Wir haben einen Plan

Natürlich kann die Planung von Produktion und Verteilung funktionieren. Die Frage ist nur: Wie?

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Planwirtschaft: Wir haben einen Plan

»Der Markt regelt das.« Dieser Satz ist inzwischen diskreditiert. Die Idealisierung des Marktmechanismus hatte mit der großen Finanzkrise ab 2007 einen Riss bekommen. Den Rest gaben ihr die staatlichen Rettungsaktionen, der Klimawandel, die Corona-Pandemie und der spektakuläre Aufstieg Chinas. Heute hält der Kredit von Regierungen Unternehmen über Wasser und die halbe Marktwirtschaft am Laufen. Alle großen Länder betreiben Industriepolitik, um die Märkte der Zukunft erst noch zu schaffen, von der Digitalisierung bis zur Klimatechnologie. Was liegt da näher, als die Debatte weiterzudrehen und zu fragen: Warum nicht gleich Planwirtschaft?

Der kapitalistische Markt als Lösung aller gesellschaftlichen Probleme mag diskreditiert sein - die »Planwirtschaft« ist es jedoch schon viel länger und gründlicher. Spätestens seit dem Untergang der Sowjetunion gelten die Gesetze von Preis, Angebot und Nachfrage als zwar nicht perfekte, aber doch überlegene Mechanismen zur Allokation der Ressourcen. Dem setzt das Buch »Die unsichtbare Hand des Plans« entgegen: Die bewusste Planung von Produktion und Verteilung ist möglich, sie könnte enorm leistungsfähig sein, und die Mittel, derer sie bedarf, sind schon vorhanden.

Die heute unter Ökonomen noch gängige Erklärung für die Überlegenheit des freien Marktes lieferten vor vielen Jahrzehnten die liberalen Ökonomen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises. Laut ihnen dient der von Unternehmern gesetzte Preis als Knappheitsindikator, und der Markt als »Informationssystem«, das die Güter immer genau dorthin wandern lässt, wo sie am effizientesten eingesetzt werden. Diese Leistung des Marktes könne nie ersetzt werden durch eine Behörde, die stets nur über begrenztes Wissen verfügt.

Allerdings, schreibt der Wissenschaftsphilosoph Oliver Schlaudt, artikuliert sich in der Sprache der Marktpreise nur die Kaufkraft der Konsumenten, nicht ihre Bedürfnislage. Zudem blieben soziale und ökologische Folgekosten ausgeblendet. In der Realität lieferten Preise »nicht wie Landkarten oder Messwerte eine objektive Beschreibung von Tatsachen, auf deren Grundlage rationale Entscheidungen getroffen werden können; sie sind vielmehr die relevante Information für denjenigen, der sein Handeln an der Möglichkeit des Profits ausrichtet.« Daher stelle sich einer Planwirtschaft gar nicht die Aufgabe, dieselben Informationen auf einem alternativen Weg zusammenzusuchen. »Entsprechend dem verschobenen Ziel des Wirtschaftens benötigt eine Planwirtschaft auch eine andere Art von Informationen als Preise«, so Schlaudt.

Zum Beispiel: Was wollen die Menschen? Die Erhebung der Bedürfnisse ist dank Computertechnologie heutzutage kein Problem mehr. Der Onlinehändler Amazon ist dank seiner Algorithmen in der Lage, auf Basis von Bestellungen künftige Kundenwünsche zu antizipieren und Waren zu bestellen, noch bevor Kunden sie geordert haben. »Berührt, ja zerschmettert der patentierte Algorithmus des ›anticipatory shipping‹ nicht das heiligste Tabu unserer Gesellschaft - den Markt?«, fragt Schlaudt. »In der Tat wird dieser als vermittelnde Instanz zwischen Händler und Konsument überflüssig.«

Nicht nur Amazon steuert Produktion und Verteilung. »Schätzungsweise werden 30 bis 50 Prozent des Welthandels innerhalb von Unternehmen abgewickelt und sind dementsprechend extrem geplant«, so César Rendueles. Konzerne wie Ikea, H&M, Apple oder Walmart agieren als kleine Planungsbehörden - selbst im Kapitalismus, wo die Anarchie des Marktes die Konzernplaner vor zahllose Unwägbarkeit stellen. Wie leicht könnte Planung daher sein, wenn diese Unwägbarkeiten beseitigt würden und das bewegliche Ziel der Profitmaximierung durch eine schlichte Versorgung der Bevölkerung ersetzt würde?

»Amazon bietet Produktions- und Vertriebstechniken an, die nur darauf warten, beschlagnahmt und umgewidmet zu werden«, zitiert Armin Beverungen die Journalisten Leigh Philips und Michal Rozworski,. Er nennt allerdings auch die Gründe, die das nicht so einfach machen: Erstens schaffe Amazon Sicherheit für sich, indem es die Kundenwünsche beeinflusse und steuere. Zweitens existierten diese Wünsche heutzutage nur als individuelle. Nötig seien stattdessen kollektive Entscheidungsprozesse darüber, was von wem produziert werden soll, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen. Diese demokratischen Prozesse müssten erst installiert werden.

Als einen Ansatz, wie eine digitalisierte Planwirtschaft funktionieren könnte, präsentiert Jan Groos das Modell des Ökonomen Daniel E. Saros. Am Anfang stehe eine zentrale Online-Plattform (»General Catalog«), die alle verfügbaren Gebrauchswerte umfasst. Hier könnten Artikel gesucht und bestellt werden. Die Bestellungen werden nach einem Punktesystem bewertet - so könnten Grundbedürfnisse wie Nahrung oder Wohnen höher gewichtet werden. Darauf folgt im Rahmen eines demokratischen Aushandlungsprozesses die Ressourcenzuteilung. Wie die Gebrauchswerte produziert werden, darüber entscheiden Arbeiterräte in weitreichender Autonomie. Für die Produktion erhalten sie persönliche »Credits«, die kein Geld sind, weil sie weder übertragen noch gespart werden können.

So könnte die Planung der Produktion und Verteilung nicht nur zu einer besseren Versorgung und einem leichteren Leben führen - sie könnte auch schlicht unausweichlich sein. Denn »der Klimawandel so die einfache Erkenntnis, ist ein Problem, dem nur mit den Mitteln kollektiver Planung begegnet werden kann«, schreibt Groos. Damit steht laut Rendueles eine radikale Politik allerdings »zum ersten Mal vor der Aufgabe, eine postkapitalistische Alternative zu schaffen, die nicht auf Wachstum und Überfluss beruht, sondern auf einer kollektiven Vorstellung des guten Lebens auf Grundlage einer gerechten, egalitären und realistischen Austerität«.

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Die Beiträge des Buches umreißen das Themenfeld der ökonomischen Planung, die gestellten Fragen sind weder naiv noch belehrend und die Antworten nicht eindeutig, bleiben aber auch nicht im Vagen. Die Autor*innen versuchen sich ernsthaft an der Frage, was Planung leisten und wie sie gehen könnte, und sie tun das in leicht verständlicher Sprache. Mit dem System des Ostblocks beschäftigt sich das Buch nur am Rande, was einerseits ein Mangel ist, andererseits eine Stärke: Es geht nicht darum, was einst geschehen ist, sondern darum, was künftig möglich ist.

Timo Daum, Sabine Nuss (Hg.): Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus. Dietz Berlin, 268 S., br., 18 €.

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