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Rätedemokratie oder totalitärer Kapitalismus

Der Rätekommunismus wollte die soziale Revolution ohne Partei machen. Ein neuer Einführungsband beleuchtet Geschichte und Theorie

Nun ist die Theorie.org-Reihe des Schmetterling-Verlags um einen Beitrag reicher: Felix Klopotek hat den lang angekündigten Einführungsband »Rätekommunismus. Geschichte - Theorie« vorgelegt. Der Rätekommunismus war ein radikaler Teil der Arbeiterbewegung - in Opposition zu Sozialdemokratie und Bolschewiken. »Die soziale Revolution ist keine Parteisache!« lautete sein Schlachtruf.

Auf rund 240 Seiten macht das Buch dreierlei: Erstens skizziert es die Geschichte rätekommunistischer Gruppierungen, zweitens stellt es zentrale Theoreme und inhaltliche Setzungen der rätekommunistischen Strömung vor und drittens fasst es kurz und knapp Lebenswege wichtiger rätekommunistischer Protagonisten zusammen - etwa von Jan Appel, Paul Mattick und Alfred Weiland. Das Buch kommt von der Massenstreikdebatte innerhalb der Sozialdemokratie am Anfang des 20. Jahrhunderts über die Spaltung der Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg zur Novemberrevolution und den anschließenden revolutionären Jahren. Damals waren die rätekommunistischen Gruppen in Deutschland für kurze Zeit gar Massenorganisationen - so die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die Allgemeine Arbeiter-Union (AAU) und die Allgemeine Arbeiter-Union - Einheitsorganisation (AAU-E).

Nach der Niederlage der Mitteldeutschen Märzaktion 1921 kam es zur Zersplitterung der rätekommunistischen Strömung. Klopotek weist gleichwohl nach, dass es in dieser Zeit zu einer inhaltlichen Reflexion kam, wodurch eben jene Strömung überhaupt erst zur theoretischen Kritik wurde. Neben Exkursen zur rätekommunistischen Krisentheorie, zur rätekommunistischen Vorstellung geplanter Wirtschaft und einer materialistisch fundierten Erkenntnistheorie zeigt der Autor, wie die Rätekommunisten den Stalinismus einerseits und den Nationalsozialismus andererseits analysierten. Sie fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich in zerstreuten Zirkeln, betroffen von antikommunistischer Hetze im Westen und geheimdienstlicher Verfolgung im Osten. Und sie versuchten als entschiedene Marxisten die Konsequenzen der historischen Niederlage der Arbeiterbewegung theoretisch zu erfassen.

Das Prinzip der Räte haben die Rätekommunisten nicht erfunden. Vielmehr war die Organisierung in Räten die praktisch hergestellte Erfahrung und Erkenntnis der selbsttätigen Arbeiterbewegung, die die Rätekommunisten bloß systematisierten. Auch sind ihnen Räte weder Allheilmittel noch Selbstzweck - sie sind keine hinreichende, aber eine notwendige Voraussetzung. Das folgt der Einsicht von Marx und Engels, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss. Die Rätekommunisten betonen diesen autonomen, gar spontanen Zug der wirklichen Bewegung. Ohne aber zu leugnen, dass es einer klassenbewussten Organisierung und kommunistischen Willens wie Bewusstseins bedarf. Gleichwohl konstatieren sie, dass sich die Organisationen der Arbeiterbewegungen von ihrem eigentlichen Zweck gelöst hätten und aus einem wachsenden Interesse am Selbsterhalt zunehmend gegen die Interessen der Arbeiter richteten. Die Räte sollten die Bewegung zum Nerv der Gesellschaft zurückführen: in die Stätten der Produktion.

Klopotek fasst die grundlegenden Theoreme des Rätekommunismus so zusammen: »dass die Selbstbefreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter sich in Räten ohne die Vermittlung einer Partei vollzieht; dass Gedanken nicht als Widerspiegelung von Wirklichkeit, sondern als Wirklichkeit selbst zu begreifen sind, nichts Abgeleitetes sind, sondern ein aktiver Teil derselben; dass der Kapitalismus monopolistisch geworden ist und seine katastrophische Tendenz zur Weltkrise ausgewachsen ist; dass deshalb alle Institutionen der kapitalistischen Gesellschaft und insbesondere die etablierte Arbeiterbewegung selbst als Teil dieser Krise zu verstehen sind«.

Zentral ist dabei der Gedanke, dass der Kapitalismus in der organisierten Arbeiterbewegung eine Möglichkeit entdeckt hat, die proletarische Bevölkerung in Bewegung zu setzen und zu aktivieren, aber auch zu kontrollieren. Und diese Schwungkraft im Sinne einer Modernisierung der Kapitalakkumulation zu integrieren und somit die kapitalistische Herrschaft immer totaler werden zu lassen. Dies hätten die Sozialdemokratie einerseits und der Stalinismus andererseits verschuldet, die Ursachen dafür würden aber tiefer liegen: Die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts hat bürgerliche Revolutionsvorstellungen übernommen und somit auch bürgerliche Formen reproduziert. Partei und Gewerkschaft, wie wir sie kannten und kennen, sind auch ein Ausdruck dieser Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft. Dass das Buch dies hervorkehrt, macht es empfehlenswert.

Wo heute die Geschichte der historischen Arbeiterbewegung wiederentdeckt und aktualisiert werden will, kann die Einführung von Klopotek als Korrektiv dienen und vor einer kritiklosen Übernahme von traditionellen sozialistischen und kommunistischen Vorstellungen warnen. Die Rätekommunisten stehen hierfür als Zeugen und regen zu radikalem, genauem und scharfsinnig-analytischem Denken an. Das Buch holt zahlreiche Texte in Erinnerung, die erneut gelesen werden wollen - etwa das Buch »Arbeiterräte« von Anton Pannekoek, die »Thesen zum Bolschewismus« von Helmut Wagner oder die späten, sehr konzentrierten Texte von Paul Mattick und Karl Korsch. Klopotek schreibt parteiisch und verhehlt nicht seine Sympathie für den Rätekommunismus. Das Buch regt aber auch dazu an, kritische Fragen weiter diskutieren zu wollen: Wie haltbar ist die rätekommunistische Krisentheorie? Gibt es eine Tendenz zum ökonomischen und historischen Determinismus, der unvermittelt zur Betonung der Spontaneität bleibt? Liegt die Blindheit gegenüber dem Geschlechterverhältnis in der politisch-ökonomischen Beschränkung auf die Stätten der unmittelbaren Produktion?

Und weiter: Wo gerät die Faschismusanalyse an ihre Grenzen? Ist die historische Gegenüberstellung von Konkurrenz- und Monopolkapitalismus überhaupt haltbar? Gibt es im Rätekommunismus die Tendenz zu einer nivellierenden Totalitarismustheorie? Das sind Fragen, deren Diskussion den Rahmen des Buches sicherlich gesprengt hätte, das ja zunächst einführen will. Gleichzeitig kann man mit Klopotek entdecken, dass die Rätekommunisten immer wieder bereit waren, ihre früheren Setzungen einer Kritik zu unterziehen - ein Vorbild für eine kritische Aneignung. Der unbestreitbare Verdienst besteht darin, weitestgehend vergessene Personen und ihre Texte überhaupt erstmals wieder einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Felix Klopotek: Rätekommunismus. Geschichte - Theorie. Schmetterling-Verlag, 240 S., br., 12 €.

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