öffentlichen Radar. Viele alleinerziehende Mütter und auch einige Väter, die in den vergangenen Jahren bei Müller mit ihren Fragen landeten, habe sie als »sehr tapfer und mutig« erlebt, so die Koordinatorin. Beraten darf sie diese qua Aufgabenbeschreibung nicht, nur verweisen an andere Stellen. »Aber zuhören kann ich und das ist für viele ohnehin erst einmal das Wichtigste«, so Müller. Noch vor zwei Jahren habe es lediglich zwei Angebote für Ein-Eltern-Familien im Bezirk gegeben, mittlerweile seien es immerhin 20.

Da es sich bei vielen Berliner*innen um Zugewanderte handelt - inklusive Zuwanderung aus anderen Bundesländern - lebten viele ohne größere Netzwerke und seien im Falle einer Trennung häufig auf sich selbst zurückgeworfen. »Sie übernehmen dann die Aufgabe, alles allein zu sichern, so wie die Wohnung und die finanziellen Mittel«, berichtet Müller. »Ich schaue mir diese vielen, oft noch jüngeren Frauen an und denke dann: ›Das halten sie nicht noch zehn Jahre ohne gesundheitliche Folgen durch.‹« So wie die junge Neuköllnerin mit einem kleinen Kind und zwei 450-Euro-Jobs in Steglitz, die Angst hat, diese zu verlieren, weil sie es nicht schaffe, aufgrund der langen Wegezeiten zwischen Kita und Arbeitsplatz rechtzeitig vor Ort zu sein. Anspruch auf ergänzende Kinderbetreuung hat sie in der von einer Elterninitiative geführten Betreuungseinrichtung nicht, berichtet Müller als Beispiel.

Überhaupt die Frage des Anspruchs: Diese dürfe nicht allgemeingültig beantwortet werden, findet Müller und wünscht sich »mehr Durchlässigkeit« für die vielen komplexen individuellen Situationen, mit denen Alleinerziehende alltäglich konfrontiert seien. Was Müller meint, ist handfeste Benachteiligung, ob es um Wohnungssuche, Jobsuche, Ausbildungsmöglichkeiten oder eben Kinderbetreuung geht - oder auch einfach um Zeit, zu regenerieren und sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Nicht umsonst sind die meisten Alleinerziehenden auf Transferleitungen angewiesen. »Sie als Gesetzgeber müssen immer mitdenken: Wie wirkt sich eine beschlossene Maßnahme auf Alleinerziehende aus?«, appelliert Müller an die Abgeordneten. »Versetzen Sie sich in die Lage von Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen.« Das Thema dürfe nicht individualisiert werden und Beratung und Unterstützung müssten langfristig gesichert und in kleinteiligen Projekten angeboten werden.

»Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ihre Lage zu verbessern und dafür muss die Politik die Bedingungen schaffen«, fordert Müller. Vor allem im Hinblick auf flexible Kinderbetreuung schaue man von Neukölln aus bewundernd in den Osten nach Lichtenberg. Hier ist man in dieser Frage weiter. An zehn Standorten können Alleinerziehende in Familienzentren drei Stunden in der Woche kostenlose Betreuung in Anspruch nehmen - und sich zugleich beraten lassen oder mit anderen Ein-Eltern-Familien vernetzen. Der Bezirk sei im Hinblick auf die Unterstützung der vielen Alleinerziehenden sehr vernetzungs- und kooperationsoffen, erklärt die hiesige bezirkliche Koordinatorin Norma Schubert. Die flexible Kinderbetreuung sei das »Herzstück«. Es wäre »ein Traum«, würde dieses Angebot auch stadtübergreifend möglich, hofft ihre Neuköllner Kollegin Margaretha Müller. Kommentar Seite 9

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