»Die Welt ist gesättigt mit Reichtum - und doch voller Elend!«

Der Sozialismus des Robert Owen - zum 250. Geburtstag des Fabrikmanagers und Genossenschaftspioniers

  • Von Michael Brie
  • Lesedauer: 8 Min.
Wenn aus der roten Fahne ein rotes Autos wird: Der frühere schottische Reformbetrieb New Lanark heute. Robert Owens politische Ideen sind noch immer aktuell.
Wenn aus der roten Fahne ein rotes Autos wird: Der frühere schottische Reformbetrieb New Lanark heute. Robert Owens politische Ideen sind noch immer aktuell.

Als Robert Owen vor 250 Jahren am 14. Mai 1771 in Newtown, einer kleinen Stadt in Wales, in bescheidenen Verhältnissen geboren wurde, schien die Welt des alten Europa noch unerschüttert. Als er am 1. Januar 1800 die Industriesiedlung New Lanark im Süden Schottlands am Ufer des Clyde als Manager und Miteigentümer übernahm, hatten sich vier Revolutionen ereignet: die geistige Revolution der Aufklärung, die politischen Revolutionen zunächst in den nordamerikanischen Kolonien und dann in Frankreich, die industrielle Revolution in England und die militärische Revolution des Übergangs vom Stehenden Heer zur Bürgerarmee. Alles war nun denkbar geworden, alles schien möglich, wenn das Volk auf die Straße ging. Der Steigerung der Produktivität schienen keine Grenzen mehr gesetzt. Als Owen 1856 starb, begann der Sozialismus zu einer welthistorischen Macht zu avancieren.

Robert Owen war ein Sohn dieser revolutionären Zeit und hat sie zugleich geprägt. Sein Wirken hallt bis heute nach. Schnell hatte er sich hochgearbeitet von Ladenangestellten zum eigenständigen Unternehmer und schließlich zum Manager eines der größten Textilbetriebe Großbritanniens. 1800 begann seine Karriere als der wirkmächtigste Industriereformer seiner Zeit. Das schottische New Lanark, wo er nachwies, dass industrielle Produktion, wirtschaftliche Effizienz, soziale Reformen und Humanität keinesfalls im Gegensatz zueinander stehen müssen, ist heute Unesco-Weltkulturerbe. Owen war ein Pionier des industriellen Managements, das die Motivation der Arbeiterinnen und Arbeiter ins Zentrum stellt. Er drängte die Kinderarbeit zurück und verbot sie schließlich ganz, sorgte sich um gesunde Wohnverhältnisse und bezahlbare Mieten, führte eine Kranken- und Rentenversicherung ein, sicherte den Zugang zu preiswerten Konsummitteln und ermöglichte erste Ansätze von betrieblicher Mitbestimmung. Er zahlte die Löhne auch dann weiter, als durch den Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Kolonien die Baumwolle für die britische Textilindustrie ausblieb. Er richtete einen eigenen Kindergarten ein und baute eine Schule auf, in der die Kinder der Arbeiterinnen und Arbeiter von New Lanark, die selbst weitgehend keine Bildung genossen hatten, nach modernsten Methoden, ohne Prügel und Schimpfwörter gefördert wurden. Das von ihm umsichtig geleitete Fabrikaktionszentrum New Lanark wurde zu einem Leuchtturm von Humanität in finsteren Zeiten.

Owen war von einer einzigen Erfahrung geleitet: Wenn man die Umstände planmäßig und bewusst verändert, verändern sich auch die Menschen. Daraus leitete er jene Idee ab, die ihn fortan vorantrieb: Es kommt alles nur darauf an, Menschen in die richtigen Umstände zu versetzen, dann werden sie auch menschlich-solidarisch handeln, alle ihre Kräfte füreinander einsetzen und sich umfassend entwickeln. Aus der Erkenntnis, dass durch die industrielle Revolution die Zeit des Mangels vorbei sei, die Mehrheit der Menschheit nicht mehr in Armut verharren muss, damit sich einige wenige gut betuchte Bürger frei entfalten können, erwuchs eine große Vision. Zehntausende aus ganz Europa kamen nach New Lanark, um das Kontrastprogramm zur brutalen Industrialisierung in den Satansfabriken des United Kingdom und anderswo zu bewundern.

Bei seinen Reformprojekten stieß Owen natürlich auf den Widerstand der Miteigentümer der Fabriksiedlung. Sie stellten den Profit über alles und verlangten die Rücknahme von wichtigen Projekten. Dies wiederum animierte Owen, den jüngsten Sohn von sieben Kindern eines einfachen Sattlers, sich auf das Gebiet der Gesetzgebung zu wagen. Aus eigener Praxis als Manager moderner Fabriken erkannte er: »Die Welt ist jetzt gesättigt mit Reichtum - mit unerschöpflichen Mitteln, ihn noch zu steigern - und doch voller Elend! Das ist der aktuelle Zustand der menschlichen Gesellschaft.« Und ebendiesen Zustand wollte er ändern.

Nach dem Sieg über Napoleon forderte Owen ein Bildungsministerium für Großbritannien und entgeltfreie Schulbildung, die gesetzliche Einschränkung von Kinderarbeit und den Aufbau von Siedlungsgenossenschaften mit staatlicher Hilfe, um in der Nachkriegskrise Menschen ein sicheres und auskömmliches Leben zu ermöglichen. Fast alle seine Initiativen scheiterten im Parlament, er konnte nur eine Begrenzung der Kinderarbeit in Textilfabriken durchsetzen. Der große bürgerliche Ökonom David Ricardo, selbst Abgeordneter, bemerkte, dass er zwar »die Hochherzigkeit«, die seinen Freund Owen antriebe, zu würdigen wisse, er selbst aber »vollständig im Gegensatz zu dem System von Owen« stünde, welches auf Grundsätzen aufgebaut wäre, die mit den Grundsätzen der politischen Ökonomie unvereinbar seien, und welches nach seiner Ansicht »unendliches Unglück für die Gesellschaft im Gefolge haben müsste«.

Owen sah als einer der ersten Ökonomen glasklar, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter »täglich Fesseln für sich selbst schmieden, und […] ihre Feinde durch ihre eigenen Leistungen in die Lage versetzen, diese Fesseln fest um ihren Geist und ihren Körper zu schmieden«. Seine Form der Arbeitswerttheorie beeinflusste die sozialistische Strömung des 19. Jahrhunderts. Er machte die Erkenntnis öffentlich, dass nicht, wie vordem behauptet, die Unternehmer den Reichtum mehren und sichern, sondern die Arbeiter, die Produzenten selbst. Jeder Mensch könne, wenn sein Charakter nur von Kindheit an entsprechend geformt werde, Managementaufgaben übernehmen, betonte Owen aus eigener Erfahrung. Wenn Eigentum und Reichtum aus Arbeit stammen, schien ihm nichts widersinniger als die Tatsache, dass ebendiese Arbeit zugleich die Eigentumslosigkeit der Arbeitenden schuf. Jenseits aller individuellen Moralvorstellungen, so Owen, schaffen die kapitalistischen Verhältnisse Menschen, die in ihrer Not oder in ihrer Gier die Verhältnisse reproduzieren, die sie entmündigen, oder moralisch verrohen. Also müssen die Verhältnisse geändert werden, schlussfolgerte er. Damit stieß Robert Owen das Fenster zu sozialistischen und kommunistischen Gedankenhorizonten weit auf.

Nach dem Scheitern der Versuche, die Gesetzgebung Großbritanniens zu beeinflussen, wurde aus dem unternehmerischen Sozialreformer ein Sozialist. Da der Weg über den Staat versperrt zu sein schien, wollte er von nun an beweisen, dass es auch anders, »von unten«, möglich ist. Er wollte zeigen, dass Siedlungsgenossenschaften auf der Grundlage kollektiven Eigentums das leisten, was er in New Lanark vorgemacht hatte - nur in einem viel größeren Maße und auf der Basis der Selbstregierung der Mitglieder der Genossenschaften. Er löste damit eine ganze Welle von entsprechenden Experimenten in Großbritannien und den USA aus.

Im Mittleren Westen, in der Siedlung »New Harmony«, die er von religiösen Kommunisten übernommen hatte, versuchte er, unter Einsatz seines Vermögens seine kühne Idee in den Jahren 1825 bis 1827 zu realisieren. Selbstbewusst verkündete Owen im US-Repräsentantenhaus in Washington, dass die »vereinte Arbeit […], sei es in der Landwirtschaft oder in den Fabriken« Güter herstellen werde, die »besser und billiger« sein werden als die Produkte des kapitalistischen Konkurrenzsystems. Die Anziehungskraft der neuen Siedlungen werde ungeheuer sein: »Frei von allen finanziellen Sorgen, versehen mit den entscheidenden Vorteilen des Land-, Stadt- und Universitätslebens, ohne deren Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, im Genuss angenehmer Gesellschaft, wird sich das gegenwärtige System zu verändern als gewaltige Versuchung für die menschliche Natur erweisen, so dass ich annehme, dass diese neuen, vernünftigen Wohnstätten kaum so schnell zu errichten sind, wie die Gesellschaft sie besitzen möchte.«

Das Experiment scheiterte krachend. Es war schlecht vorbereitet, Owen war selten vor Ort, innere Widersprüche und wirtschaftliche Ineffizienz führten dazu, das die Mittel bald aufgebraucht waren. Spätere Experimente fanden ein ähnlich unrühmliches Ende, darunter eine Börse, an der die Produkte nach dem »Arbeitswert« gerecht ausgetauscht werden sollten. Das letzte große Wagnis, die Gründung einer Siedlung im englischen Queenwood, musste nach sieben Jahren und viel investiertem Geld von den Arbeiterinnen und Arbeitern aufgegeben werden. Hätten Sozialistinnen und Sozialisten diese Erfahrungen gründlicher studiert, dann wären ihnen die Grundprobleme einer Gesellschaft, die auf dem Gemeineigentum gegründet ist, viel früher bewusst gewesen: Eine unmittelbare Einheit von individuellen und kollektiven Interessen und die Durchsichtigkeit der Verhältnisse konnten bislang nie erfolgreich hergestellt werden.

Trotzdem ist das Urteil von Friedrich Engels aus den 1870er Jahren korrekt, dass sich »alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, […] an den Namen Owen« knüpfen. Er war der Initiator und Anreger für alle grundlegenden Sozialreformen des 19. und 20. Jahrhunderts in den Industriegesellschaften. Er war einer der Stammväter der gesetzlichen Regulation der Arbeitsverhältnisse (Kinderarbeit, Arbeitszeit, Hygiene). Die Genossenschafts- und Kooperativbewegung steht auf seinen Schultern. Er war der erste Vorsitzende der englischen nationalen Vereinigung der Gewerkschaften. Seine Bewegung verstand sich als eine sozialistische, ist verbunden mit der Wertschätzung von Bildung und Selbstorganisation, Gleichberechtigung der Frauen, Kampf gegen Sklaverei und Krieg, mit dem Recht auf Ehescheidung und der Auseinandersetzung mit religiösem Fundamentalismus. Sie brachte die sozialistische Politische Ökonomie hervor und gebar eine Transformationsstrategie zur Überwindung des Kapitalismus. Die Bewegung der Oweniten vermittelte der britischen Arbeiterklasse Selbstbewusstsein.

Owen ist heute überall präsent, und zwar derart stark, dass man ihn gar nicht mehr sieht - wie man den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Bei ihm war fast alles im Keim enthalten, was wieder aktuell ist. Die von ihm ins Leben gerufene Bewegung gehört zu den Ursprüngen der heutigen Vielfalt von sozial-ökologischem Engagement, wie es sich in Fridays for Future, in Energiegenossenschaften, regionaler Selbstversorgung oder der Regulation der Mieten beziehungsweise dem Streben nach Enteignung der Immobilienkonzerne offenbart, gegen die Privatisierung öffentlicher Güter, für Wirtschaftsdemokratie, entgeltfreien Nahverkehr etc. Im Morgenrot der kapitalistischen Industriegesellschaft hat Owen Konturen einer zukünftigen Gesellschaft entwickel. 250 Jahre nach seiner Geburt ist Robert Owen ein Zeitgenosse, mehr als viele andere Menschen zu seiner Zeit.

Zum Weiterlesen: Michael Brie: Wie der Sozialismus praktisch wurde. Robert Owen - Reformer, Visionär, Experimentator, Schriftenreihe »Philosophische Gespräche« der Hellen Panke (Heft 40, 3 €). Der Autor ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

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