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Über den Dächern von Belgien

Das digitale Zeitalter verändert auch die Darstellung vom Bankraub: Für ihren Millionencoup knackt die Gang in der Serie »The Bank Hacker« daher keinen Tresor, sondern Codes

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.

Heist-Movies, diese Glamrock-Versionen profaner Bandenkrimis, glänzen seit der Zeit der Schwarz-Weiß-Filme gerade dank des eleganten Personals am hellsten. Cary Grant, Frank Sinatra, Harvey Keitel, George Clooney: wenn Schauspieler wie diese Spiel- oder echte Banken um ihre Rücklagen erleichtern, sind sie zumeist lässig, souverän und sagenhaft sorgsam frisiert - also das genaue Gegenteil des zotteligen Programmierers Jeremy. Dafür bringt dieser in der Serie »The Bank Hacker« Einzigartiges zustande: den größten Raubzug aller Zeiten.

Rund 300 Millionen Euro, das verraten uns gleich zu Beginn erregte Nachrichtensprecher in aller Welt, haben Jeremy und seine Spießgesellen erbeutet. Allerdings musste er dafür wie frühere Kollegen in »Über den Dächern von Nizza« keine analogen Tresorwände überwinden. Im Jahr 2021 knacken Bankräuber digitale Codes. Die Zukunft des todsicheren Dings, ist also binär; todsicherer wird sie deshalb mitnichten. Nach den Breaking News nämlich sonnt sich Jeremy nicht auf einer Karibikinsel und genießt seinen Beuteanteil; er sitzt im dunklen Büro der Antwerpener Staatsanwaltschaft und erzählt ihr alles über seine Komplizen.

Ist der Cybercoup also gescheitert? Das könnte man nach den ersten zwei Minuten des belgischen Achtteilers, der die folgenden sechs Stunden vorwiegend mit Rückblicken auf die drei Jahre zuvor verbringt, durchaus denken. Doch der Reihe nach. Jeremy (Tijmen Govaerts) ist ein junger Informatikstudent aus Antwerpen, der zwar jeden Sicherheitsschlüssel knackt, aber kein Glück in Partnerschaften hat. Als er jedoch einen europaweiten Hackerwettbewerb fast im Alleingang gewinnt, rekrutiert ihn der Gauner Alidor (Gene Bervoets) für seine Gang unterschiedlich qualifizierter Ganoven. Ziel: ausgerechnet jene Bank auszurauben, die Jeremys Vater mit dubiosen Aktiendeals in den Suizid getrieben hat.

Rache plus Kohle plus Abenteuer plus Sex mit der Tochter des Bandenchefs - eine Win-Win-Win-Situation für den kontaktscheuen Jeremy. Bis sie mit jeder Serienminute mehr und mehr zu einer Lose-Lose-Lose-Katastrophe eskaliert.

Warum das an dieser Stelle gespoilert werden darf? Weil »The Bank Hacker« nur am Rande ein klassisches Heist-Format ist. Wichtiger ist den Regisseuren Frank Van Mechelen und Joost Wynant nach Büchern von Kristof Hoefkens und Maarten Goffin die schleichende Selbstermächtigung der psychosozial komplizierten Hauptfigur. Um sich und seine Liebsten vor dem Untergang zu bewahren, treibt Jeremy ein doppeltes, ja dreifaches Spiel.

Der Tod seines Vaters hat nicht nur Schwester Lilly traumatisiert; auch das Blumengeschäft von Mutter Anouk (An Miller) steht vor dem Ruin. Und da bietet der Cyberangriff auf das schuldige Bankhaus gleich mehrfach Chancen zur ausgleichenden Gerechtigkeit. Der ebenso weise wie gerissene Alidor erklärt diese am Beispiel jener Holzfiguren, die er seit seiner Haftzeit dauernd schnitzt: »Schach ist wie das Leben«, wird Jeremy belehrt. »Alle sind scharf auf die Könige und Damen, die hohen Türme und schnellen Läufer, aber kleine Bauern wie wir, interessieren niemand.« Bis sie es auf die andere Seite schaffen. »Dann verwandeln sie sich in Damen und drehen das Spiel um.«

Klingt küchenphilosophisch, erhöht aber den Sympathiepunktestand der Täter, die im Heist-Movie prinzipiell beliebter sind als ihre Opfer. Aber auch sonst agieren »The Bank Hacker« auf historisch planiertem Terrain: Wie Danny Oceans Kasinoplünderer der 1960er bis 2000er Jahre, bestehen sie aus Actionfiguren für jeden Zuschauergeschmack - vom peniblen Zahlenfresser Bart (Koen De Graeve) übers hitzköpfige Kraftpaket Prince (Manuel Broekmann) bis zum Schwarzen Alleskönner Souleymane (Claude Musungayi) ist alles dabei.

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Echt originell wird die Boybandbesetzung somit erst, weil sie eher selten an schwer bewaffneter Security vorbeimuss, dafür häufiger an binären Sicherheitschiffren, die Jeremy bisweilen knackt wie Diebe Zahlenschlösser am Kinderfahrrad. Ratterndae Zahlenkolonnen am Bildschirm, gepaart mit physischer Action, hoher Spannung und Wendungen im Dutzend: da kann nicht mal die ignorante Synchronisation des Studio Hamburg verhindern, dass alle acht Teile zu jeder Zeit kurzweilig sind.

»The Bank Hacker«, ab 21. Mai um 20.15 Uhr auf ZDF Neo.

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