Signa auf dem Holzweg

Konzern plant neue Bauweise für den Karstadt am Hermannplatz - am Konzept ändert sich nichts

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 5 Min.
Geänderte Baumethoden machen das Karstadt-Aufwertungsprojekt am Berliner Hermannplatz nicht besser, erklären Kritiker einhellig.
Geänderte Baumethoden machen das Karstadt-Aufwertungsprojekt am Berliner Hermannplatz nicht besser, erklären Kritiker einhellig.

Die Coronakrise mache die Weiterentwicklung des Karstadt am Hermannplatz in Berlin »alternativlos«, sagt Timo Herzberg am Freitag auf einer Pressekonferenz bestimmt. Er ist Deutschland-Chef der Signa Real Estate, die vom österreichischen Milliardär René Benko gegründet worden ist.

Um die anhaltende Kritik an dem Projekt zu dämpfen, hat der Immobilienkonzern in die Ökokiste gegriffen. Statt des bisher vorgesehenen kompletten Abrisses und Neubaus, soll nun die Stahlbetonstruktur des Gebäudes erhalten bleiben. »Das Gebäude wird entkernt, die Stahlbetonstruktur saniert«, sagt Herzberg. Die geplante Aufstockung um zwei Etagen und die Wiedererrichtung von zwei 56 Meter hohen Türmen im Erscheinungsbild des Ursprungsbaus aus den 1920er Jahren solle in »innovativer Holzbauweise« erfolgen. »Das wird ein internationales Leuchtturmprojekt für nachhaltige Immobilienentwicklung«, lobt Herzberg das eigene Vorhaben.

Projektleiter Thibault Chavanat schwärmt von 70 Prozent CO2-Einsparung im Vergleich zu konventionellen Bauweisen. Bau- und Planungskosten würden durch die Entscheidung steigen - um wie viel, bleibt offen. Bisher war von rund 450 Millionen Euro die Rede.

»Wir sind mitten in einer Postwachstumssituation. Bauen, bauen, bauen geht nicht mehr«, sagt Niloufar Tajeri von der Initiative Hermannplatz zu »nd«. Die Architektin wendet sich in der Initiative seit Bekanntwerden der Signa-Pläne gegen das Projekt. »Nicht jede Holzbauweise ist nachhaltig«, erläutert sie. »Da muss man ganz genau hinschauen: Wie wird das Material verstärkt?« Es handele sich um »Greenwashing«, also die ökologische Verbrämung von Projekten. Die Initiative wendet sich jedoch insgesamt wegen der sozialen Auswirkungen auf die Umgebung gegen das Aufwertungsvorhaben.

Bis auf die Bauweise soll sich am Projekt auch nichts ändern. Die Geschossfläche soll um rund 15 Prozent wachsen, der Kaufhausbetrieb nur noch ein Teil einer gemischten und tendenziell eher gehobenen Nutzung sein. An den rund 20 000 Quadratmetern Fläche, die Karstadt derzeit tatsächlich selbst bespielt, solle aber festgehalten werden, versichert Chavanat. Weitere 10 000 Quadratmeter der aktuellen Kaufhausfläche werden bereits jetzt von Untermietern betrieben.

»Da kann man einfach nur sagen: Wow«, reagiert Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die bei dem Pressetermin als Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl davon schwärmt, wie »großartig« die Pläne sind. Bereits 2017, als sie noch Neuköllner Bezirksbürgermeisterin war, habe die Idee sie »ziemlich überzeugt«. Die Menschen müssten nach der Pandemie zurückkommen in den Einzelhandel, in die Kaufhäuser. »Diese Möglichkeit bietet sich hier. Ich finde, dass die Politik alles tun sollte, dieses herausragende Projekt zu unterstützen«, so Giffey weiter. Auch ihr Nachfolger als Bezirksbürgermeister, Martin Hikel, ebenfalls mit SPD-Parteibuch, zeigt sich »sehr beeindruckt«.

Nicht alle im Bezirk teilen die Begeisterung. »Die geplante Disneyfassade ist ein Fanal gegen das (post)migrantische, kreative Neukölln und ökologisch Wahnsinn«, erklärt Susanna Kahlefeld. Die Neuköllnerin ist Mitglied der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Sie fordert: »Re-Use statt Abriss und ehrliche Beteiligung der Neuköllner*innen und Kreuzberger*innen in der Zuständigkeit der Bezirke.« Doch Hikel erwähnt auch ein kleines Problem für das Projekt: Der Karstadt liegt in Friedrichshain-Kreuzberg. Der dortige Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) macht keinen Hehl aus der Ablehnung der Signa-Pläne - auf Basis der Einschätzung des eigenen Stadtplanungsamts. Die Neuköllner Fachebene kommt in einer internen Einschätzung zum gleichen Schluss.

Signa-Vorstand Timo Herzberg sieht als Trumpfkarte die 2020 geschlossene Absichtserklärung des Senats. Im Gegenzug für die Erhaltung von Arbeitsplätzen und Standorten bei Galeria Karstadt Kaufhof versprach der Senat zügige Fortschritte bei Bauprojekten am Alexanderplatz, Kurfürstendamm und Hermannplatz. Einzig am Alexanderplatz dürfte der Hochhausbau bald starten.

»Wir erwarten den Aufstellungsbeschluss für dieses Bauvorhaben noch vor dem Wahltag am Ende dieses Jahres«, sagt Herzberg zum Hermannplatz. Das Gleiche gelte für den Kurfürstendamm. »Wir haben unsere Zusagen mit riesigem Aufwand und lückenlos eingehalten«, so Herzberg. Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke) unterstütze das Vorankommen des Projekts.

Dessen Verwaltung äußert sich etwas zurückhaltender. »Wir planen und sprechen mit allen Beteiligten«, erklärt Sprecherin Katrin Dietl auf nd-Anfrage.

Nach wie vor ist der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Schmidt allerdings für eine mögliche Erteilung des Baurechts am Hermannplatz zuständig. »Mit uns redet er nicht mehr wirklich. Ich weiß nicht, was er denkt«, sagt jedoch Projektleiter Chavanat über den Kontakt. »Wir reden gerne mit Ihnen und halten das für eine große Chance für die Stadt«, reagiert Giffey auf der Pressekonferenz auf die Aussage.

»Es ist bemerkenswert, dass die SPD sich nun der Frage annimmt, ob es Bebauungspläne für Großinvestoren gibt und wie die aussehen. Hier geht es ja ganz augenscheinlich nicht um fachliche Abwägungen, sondern um Politik im Vorwahlkampf«, sagt die Linke-Abgeordnete Gaby Gottwald zu »nd«. Signas Strategie sei die Aufwertung der eigenen Immobilien. »Konzernvertreter wie Timo Herzberg leben gut davon und von den steigenden Dividenden«, so Gottwald weiter. Laut einer »nd« vorliegenden Aufstellung konnte Herzberg über seine Aktienanteile an der Signa Prime Selection AG, der die Immobilie gehört, allein im vergangenen Jahr rund 720 000 Euro Dividende einstreichen. Das erkläre auch den Druck, den Herzberg mache.

Erst vor wenigen Tagen ist der Verkauf der ehemaligen Kaufhof-Filiale am Ostbahnhof abgewickelt worden - für 303 Millionen Euro. »Wir brauchen keine Versilberung der Immobilie, sondern günstigen Gewerberaum«, sagt Grünen-Wohnungspolitikerin Katrin Schmidberger zu »nd«. »Und die Menschen brauchen keine Erpressung mit Arbeitsplätzen, die lediglich bis zum Projektstart sichergestellt werden«, so die Abgeordnete weiter.

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