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Antisemitismus: Die Pandemie als Vorwand

Antisemitische Vorfälle sind im vergangenen Jahr deutlich gestiegen

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Berlin-Schöneberg, 23. März 2020: Seit Anfang des Monats verbreitet sich das Coronavirus in der Hauptstadt, in den Supermärkten wird das Klopapier knapp. Eine Anwohnerin trägt ihren Namen in eine Liste zur Nachbarschaftshilfe ein: Sie möchte Menschen in ihrer Nähe unterstützen, die sich angesichts des neuartigen Virus nicht mehr aus der Wohnung trauen. Kurz darauf wird ihr Name in dem Dokument von einem Unbekannten durch die Worte »Corona« und »Dreimal klopfen« ergänzt. Schon vorher hatte sie bemerkt, dass ihr Namensschild an der Klingel immer wieder abgerissen wurde.

Die Frau aus Schöneberg ist Jüdin. Der Vorfall steht im Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias) - neben etlichen anderen: 2020 ereigneten sich im Durchschnitt jeden Tag knapp drei antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt. Die Gesamtzahl stieg im Vergleich zum Vorjahr um 13,3 Prozent. Der Fall der Frau aus Schöneberg steht dabei beispielhaft für dieses Jahr: »Die Pandemie wurde zu einer gesellschaftlichen Gelegenheitsstruktur für Antisemitismus«, analysiert Benjamin Steinitz von Rias. Jeder fünfte gemeldete Fall steht im Zusammenhang mit der Pandemie.

Antisemitische Verschwörungserzählungen wären im Laufe des Jahres in alle Schichten und Spektren durchgesickert, beobachtet Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus: Auch wenn die meisten Vorfälle einen rechtsextremen oder rechtspopulistischen Hintergrund hätten, würden antisemitische Einstellungen bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein reproduziert. Auch habe im Zuge der rechtsoffenen Corona-Leugner-Bewegung eine Selbstradikalisierung dieser Mitte stattgefunden, ergänzt Klose.

Das spiegelt sich auch in den Vorfällen im Jahresbericht: Nur zwei Wochen nach dem Fall in Schöneberg verkündet eine Frau in der Schlange auf einem Wochenmarkt in Charlottenburg-Wilmersdorf, das Virus sei nur ein Vorwand der neuen jüdischen Weltordnung. Im Mai wird einem jüdischen Paar beim Spaziergang im Wedding hinterhergeschrien: »Schämt ihr euch nicht, was ihr veranstaltet habt, ihr Juden?« Und auf den Großdemos gegen die Corona-Maßnahmen am letzten Augustwochenende scheint es die Zehntausenden Teilnehmenden nicht zu stören, dass einige Protestler mit gelben Sternen auf der Brust die Shoah bagatellisieren und es in den Reden, auf den Flugblättern und Plakaten vor antisemitischen Chiffren nur so wimmelt. Auch hier zeigt sich wieder, wie schnell die hasserfüllten Projektionen sich in konkreten Bedrohungen entladen: Am Rande des Zuges wird ein Mann mit Kippa von mehreren Demo-Teilnehmenden bedrängt. Rias dokumentierte im Pandemiejahr insgesamt mehr Vorfälle, von denen Einzelpersonen betroffen waren, als in jedem anderen Jahr seit 2015. Die Bedrohung verfolgte die Betroffenen mitunter bis an die Haustür: Mit dem Rückzug in die eigenen vier Wände verdoppelte sich 2020 auch die Zahl der Vorfälle im Wohnumfeld von Jüdinnen und Juden.

Auch wenn die Corona-Pandemie als Vorwand benutzt würde, hätte es ohne eine antisemitische Überzeugung der Täter keinen der Vorfälle gegeben, betont Berlins Antisemitismusbeauftragter Samuel Salzborn. Und auch Sigmount Königsberg, Beauftragter der jüdischen Gemeinde, erinnert: »Antisemitismus ist ein Chamäleon« - stiegen 2018 die Vorfälle in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, sei es nun eben eine weltweite Pandemie. »Die antisemitischen Affekte waren vor Corona da, und sie werden auch danach bleiben«, fasst Salzborn zusammen. Das Problem: Die Grenzen des Sagbaren, des von einem beachtlichen Teil der Gesellschaft tolerierten Antisemitismus, werden mit jeder Krise neu verschoben und manifestieren sich häufig langfristig. So könnte der nun befeuerte Antisemitismus auch nach der Pandemie anhalten, befürchtet Rias.

Anastassia Pletoukhina beschreibt, wie sich diese Verschiebungen auf das jüdische Leben in der Stadt auswirken: »Selbst bei Treffen im kleineren Kreis sahen Initiativen sich im vergangenen Jahr gezwungen, private Sicherheitsfirmen zu beauftragen«, erzählt sie. Die meisten Veranstaltungen hätten zwar online stattgefunden, doch auch in die digitale Räume drangen Antisemiten vor: In ein Zoom-Meeting am Gedenktag für die Opfer der Shoah platzte ein ungeladener Teilnehmer und beschimpfte die eingeschaltete Überlebende mit Nazi-Parolen. Insgesamt fühlten sich Jüdinnen und Juden in Berlin schon seit dem Anschlag von Halle im Oktober 2019 nicht ausreichend geschützt, betont Pletoukhina, die selbst das Attentat auf die Synagoge erlebt hat. Trotzdem habe die Pandemie die Brisanz des Problems verschärft.

Mit dem Prozess zum Attentat sei 2020 für sie auch ein Jahr gewesen, in dem deutlich geworden sei, dass die Behörden bestimmte Formen von Antisemitismus häufig nicht als solchen erkennen, fügte Pletoukhina hinzu. Diese »blinden Flecken« gelte es zu erhellen, sagte die Sozialwissenschaftlerin. Es sei daher ungemein wichtig, dass RIAS auch Fälle jenseits der behördlichen Verfolgung statistisch erfasse.

Nach der Veröffentlichung der Zahlen positionierten sich die Berliner Fraktionen mit einem Schreiben gegen Antisemitismus und erklärten seine Bekämpfung zum gemeinsamen Ziel. Die AfD beteiligte sich nicht.

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