Schuld sind immer die Kanaken

SCHWARZ AUF WEIß: Antisemitismus ist so deutsch wie Sauerkraut, meint Sheila Mysorekar

  • Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gibt Dinge, die sind so deutsch, deutscher geht’s einfach nicht mehr: Gartenzwerge, Bürokratie, und Antisemitismus. Den gab’s hier schon immer. Im tiefsten Mittelalter, zur Nazizeit, und heute. Da müssen wir uns nichts vormachen – nach einem millionenfachen Massenmord weiß alle Welt Bescheid. Hinzu kommt: Deutsche Neonazis sorgen konstant für einen stetigen Nachschub antisemitischer Straftaten, wie etwa 2019 der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Auch das ist allseits bekannt.

Dachte ich zumindest. Jetzt stellt sich raus: Hier in Deutschland gab es bis vor kurzem gar keine Antisemiten! Das war alles nur ein großes Missverständnis! Früher, also bevor all die Flüchtlinge hierhin kamen, da hatten wir in Deutschland so was gar nicht. Judenfeindlichkeit haben nämlich erst die Ausländer eingeschleppt, also Araber und Türken und so.

Sheila Mysorekar
Sheila Mysorekar ist Journalistin und war langjährige Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Heute ist sie Vorsitzende der Neuen Deutschen Organisationen, einem bundesweiten Netzwerk aus rund 170 postmigrantischen Organisationen. Für „nd“ schreibt sie die monatliche Medienkolumne „Schwarz auf Weiß“.

Einige hochrangige Politiker*innen behaupten tatsächlich, Antisemitismus sei in Deutschland »eingeschleppt« worden, nämlich von Muslimen. CDU-Chef Armin Laschet sprach von einem »eingewanderten Antisemitismus«. Das klingt in Deutschland etwa so plausibel wie ‚importiertes Sauerkraut’.

Diese Politiker-Zitate wurden in vielen Medien unkritisch wiedergegeben. Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber, behauptete, die »partielle Umerziehung« Geflüchteter gelänge nur selten. Geflüchteten Menschen, speziell jungen Muslimen, wird also unterstellt, generell antisemitisch zu sein. Und wenn sie das nicht sind, dann nur, weil sie in Deutschland »umerzogen« wurden.

Ja, Judenfeindlichkeit gibt es in vielen Ländern der Welt, und oft genug auch tödlichen Hass. Aber es kam nirgends zu solchen Extremen wie in Deutschland. Eine industrielle Mordmaschinerie aufzubauen, um jüdische und andere marginalisierte Menschen zu töten, mit Zulieferungsbetrieben, Verbrennungsöfen und millionenfachem Massenmord – das war eine deutsche Besonderheit.

Aus der Erinnerung an die Shoah erwächst der Auftrag, den Judenhass hierzulande kompromisslos zu bekämpfen. Das heißt, gegen jeglichen Antisemitismus, egal von wem, sofort mit aller Härte des Gesetzes vorzugehen. Dass sich viele Jüd*innen heutzutage in Deutschland nicht sicher fühlen, dass vor Synagogen Israelfahnen verbrannt und auf pro-palästinensischen Demonstrationen antisemitische Parolen skandiert wurden, muss thematisiert und sofort unterbunden werden. Antisemitismus, auch von muslimischer Seite, ist nicht tolerierbar. Da sind wir uns alle einig.

Die Behauptung, Antisemitismus sei erst durch Einwanderung von Muslim*innen nach Deutschland hineingetragen worden, ist jedoch eine dreiste Verfälschung der Geschichte, auch der Gegenwart.

Untersuchungen zeigen seit Jahren, wie hartnäckig sich Antisemitismus bei uns hält. So stimmten laut einer Bertelsmann-Studie von 2015 rund 23 Prozent der deutschen Bevölkerung der Aussage zu, »Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss«. Die Umfrage wurde 2014 durchgeführt; da war die Million Geflüchtete noch gar nicht da und die Zahl der Muslim*innen in Deutschland lag bei rund fünf Prozent.

Auch die Kriminalitätsstatistik ist konstant beunruhigend. Laut Innenministerium haben über 93 Prozent aller antisemitischen Straftaten einen rechtsextremistischen Hintergrund.

Angesichts dieser Zahlen die wachsende Judenfeindlichkeit einfach den migrantischen Communities in die Schuhe zu schieben, ist fahrlässig und fatal. Man kann Antisemitismus nicht mit antimuslimischem Rassismus bekämpfen. Das macht alles nur noch schlimmer.

Glauben unsere Politiker*innen tatsächlich, den aktuell grassierenden Antisemitismus von rechts auf jemand anderes abwälzen zu können? Die Politikerin Marina Weisband – selbst Jüdin – formulierte es so: »Einige Verbündete im Kampf gegen Antisemitismus nutzen diesen nur, um ihren Rassismus zu legitimieren. Fuck all of that.«

Lesen Sie auch unsere Kolumne »DER FEIND STEHT RECHTS« über
Rassismus als Geschäftsmodell in einer Bremer Wohnungsbaugesellschaft

Übrigens sind Migranten auch Schuld an Covid. Jens Spahn behauptet neuerdings, dass die zweite Welle der Pandemie durch Leute verursacht wurde, die zu »Verwandtschaftsbesuchen« in die Türkei und Balkanländer fuhren. Soso, Herr Minister. Und das schlechte Wetter ist auch noch unsere Schuld, oder wie?

»Fuck all of that.«

Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal