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In Liebe zum Besonderen

Vor 20 Jahren starb der große Literaturwissenschaftler Hans Mayer: Über Aufklärung und Außenseiter

  • Von Benedikt Wolf
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenn in einem geistes- oder gesellschaftswissenschaftlichen Seminar heute das Stichwort »Aufklärung« fällt, dauert es meist keine fünf Minuten, bis sich jemand zu Wort meldet und anmerkt, Aufklärung sei ein zutiefst weißes, westliches, männliches und heteronormatives Konzept, das deshalb problematisch sei. Die Person, die sich so äußert, hat recht, doch unrecht hat sie mit den Konsequenzen, die sie aus der halbherzigen Verurteilung »problematisch« zieht: von Aufklärung besser nicht mehr zu sprechen.

Natürlich stimmt es, dass die historische Aufklärung ein tatsächlich partikulares Subjekt als universell gesetzt hat. Dafür ist sie zu kritisieren. Dass mit diesem Diskussionsstand ein Ausgangs-, kein Endpunkt erreicht wäre, dass hier das Geschäft einer Kritik der Aufklärung nicht beendet ist, sondern beginnen müsste - das kann man von dem großen Literaturwissenschaftler Hans Mayer lernen, der vor 20 Jahren gestorben ist. Mayer hat mit seinem 1975 erschienenen Buch »Außenseiter« für eine Aufklärungskritik, die an den partikularen Existenzen ansetzt, einen Standard gesetzt, der in der Diskussion seitdem nicht mehr erreicht wurde und an den es zu erinnern gilt, möchte man den Aufklärungsverrat kritisieren, der heute in Teilen der Queer, Gender und Postcolonial Studies und den von diesen beeinflussten Bewegungen betrieben wird.

Das Außenseitertum hat Mayers Biografie geprägt: 1907 in Köln in eine bürgerliche jüdische Familie hineingeboren, befasste sich Mayer in den 1920er und 1930er Jahren mit dem Marxismus und schloss sich sozialistischen und kommunistischen Organisationen an. Der sozialistische Jude war auch noch homosexuell - drei Dimensionen des Außenseitertums. Auch im sozialistischen deutschen Staat, in den Mayer aus dem Exil zurückkehrte, blieb er Außenseiter und verließ das Land 1963 in Richtung Bundesrepublik, wo er seine akademische Karriere fortsetzen konnte.

Mayers Buch von 1975 ist ein Pionierwerk für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Juden, Frauen und Homosexuellen für die europäische und amerikanische Literatur zu einer Zeit, als Frauen- und Schwulenbewegung die Universitäten noch kaum erreicht hatten. Mayer unterscheidet darin grundsätzlich zwischen zwei Ausprägungen des Außenseitertums: Während intentionelle Außenseiter aufgrund ihrer »Taten und Meinungen« ins Außen treten, haben existenzielle Außenseiter keine Wahl: Ihre Existenz lokalisiert sie von vornherein im Außen. So ist der Sozialist Mayer intentioneller Außenseiter, der Jude und Homosexuelle hatte keine Wahl.

Mayer geht in »Außenseiter« vom Widerspruch zwischen formaler und materieller Gleichheit aus: »Formale Gleichheit vor dem Gesetz ist nicht mit der materialen Egalität einer gleichen Lebenschance zu verwechseln, eignet sich vielmehr, wie die Geschichte demonstriert, vorzüglich zu ihrer Verhinderung.« Dieses Problem stelle aber, so Mayer weiter, nicht die eigentliche Herausforderung einer Kritik der Aufklärung dar: »Allein solche Erfahrungen widerlegen nicht die bürgerliche Aufklärung, sondern wirken als Bestätigung: man kann (…) der Bourgeoisie ihre Postulate entwinden«. Erst die Außenseiter, vor allem die existenziellen, die »durch das Geschlecht, die Abkunft, die körperlich-seelische Eigenart« sich schon immer im Außen befinden, werden zum Testfall der Aufklärung.

Es ist das Besondere, ja das Monströse, das, was gegenüber dem Universellen als ungeheuerlich erscheint, an dem sich Aufklärung zu bewähren hätte. Das Monstrum - verwandt mit dem lateinischen monstrare, »zeigen« - wird so zum Index eines Defizits im Allgemeinen. Die Konsequenz ist aber bei Mayer, dass das Allgemeine nicht, wie in der heute zeitgenössischen Fetischisierung der Partikularitäten, als normative Instanz abgeschafft und seine Existenz schlicht geleugnet wird, sondern dass vielmehr die monstra aufs Allgemeine Verweisen: auf eine Menschheit, die so gefasst werden müsste, dass in ihr alle »ohne Angst verschieden sein« könnten, wie es Theodor W. Adorno formuliert hat.

Die Literatur, die nach Mayer der »Kategorie des Besonderen« gehorcht, gilt ihm als der privilegierte Ort der Auseinandersetzung um die Außenseiter. In Literatur wird die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem, die der Blick auf die Außenseiter in der gesellschaftlichen Sphäre herausarbeitet, Form. Mayers Ansatz führt dementsprechend Formgeschichte mit soziologischen Fragen in einer innovativen Weise eng, die nach ihm kaum je mehr erreicht wurde. Literatur scheint so auf als ein Ort, an dem der dialektische Prozess der Kritik sich vollzieht und an dem eine utopische Überschreitung der Defizite der Aufklärung denkbar wird.

Mit einem solchen Forschungsprogramm kommt man woanders an als die damalige bundesdeutsche Linke. Nicht zuletzt an seinen Ausführungen zum »Judenhass nach Auschwitz« lässt sich die Unbestechlichkeit von Mayers Argumentation ablesen. Schon 1975 formuliert Mayer die Erkenntnis, dass sich nach der Shoah und mit der Gründung Israels »die Antithesen der einstigen ›Judenfrage‹ ins Weltpolitische erweitert« hätten. Gegenüber dem »jüdischen Außenseiterstaat« komme es seitdem (und kommt es bis heute) immer wieder zu »Klauseln zugunsten der Existenz dieses Staates«, das heißt zu »Bekenntnissen zur Nichtvernichtung«, die in der Form der Verneinung den Vernichtungswunsch ausdrücken. »Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die ›Juden‹ sagen möchte, macht sich oder andern etwas vor.« Dieser Satz Mayers stimmte damals und er stimmt heute nicht minder. Er entstammt einem Projekt der Aufklärungskritik, das mit den heute modischen Absagen an die Aufklärung nichts gemein hat, sondern konsequent Partei für die Außenseiter ergreift, ohne die Aufklärung zu verraten.

20 Jahre nach seinem Tod muss man sich Mayer-Leserinnen wünschen.

Benedikt Wolf ist Literaturwissenschaftler an der Universität Bielefeld.

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