Aus dem Mangel lernen

Rigoros deckt die Pandemie die Defizite in Perus Bildungssystem auf: fehlende Infrastruktur, zu wenig Lehrer und ein tiefer technologischer Graben. Dagegen kämpft Eleonora Morales Azurín, Schulleiterin in Cusco

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 7 Min.
In Peru haben nur 30 Prozent der Beschäftigten eine Anstellung, der Rest arbeitet im informellen Sektor – so wie diese Straßenverkäuferin, die auf Kunden wartet. Dass sie dabei Zeitung liest, ist eher ungewöhnlich in Peru, wo das Bildungsniveau recht niedrig ist.
In Peru haben nur 30 Prozent der Beschäftigten eine Anstellung, der Rest arbeitet im informellen Sektor – so wie diese Straßenverkäuferin, die auf Kunden wartet. Dass sie dabei Zeitung liest, ist eher ungewöhnlich in Peru, wo das Bildungsniveau recht niedrig ist.

Kleine Städte wie Antas, aber auch das sechs Stunden entfernte Puno oder die Geldgräberregion von Puerto Maldonado sind auf der großen Peru-Karte von Eleonora Morales Azurín mit einem Fähnchen markiert. Jedes der Fähnchen steht für eine Schülerin oder einen Schüler, die oder der zur Schule Fe y Alegría 21 im peruanischen Cusco gehört. Gemeinsam haben Kollegium und Rektorin Morales Azurín alle Schülerinnen und Schüler ausfindig gemacht und die Listen mit den Telefonnummern der Kinder und ihrer Eltern, E-Mail und Chat-Verteiler im Konferenzraum an große Stellwände gehängt. »Wir unterrichten seit Monaten virtuell. Darauf waren weder wir noch das Bildungsministerium in Lima vorbereitet. Wir sind quasi über Nacht ins digitale Zeitalter geworfen worden«, meint die Rektorin mit einem ironischen Lächeln.

Eleonora Morales Azurín
Eleonora Morales Azurín

Entsprechend holprig läuft die Umstellung vom obligatorischen Präsenzunterricht in oft zu kleinen Klassenzimmern zum virtuellen Lernen in den eigenen vier Wänden oder unter freiem Himmel. Die hohe Quote der Schulabbrecher ist nur ein Indiz für die gravierenden Probleme, vor denen Perus Bildungssystem nicht erst seit der Pandemie steht. Auf rund 300 000 taxiert das Bildungsministerium in Lima deren Zahl, auf etwa eine Million die Bildungsgewerkschaft Sutep. Für Morales Azurín sind die Zahlen der pure Horror. »Wir haben seit März letzten Jahres alles getan, um den Kontakt zu unseren Schülern zu halten. Haben Aufgabenzettel kopiert, Mappen zusammengestellt und sie teilweise auch im Stadtviertel San Jerónimo verteilt.« Dort befindet sich die Grund- und weiterführende Schule mit über 1200 ABC-Schützen, die meist aus einfachen Verhältnissen stammen. San Jerónimo ist ein traditionelles Arbeiterviertel. Viele Handwerker leben hier, Kleinhändler und Tagelöhner, die im Zentrum von Cusco frühmorgens nach Arbeit auf einer Baustelle oder auf einem Markt suchen.

Doch mit der Pandemie ging das Land erst einmal in die Knie, und in Cusco war das besonders heftig zu spüren. Die alte Inkastadt lebt von Landwirtschaft, Bergbau und Tourismus. Doch die Touristen bleiben aus, und entsprechend wenig gibt es für Guides, Hotelpersonal, aber auch für Handwerker und Straßenhändler zu tun. »Familien, die aus San Jerónimo weggehen, weil sie in ihren Heimatgemeinden in der Landwirtschaft, manchmal auch im Bergbau arbeiten, haben wir etliche. Die Halbwüchsigen müssen dann oft mit ihren Vätern schuften«, schildert die Pädagogin die harten Realitäten.

Viele Schüler wechseln von Privat- auf öffentliche Schulen

Um 11,1 Prozent schrumpfte die peruanische Ökonomie im Jahr 2020, und die Familien, die von den Einkommen im informellen Sektor leben, sind besonders betroffen. Doch das sind zwischen 70 und 75 Prozent aller Beschäftigen in Peru, so Carlos Herz. Der Leiter des kirchlichen Bildungszentrums Bartolomé de las Casas in Cusco kennt die ökonomischen Strukturen detailliert. »Geld verdienen hat Vorrang vor Bildung. Das bekommen jetzt auch die Privatschulen zu spüren. Mindestens 300 000 Schüler sollen von privaten in öffentliche Schulen gewechselt sein«, gibt der 62-Jährige Informationen aus dem Bildungsministerium weiter. Die Familien können sich schlicht das Schulgeld nicht mehr leisten.

Das hat auch Eleonora Morales Azurín zu spüren bekommen. Mitte Februar wurde sie informiert, dass einige zusätzliche Schüler das seit dem 15. März laufende neue Schuljahr an der Fe y Alegría 21 beginnen würden. Damals hatte Morales Azurín gerade begonnen, mit ihren Kolleginnen und Kollegen das neue Schuljahr vorzubereiten. Die Landkarte wurde mit Fähnchen versehen, Listen und Telefonverteiler angelegt, digitale und analoge Arbeitszettel für die Klassen vorbereitet und auch die Optionen für den virtuellen Unterricht durchgespielt. Der läuft landesweit seit Monaten online mit »Aprendo en Casa« (dt.: Ich lerne zu Hause), dem Online-Tool aus dem Bildungsministerium in Lima. Das war anfangs nur im Internet abrufbar, läuft seit ein paar Monaten aber auch im Radio und im Fernsehen. Das sorgt für eine bessere Abdeckung, lobt der Bildungsexperte Salomón Lerner, ehemaliger Rektor der Päpstlichen katholischen Universität in Lima (PUCP). »Aprendo en Casa« ist jedoch nur eine Option für Lehrer der Fe y Alegría 21. »Wir arbeiten auch mit Google Meet und Whats-App. Zudem setzen wir auf klassenspezifische Lernmodelle. Dabei hängen wir natürlich auch von der Netzabdeckung ab - die ist oft ein Problem«, so die 57-jährige Pädagogin. Von Schülern, die derzeit außerhalb von Cusco in Dörfern leben und auf Hügel und Felsvorsprünge klettern, um ein Empfangssignal auf dem eigenen Mobiltelefon oder jenem ihrer Eltern zu ergattern, berichten ihr die Kollegen. Hinzu kommt, dass bei Regen selbst die Netzverbindung zwischen Lima und Cusco instabil ist, wie auch Carlos Herz bestätigt, der zwischen den beiden Städten pendelt.

Obendrein gibt es auch genügend Familien, die noch nicht mal ein Smartphone besitzen und die Kinder deshalb nicht vom Lehrer über den Klassenchat informiert werden können. »Das sind drei bis vier Prozent, wo unsere Assistenten ausgedruckte Übungszettel, Hefte und Aufgaben zu Hause vorbeibringen - falls das geht«, so die Rektorin. Für diese Familien versucht sie, Tablets aus dem Programm der Regierung zu bekommen, kümmert sich aber auch um andere Optionen; zum Beispiel über kirchliche Bildungsträger.

Erfolgreich, wie sich beim Schulbeginn am 15. März zeigte. »Als wir am 15. März ins neue Schuljahr starteten, waren wirklich alle dabei: Kein Schüler und keine Schülerin hat aufgegeben«, freut sich Eleonora Morales Azurín. Zudem starteten rund fünfzig zusätzliche Schüler, die aus anderen Schulen zur Fe y Alegría 21 übersiedelten. Umzüge nach Cusco, aber auch der Wechsel von Privatschulen sind dafür verantwortlich. Für die Neuen ist das alles andere als einfach, denn an Präsenzunterricht ist schließlich nicht zu denken. Das geben die beengten Räumlichkeiten nicht her, und daher findet sich auf dem schwarzen Stahltor der Schule auch das Hinweisschild, dass der Unterricht frühestens Anfang Juli wieder beginnen wird.

»Das ist für die Region Cusco so festgelegt, und es macht Sinn, denn die Infrastruktur an dieser Schule wie an vielen anderen lässt keine Alternativen zu. Wir verfügen weder über ausreichend große Klassenräume, noch über die sanitären Anlagen, und selbst die Wege innerhalb der Schule sind zu schmal, um Abstand zu halten«, erklärt Morales Azurín schulterzuckend. Sie hofft, dass bis Anfang Juli möglichst alle geimpft sind. Unrealistisch angesichts des Impftempos in Peru und der Präsenz sowohl der brasilianischen als auch der britischen Mutante in der auf 3300 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Stadt.

»Während noch vor ein paar Monaten einzelne Familienmitglieder mit dem Coronavirus infiziert waren, sind es jetzt ganze Familien«, schildert die Lehrerin ihre Eindrücke aus dem Schulalltag unter Pandemie-Bedingungen. Die treffen die abgelegenen Regionen deutlich heftiger als die urbanen, denn in den Bergen der Anden, aber auch in der Amazonas-Region ist die Infrastruktur mies. Schulen ohne Wasser- und Abwasseranschluss gibt es genauso wie zu enge Klassenräume. Oft ist nur ein Lehrer oder eine Lehrerin für mehrere Klassen verantwortlich, kritisiert die Lehrergewerkschaft Sutep. Mit den Infektionsschutzbestimmungen, aber auch dem Konzept des »semipräsenten« Unterrichts in kleineren Klassen sei das kaum zu vereinbaren, so die Gewerkschaft.

Viele Lehrer setzen auf den Zweitjob Taxifahren

Der stimmt Eleonora Morales Azurín, die auch schon in anderen Landesregionen unterrichtet hat, zu. Landesweit fehlen vor allem in ländlichen Regionen Pädagogen, was dazu führt, dass viele Klassen überfüllt sind. 30 Schüler und mehr sind keine Seltenheit. Die Bezahlung der Lehrkräfte ist landesweit miserabel. Auch in die Ausbildung wird zu wenig investiert, sagt Salomón Lerner. Viele Lehrer und Lehrerinnen verdienen sich nebenbei etwas mit Taxifahren hinzu. Schätzungen gehen vom doppeltem Bedarf an Lehrkräften aus, falls das Bildungsministerium zumindest etwas verlorene Lernzeit aufholen will, meinen Experten wie Carlos Herz. Doch dazu sind zusätzliche Investitionen notwendig, und da tut sich die Regierung in Lima schwer, die Bildung zu priorisieren. Das hat Tradition, und damit ist Rektorin Eleonora Morales Azurín alles andere als einverstanden. Doch sie hat gelernt damit umzugehen und sucht Unterstützung für ihre Schüler auch außerhalb der staatlichen Strukturen. Eine Sendung Tablets kam kürzlich erst von einer kirchlichen Hilfsorganisation. Die sind nun im Einsatz und sorgen dafür, dass Schüler auch außerhalb Cuscos am Ball bleiben können. Wenn das Internet denn mitspielt.

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