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Perus Studierende für Lehrer Castillo

Die Bildungsreform aus der Diktatur Fujimoris hat an den Universitäten einen Niveauverfall bewirkt

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.

Perus Studierende machen Front gegen Keiko Fujimori. Die 45-jährige Kandidatin bei der Stichwahl um das Präsidentenamt am 6. Juni sei eine »Vertreterin der schädlichsten peruanischen Politik, die die Studentenbewegung während der Diktatur ausgeblutet hat«, heißt es in einer Erklärung der Studierendenvereinigung FEP. Mit Diktatur ist die Amtszeit von Vater Alberto Fujimori gemeint, der das Land von 1990 bis 2000 äußerst autoritär regierte und wegen Menschenrechtsverbrechen im Gefängnis sitzt.

Perus Studierende setzen stattdessen auf den linken Kandidaten Pedro Castillo, der als Grundschullehrer mit dem Bildungssystem des Landes bestens vertraut ist, das noch heute unter den Entscheidungen während der Amtszeit Alberto Fujimoris leidet. Der hatte 1996 per Dekret das »Gesetz zur Förderung von Investitionen im Bildungsbereich« in Kraft gesetzt. Seither ist Hochschulbildung in Peru ein blühendes Geschäftsfeld. Erlaubt war fortan die Einrichtung sowohl gemeinnütziger als auch gewinnorientierter privater Universitäten. Hatte es vor 1996 erst rund 50 Universitäten und Hochschulen gegeben, kamen bis heute rund 100 hinzu. Das formulierte Ziel war »die Modernisierung des Bildungssystems und die Ausweitung von Angebot und Nachfrage«.

Bei Fujimoris Bildungsreform ging es mehr um Quantität als um Qualität. Den Investoren wurden immense Steuervorteile gewährt. Nicht wenige gehörten zum Umfeld oder gar direkt der damaligen Regierungspartei von Alberto Fujimori an. Kein Geheimnis war auch die herrschende Bereicherungsmentalität vieler verantwortlicher Rektoren und vermeintlicher Hochschulgrößen. Negativbeispiel war der Mercedes-Benz von Luis Cervantes, dem Rektor der privaten Universität Garcilaso de la Vega. Vom Geld der Uni, sprich der Studierenden gekauft, ausschließlich privat genutzt, hatte der Rektor sein Luxusfahrzeug als Bildungsgut deklariert.

Da eine wirkliche Qualitätskontrolle nie stattfand, geriet das akademische Niveau des peruanischen Hochschulsystems immer stärker in die Kritik. Vor sechs Jahren beschloss die damalige Regierung einen Qualitätscheck aller Bildungseinrichtungen im Hochschulbereich. Kernstück der damaligen Hochschulreform war eine qualitative Überprüfung von Lehre, Forschung und Studienbedingungen durch eine eigens dafür eingerichtete Aufsichtsbehörde. Die gab im vergangenen Januar ihre Ergebnisse bekannt: 50 Bildungseinrichtungen erfüllen nicht einmal die niedrigsten Qualitätsstandards und müssen in den kommenden zwei Jahren geschlossen werden. Betroffen sind rund 220 000 Studierende, die sich nun nach einer anderen Uni umschauen müssen. Behördenchef Oswaldo Zegarra wollte dennoch das Positive hervorheben: 1,3 Millionen Studierende hätten jetzt die Gewissheit, dass ihre Bildungseinrichtung den Qualitätsanforderungen genügt. »Die Lizenzerteilung für alle anderen Einrichtungen gibt den Lernenden die Sicherheit, dass sie ihre Ausbildungen an Universitäten mit akademischen Programmen und Praktika machen, die die qualitativen Grundvoraussetzungen erfüllen«, sagte Zegarra.

»Wenn Universitäten geschlossen werden müssen, weil sie die Grundbedingungen nicht erfüllen, müssen sie eben geschlossen werden«, bekräftigte auch Marco Apaza, der Vorsitzende der FEP. Er erinnert daran, dass die Studierenden anfangs bei der Reform noch mitgewirkt hatten. »Wir alle wollten, dass die akademische Qualität verbessert wird und damit auch die Chancen, über eine gute Studienausbildung verfügen zu können«, so der FEP-Vorsitzende.

Apaza kann den Ergebnissen der Untersuchung sonst nichts Positives abgewinnen. »Die Reform bürdet den Studis alles auf: Kosten, verlorene Studienjahre, Imageverlust der Abschlüsse etc. Dagegen werden die Eigentümer dieser Fassadenunis ebenso wenig zur Rechenschaft gezogen wie die Verantwortlichen in den Behörden und im Bildungsministerium«, konstatierte Apaza. Die Forderungen des Studierendenverbands FEP an den zukünftigen Präsidenten sind denn auch klar: »Der Staat muss die Kontinuität des Studiums gewährleisten und darf die Betroffenen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Wir fordern eine Reform der Reform, die zusammen mit uns Studis debattiert werden muss«, so Apaza.

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