Fun ist ein Hamsterrad

Immer weiter, immer besser: Anja Röcke über ihr Buch »Soziologie der Selbstoptimierung« und die schwierige Frage, ob man wirklich möchte, was der neoliberale Kapitalismus von einem will

  • Von Lena Fiedler
  • Lesedauer: 6 Min.
Selbstoptimierung: Fun ist ein Hamsterrad

Haben Sie heute morgen schon Ihre Leistung gesteigert?

Ich hatte heute früh ein Bewerbungsgespräch. Ich hoffe, meine Leistung war ausreichend, aber gesteigert habe ich sie nicht. Ich selber bin keine übertriebene Selbstoptimiererin.

Wie erkenne ich denn den Unterschied zwischen Selbstverbesserung und Selbstoptimierung?

Es gibt einen Graubereich zwischen Selbstoptimierung und Selbstverbesserung. Ich habe in meinem Buch drei Kriterien identifiziert, mit Hilfe derer man Selbstoptimierung in analytischer Hinsicht definieren kann. Zuerst auf der zeitlichen Ebene, denn Selbstoptimierung ist ein Prozess, der zeitlich entgrenzt ist. Es gilt: Immer weiter, immer besser! Es gibt keinen finalen Endpunkt. Auf der sozialen Ebene ist Selbstoptimierung strikt auf die eigene Person bezogen, erfolgt also im eigenen Interesse.

Auf der sachlichen Ebene gibt es nochmals drei Kriterien: Perfektibilität, Überbietung und der Gedanke der Optimierung selbst: Wer sich selbst optimiert, muss die Ergebnisse regelmäßig kontrollieren, die einzelnen Parameter gegeneinander abwiegen und einen Mehrwert erreichen. Es soll sich ja lohnen. Das sind auf der analytischen Ebene drei Kriterien für die Unterscheidung. Aber es ist in den seltensten Fällen so, dass Menschen genau überlegen, was sie da eigentlich tun.

Schlaf-Apps, Ritalin, Marathon laufen: Warum tun sich das so viele Menschen freiwillig an?

Selbstoptimierung ist für viele Menschen attraktiv, weil man währenddessen Selbstwirksamkeit erfahren kann. Ich setze mir ein konkretes Ziel und erreiche es dann auch. Über die Zeit kann ich meine Ziele sogar steigern und mich selbst verbessern. Negativ betrachtet, könnte man auch sagen, dass diese Menschen in einem Hamsterrad feststecken. Selbstoptimierung charakterisiert sich eben durch die Logik der Entgrenzung und der Überbietung. Und das kann krank machen. Aber man kann es auch positiv wenden und sagen, dass man in dem Prozess der Selbstoptimierung dauerhaft Selbstwirksamkeit erfährt.

Seit der Coronakrise wurde oft darüber gesprochen, dass Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit fehlt. Haben selbstoptimierende Prozesse während der Pandemie zugenommen?

Ich glaube ja. Für viele Menschen fallen zum Beispiel Urlaub und die meisten Freizeitangebote weg, sodass sie Zeit haben, um sich um die Selbstoptimierung zu kümmern. Endlich Zeit, sich für das Joggen einen Trainingsplan anzulegen. Es gibt auch Zahlen aus dem Bereich der Schönheitsoperationen, die zeigen, dass zum Beispiel mehr Botox gespritzt wird.

Das könnte daran liegen, dass man den ganzen Tag in Videokonferenzen sitzt und dadurch die Aufmerksamkeit stärker auf dem Gesicht liegt. Eventuelle Wunden oder Narben lassen sich im Homeoffice ganz gut verstecken. Durch die Maskenpflicht haben vielleicht auch mehr Menschen das Bedürfnis, um die Augen herum nicht müde aussehen zu wollen. Durch Homeoffice und Homeschooling ist für viele die Notwendigkeit zu optimieren da, weil der Druck gestiegen ist.

Sie schreiben, dass durch Selbstoptimierung der wirtschaftliche und gesellschaftliche Status quo stabilisiert wird. Was genau meinen Sie damit?

In der Soziologie sprechen wir von der Akteurs- und der Gesellschaftsebene oder von Mikro- und Makroebene. Gesamtgesellschaftliche Prozesse wie Beschleunigung oder Ökonomisierung werden von Menschen auf der individuellen Ebene häufig mitgetragen. Selbstoptimierende Prozesse können daher auch als ein Weg gesehen werden, um gesellschaftliche Dynamiken zu stabilisieren und zu reproduzieren. Eben weil Menschen entsprechend der Vorgaben des System an sich selber arbeiten, die Vorgaben umsetzen und damit dieses System am Laufen halten.

Wendet sich der Optimierungswille vieler Menschen nicht auch nach innen, weil das Außen - die Welt - zu komplex ist?

Das kann auch eine Motivation sein - und nicht erst seit Corona. Unsere westlichen Gesellschaften werden als zunehmend komplex und undurchschaubar wahrgenommen. Da könnte es sich für einige so anfühlen, als ob politisches Engagement nichts bringt (ich glaube das nicht!). Im Gegensatz dazu erscheint es aber höchst ertragreich, sich auf die eigene Person zu fokussieren, weil man da eben schnell ein Ergebnis sieht.

Kann Selbstoptimierung nicht auch Gemeinschaft stiften?

Prinzipiell ist die Selbstoptimierung eine individualistische Praxis. Aber gleichzeitig kann sie auch vergesellschaften, wenn ich mich über das Optimieren einer bestimmten Gruppe anschließe, beispielsweise im Fitnessstudio. Wenn es für die Leute, mit denen ich trainiere, dazu gehört, leistungssteigernde Pillen zu nehmen, dann werde ich das vielleicht auch tun, um Teil dieser Gruppe zu werden. Insofern hat Selbstoptimierung immer auch eine soziale Einbettung.

Gibt es denn die Möglichkeit, sich diesen Praktiken zu entziehen?

Wenn sich mein gesamtes soziales Umfeld aus Selbstoptimierer*innen zusammensetzt, verliere ich im Zweifelsfall viele oder gar alle Kontakte, wenn ich keine Lust mehr habe. Wer breiter gestreute Kontakte oder noch andere Interessen hat, die auch außerhalb der Selbstoptimierung Bestand haben, dann fällt es einem leichter nicht mehr mitzumachen. Oder wenn man eine Arbeitsstelle hat, bei der man nicht auf Optimierung angewiesen ist und darauf verzichten kann. Sich Selbstoptimierung entziehen zu können ist eine Frage von Strukturen, aber eben auch von sozialem, ökonomischem und kulturellem Kapital.

Hat sich der Zwang zur Selbstoptimierung über die Jahrzehnte demokratisiert?

Es hat auf jeden Fall eine Ausdifferenzierung gegeben, zum Beispiel bei Nahrungsergänzungsmitteln. Die Preise waren früher auf Apothekenniveau, mittlerweile gibt es sie für jeden Geldbeutel. Insofern geht mit der gesellschaftlichen Verbreitung auch eine Demokratisierung einher.

Seit der Hartz-IV-Reform werden ja auch Arbeitslose dazu angehalten, sich zu optimieren.

Das ist ein Beispiel dafür, dass sich die Logik der Selbstoptimierung in den unterschiedlichsten Bereichen zeigt und mehr ist als eine Spielerei von Leuten, die genug Zeit und Geld haben. Es geht so weit, dass bestimmte Institutionen oder Organisationen zur Optimierung drängen. Hartz IV ist Teil einer gesellschaftlichen Orientierung, die auf immer mehr Leistung setzt. Gerhard Schröder sagte damals: »Es gibt kein Recht auf Faulheit.«

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Selbstoptimierung auch außerhalb der kulturkritischen Rahmungen betrachten wollen, die normalerweise bei dem Thema vorherrscht.

Mir ging es darum zu betonen, dass eine ausschließlich kulturkritische Rahmung zu einseitig ist, weil sie ausblendet, dass Selbstoptimierung eine sehr breite und tiefe gesellschaftliche Verankerung hat und auch die Subjekte selbst involviert. Sie agieren in der Regel nicht rein fremdgesteuert und können in der Optimierung auch eine Form von Selbsterfüllung finden. In meinem Buch ging es mir darum, verschiedene theoretische Perspektiven auf das Phänomen aufzuzeigen.

Sind Sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin auch Selbstoptimierungsdruck ausgesetzt?

Der wissenschaftliche Betrieb ist insgesamt ziemlich durchoptimiert, auch nicht erst seitdem man über Selbstoptimierung spricht. Viele Mitarbeiter*innen müssen sich letztlich optimieren, um sich im wissenschaftlichen Feld durchzusetzen, müssen also beispielsweise effizient an ihrer »Performance« und an ihrem »Output« arbeiten.

Haben Sie durch die lange Beschäftigung mit Selbstoptimierung eigentlich eine Warnglocke entwickelt?

Ich glaube ja. Viele Beispiele sieht man im Alltag, aber der Optimierungsdruck hat natürlich auch ganz viel mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Einer der Bereiche, die mich am Thema besonders interessieren, ist das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung, also die Frage: Wie selbstbestimmt ist Selbstoptimierung eigentlich, wie stark wird sie von der Gesellschaft vorgeschrieben und ist dann entsprechend fremdbestimmt?

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