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WG für drei Religionen

Mit der Grundsteinlegung für das »House of One« entsteht ein Hort des Dialogs und der Toleranz

  • Von Tomas Morgensterin
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Petriplatz in der historischen Mitte gilt als einer der Gründungsorte Berlins. Dieser Ort, an dem am Donnerstag die Grundsteinlegung für das »House of One« stattfand, ist sorgsam gewählt und symbolträchtig für einen Sakralbau, in dem künftig Christen, Muslime und Juden gemeinsam beten, debattieren sowie einander kennen und besser verstehen lernen können. Denn dieses Haus, das unter seinem Dach künftig eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge, aber auch einen gemeinschaftlichen Raum der Begegnungen beherbergt, steht auf den Fundamenten einer der fünf ältesten Kirchen der Hauptstadt.

Vor über 750 Jahren befand sich dort der erste Vorgängerbau der Petrikirche. Diese wurde als neogotischer Bau im 19. Jahrhundert neu errichtet und bei Kriegsende 1945 schwer beschädigt. Sie musste in der DDR in den 1960er Jahren einem Parkplatz weichen.

Als Repräsentanten des »House of One« eröffneten der evangelische Pfarrer Gregor Hohberg, der Imam Kadir Sancı - beide Initiatoren des Projekts - und der Rabbiner Andreas Nachama den feierlichen Akt gemeinsam. Zu den Gästen zählten der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, und der Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam, Rabbiner Walter Homolka.

»Am Ur-Ort Berlins, am Petriplatz, legen wir heute den Grundstein für das ›House of One‹. Für uns ist das ein Schritt voller Symbolik in unserem Eine-Welt-Haus«, erklärte Imam Kadir Sancı. »Denn in Zeiten, in denen polarisierende Handlungen und Haltungen vermeintlich religiöser Menschen einen großen Schatten auf die Welt werfen, verkörpert das ›House of One‹ die Konstruktivität des Glaubens und der Spiritualität.«

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble erinnerte in seinem Grußwort daran, dass Pfarrer Hohberg das »House of One« einst als »wundersamstes Gebäude Berlins« bezeichnet habe. Es sei »außergewöhnlich«, weil es »von Anfang an von Vertretern der drei abrahamitischen Religionen zusammen geplant wurde«, so Schäuble. Ein »Ort der Toleranz und Offenheit«. Das »House of One« habe einen hohen theologischen Anspruch: »Die Gläubigen dreier Religionen sollen sich hier auf engstem Raum begegnen. Offen andere spirituelle Perspektiven wahrnehmen, in gegenseitigem Respekt - ohne dabei selbst den Anspruch zu erheben, Judentum, Christentum und Islam in Gänze zu repräsentieren.« Denn hier gehe es gerade um religiöse Vielfalt, sollten Unterschiede sichtbar werden. Es seien diese Unterschiede, die das religiöse Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft so anspruchsvoll machten.

Das sei die Botschaft dieses Hauses an die ganze Gesellschaft, in der immer neue Spaltungen und Spannungen deutlich werden. An die Religionen richte es die Botschaft, ihre Verantwortung in der Welt und für die Welt wahrzunehmen, betonte der Parlamentspräsident. »Die jüngsten antisemitischen Ausschreitungen als Folge der Gewalteskalation in Israel missbrauchen die Religion für politische Zwecke«, warnte er. Deswegen sei der Dialog der Religionen von so großer Bedeutung.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), Kuratoriumsmitglied des »House of One«, erklärte: »Wir erleben hier die Entstehung eines einzigartigen Projektes.« Auch er nutzte den feierlichen Anlass zu mahnenden Worten: »Wir leben in einer vernetzten Welt«, sagte mit Blick auf Vorfälle bei den jüngsten Demonstrationen in der Stadt. »Da ist es auch normal, ja sogar wichtig, dass in der deutschen Hauptstadt dramatische Weltkonflikte debattiert werden können. Und, dass Menschen hier eine Bühne haben, um auf Probleme in ihren Herkunftsländern hinzuweisen und meinungsstark ihre jeweiligen Positionen vertreten.« Aber Hass und Gewalt, Antisemitismus und Islamophobie, Rassismus und Volksverhetzung hätten in einer freien Gesellschaft keinen Platz. Gerade von diesem Ort gehe die Botschaft aus: »Berlin bekennt sich zu Toleranz und Weltoffenheit.«

Das Vorhaben, ein »interreligiöses Bet- und Lehrhaus« zu errichten, war 2009 bekanntgegeben worden. Den Wettbewerb, den der Verein »Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin«, angesiedelt bei der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien, veranstaltete, hatte der Entwurf des Architekturbüros Kuehn Malvezzi gewonnen. Das Drei-Religio᠆nen-Haus soll bis 2024/2025 als moderner Backsteinbau entstehen. Die Baukosten von 47,3 Millionen Euro werden aus öffentlichen Zuwendungen durch Bund, Land und Privatspenden aus über 60 Ländern bestritten.

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