Abgehängt in der Kälte

Radprofi Emanuel Buchmann startet verhalten in seinen ersten Giro d’Italia. In der schweren dritten Woche will er zurückschlagen

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

Nur nicht die Nerven verlieren. Das ist momentan das Motto von Emanuel Buchmann. Deutschlands derzeit erfolgversprechendster Rundfahrer ist mit großen Zielen zum Giro d’Italia gereist. Zwar ist er Debütant bei diesem Rennen. Er will aber gleich ganz nach oben. »Das Podium ist das Ziel. Ich weiß, dass ich das drauf habe. Und man will sich ja nicht unter Wert verkaufen«, hatte der Ravensburger zum Auftakt in Turin gesagt. Einen Podiumsplatz hat auch sein Team Bora als Ziel formuliert. Schließlich lässt Buchmann in diesem Jahr die Tour de France aus. Zu viele Zeitfahrkilometer wird es dort geben - ein Nachteil für den grazilen Kletterspezialisten. Also soll er beim Giro lernen, wie man Besseres als einen vierten Rang herausholt. Jener Platz neben dem Podium in Paris war 2019 Buchmanns bisher bestes Ergebnis bei einer großen Rundfahrt. Mit jetzt 28 Jahren ist er im klassischen Rundfahreralter angekommen.

Es beginnen die Jahre, in denen Versprechen eingelöst werden müssen und jahrelange Schinderei und Entbehrungen aller Art in rare Glücksmomente umgemünzt werden können. Davon ist Buchmann gegenwärtig beim Giro aber noch ein ganzes Stück entfernt. Anlass zum Ausschütten von Glückshormonen gab es in der Auftaktwoche wenig. Beim Zeitfahren in Turin verlor er bereits wertvolle Sekunden auf die Rivalen im Gesamtklassement. »Wir hatten uns, ehrlich gesagt, von Emanuel etwas mehr erhofft«, bilanzierte am vergangenen Samstag der sportliche Teamleiter Jens Zemke. Er relativierte die Enttäuschung aber auch: »Emanuel kam direkt aus dem Höhentrainingslager. Da fällt die Umstellung immer ein bisschen schwer.«

Doch auch auf den ersten steilen Abschnitten im Rennen fremdelte Buchmann noch. Auf der Rampe hoch nach Sestola am Dienstag kam er nur mit der dritten Gruppe der Favoriten ins Ziel und verlor weitere Zeit. Er konnte vor allem dem explosiven Antritt des Spaniers Mikel Landa nicht folgen. Dieser war dann aber am Folgetag in einen Sturz verwickelt und musste das Rennen aufgeben. Ein Konkurrent weniger also für Buchmann, und ein unangenehmer dazu. Denn die Tempoverschärfungen, die Landa wie einer der ganz wenigen beherrscht, sind gewöhnlich Gift für die Muskulatur des Deutschen.

Bei der ersten echten Bergetappe des Giro zeigte sich Buchmann schon souveräner. Der lange Anstieg hoch zur etwa 30 Kilometer von der Adriaküste entfernten Bergstadt Ascoli Piceno lag ihm vom Profil her ohnehin mehr. Er fiel auch nicht mehr so deutlich hinter seine Mitkonkurrenten zurück. Ganz mit den beiden Topfavoriten Egan Bernal (Kolumbien) und Remco Evenepoel (Belgien) konnte er aber abermals nicht mithalten. Auf beide liegt er bereits mehr als eine Minute zurück. Auch der junge Russe Alexander Wlasow ist mehr als eine Minute vor Buchmann klassiert. Von den ambitionierten Gesamtwertungsfahrern ist derzeit nur der italienische Altmeister Vincenzo Nibali schlechter.

Entsprechend bedeckt fällt Buchmanns Zwischenfazit aus. »Ich habe mein Bestes gegeben, um in der letzten Steigung so lange wie möglich in der Gruppe der Favoriten zu bleiben und den Zeitverlust so gering wie möglich zu halten«, meinte er. Buchmann litt offenbar auch unter den harten meteorologischen Bedingungen der Auftaktwoche. »Wir hatten in diesem ersten Teil des Giro wirklich furchtbares Wetter. Es war sehr nass und kalt und die Bergetappe extrem hart«, sagte er.

Jetzt hofft er auf mehr Sonne und auch darauf, in seine geplante Formkurve hineinzukommen. Bei der Bergetappe durch den Apennin am Samstag bleibt es zwar weiter kühl, aber zumindest auch trocken. Die Sonne soll sich häufiger zeigen als in den vergangenen Tagen. Und wenn es am Sonntag auf der Etappe mit dem Sägenprofil von Castel di Sangro nach Campo Felice über fünf Berge geht, sollen es immerhin schon mal 16 Grad warm werden.

Den Plan für seinen ersten Giro d’Italia hat Buchmann ohnehin vor allem auf die dritte Woche ausgerichtet. Die wartet mit fünf Bergpässen von über 2000 Höhenmetern, drei Bergankünften und einem Zeitfahren über 30 Kilometer auf. »Der Giro wird stets in der dritten Woche entschieden. Da kann es noch sehr große Zeitabstände geben«, blickt Buchmann voraus. Sein Formhoch hat er im Höhentrainingslager auch genau auf diese Zeit angelegt. Allerdings darf er sich bis dahin nicht zu viel Rückstand einhandeln. Jede Minute, die er sich jetzt abnehmen lässt, belastet ihn in der dritten Woche. Ohnehin muss sich Buchmann als eher mäßiger Zeitfahrer ein Polster verschaffen, bevor es am Abschlusstag in zwei Wochen im Kampf gegen die Uhr auf das Mailänder Pflaster geht.

Buchmann liegt in seiner Marschtabelle gerade etwas zurück. Verloren geben muss er den Giro aber noch lange nicht. Sein Spielraum für Fehler und Rückschläge hat sich jedoch massiv verringert. Neben den physischen Herausforderungen, die die kommenden Tage bringen, muss er also auch dem psychischen Stress standhalten, keine Fehler mehr machen zu dürfen. Auch diese Robustheit zeichnet große Rundfahrer aus. Diese Qualität ist nun von ihm gefordert.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung