Der lange Weg zur EZB

Vereinheitlichung und Kooperation: Vor 500 Jahren auf dem Reichstag zu Worms wurden die Grundlagen der heutigen EU-Geldpolitik gelegt

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 7 Min.
Vexierspiele der Finanzwirtschaft im System der freien Wechselkurse: Skyline von Frankfurt am Main mit dem Sitz der Europäischen Zentralbank
Vexierspiele der Finanzwirtschaft im System der freien Wechselkurse: Skyline von Frankfurt am Main mit dem Sitz der Europäischen Zentralbank

Ich habe vor fünfzehn Jahren wider den Wuchergeschrieben, da er bereits so gewaltig eingerissen war, daß ich keiner Besserung zu hoffen wüßte«, klagte Martin Luther. Und seitdem sei es noch schlimmer geworden, vielen gelte der Wucher nun sogar als Tugend. Der Reformator lebte in einer Zeit der babylonischen Währungsverwirrung: Selbst kleinste Herrschaften, und davon gab es im damaligen »Deutschland« Dutzende, gaben ihr eigenes Münzgeld heraus.

Das Fehlen einer verlässlichen Währung bremste Handel und Wirtschaft. Ein Vergleich des Wertes war schwierig. Spezialisierte Wechsler, die die einzelnen Geldstücke mittels chemischer Verfahren prüften, übernahmen den Tausch von Rostocker Dukaten in Augsburger Taler. Adelige Fälscher mischten billige Metalle in Silbermünzen und preiswertes Silber in Goldmünzen. Ein allgemeiner Wertverlust des Geldes war die Folge.

Ordnung statt Willkür

Der lange Weg zur Europäischen Zentralbank (EZB) begann auf dem Reichstag zu Worms im Jahr 1521. Dieser endete vor ziemlich genau 500 Jahren, am 26. Mai, und ist heute vor allem bekannt, weil Luther dort seine Glaubenslehre verteidigte. Doch es ging eben auch um Geldpolitik. Daran erinnerte dieser Tage Johannes Beermann. »Einen neuen Ansatz ermöglichte das Reichsregiment«, so das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, »das auf dem Wormser Reichstag eingerichtet wurde.«

Die neue Regierung, die während der häufigen Abwesenheit von Kaiser Karl V. die Amtsgeschäfte führte, ordnete nämlich auch das Münzwesen neu. Auf Basis eines Gutachtens von Fachleuten wurde die Vielfalt der Münzen im Reich verringert und das Wertverhältnis der verschiedenen Gold- und Silbermünzen festgesetzt. Die Willkür der Fürsten wurde so durch eine regelbasierte Ordnung ersetzt. Um den unterschiedlichen Münzkulturen in den Regionen zu entsprechen, wurden zehn größere Münzbezirke gebildet, die aber nun miteinander verbunden waren - was an die Konstruktion der EZB erinnert, die auf nationalen Notenbanken aufbaut.

Außerdem wurde die deutliche Kennzeichnung der Münzen mit Jahresangaben verordnet, um sie von älteren Geprägen unterscheiden zu können. Die Ereignisse zeigen, wie groß das Interesse an einer einheitlichen stabilen Währung war. Diesem Ziel ordnete man andere politische Belange unter. »Auf dem Reichstag entstanden 1521 somit Kernelemente der künftigen deutschen Geldpolitik«, lautet Beermanns Fazit.

Bis zu einem einheitlichen deutschen Währungsraum war dann aber doch noch ein Stück Weg zurückzulegen. Noch im 19. Jahrhundert behindern nicht allein Kleinstaaterei und Zollgrenzen, sondern auch regionale Währungen den innerdeutschen Handel. Als dann 1870/71 aus dem deutsch-französischen Krieg das zweite Kaiserreich hervorging, bestand der Kanzler Otto von Bismarck für die neue Reichsmark auf eine Golddeckung, wie sie andere Großmächte besaßen.

Papier oder Gold?

Im heißen Sommer 1914 hielten Ökonomen eine reine Papierwährung zunächst noch für unmöglich. Doch drei Tage nach der deutschen Kriegserklärung an Russland am 26. Juni hob das Kaiserreich per Gesetz seinen Goldstandard auf. Kaiser Wilhelm II. warf die Notenpresse an, um seinen Krieg zu finanzieren. Frankreich, Russland und England taten es dem Feind alsbald nach.

Es folgte eine schleichende Entwertung des Geldes. Die Inflation ließ sich auch mit dem Friedensschluss nicht mehr stoppen. Und der Fall setzte sich fort: Während der Hyperinflation 1922 mussten mehr als 4 Billionen Mark für einen Dollar gezahlt werden. Einige Staaten versuchten, per Wiedereinführung des Goldstandards ihr Geld zu stabilisieren. Aber das halbherzige Comeback endete kläglich in Deflation und Weltwirtschaftskrise.

Die letzten zarten Bande zwischen Gold und Währung zerrissen dann am 15. August 1971: Seit jenem lauen Sommertag versprechen auch die USA niemandem mehr, Dollar gegen Gold zu tauschen. Ohnehin hatten Goldreserven die US-Währung nur noch zum kleinsten Teil abgedeckt. Knapp zwei Jahre später folgte die Freigabe der westdeutschen D-Mark gegenüber dem US-Dollar. So zerplatzte die Nachkriegsordnung von Bretton Woods, die noch auf feste, wenngleich anpassungsfähige Wechselkurse gesetzt hatte. Es begann die Epoche der »freien« Wechselkurse und damit der wilden Devisenspekulationen.

Streit um die Wechselkurse

Bis heute streiten Ökonomen darum, ob feste Wechselkurse von Nutzen sind oder die Kurse lieber, wie in unseren Tagen üblich, frei »floaten« sollten. Dabei ist der globale Devisenmarkt nahezu vollständig dominiert von Dollar, Euro und Renminbi. Eine gewisse Bedeutung haben noch das britische Pfund, Japans Yen und - als sicherer Hafen - der Schweizer Franken. Über die Stabilität des Geldes wachen heute Notenbanken. Hervorgegangen sind sie aus privaten Geldinstituten, die vom Monarchen das Privileg erhalten hatten, »Noten«, also Geldscheine, zu drucken. Diese privatwirtschaftliche Vergangenheit spiegelt sich am deutlichsten in der erst 1913 gegründeten amerikanischen Fed. Deren zwölf regionale »Federal Reserve Banks« sind als Aktiengesellschaften organisiert, an denen private Geldinstitute beteiligt sind.

Doch Fed-Präsident Jerome Powell wurde nicht durch Aktionäre eingesetzt. Nominiert wurde er vom Präsidenten und bestätigt durch den Senat. Im Tagesgeschäft ist die Fed-Spitze unabhängig. Die Bundesbehörde gilt dennoch als politische Institution. So nutzte Präsident Bill Clinton die Fed in den 1990er Jahren, um durch niedrige Zinssätze seine »Haus-für-jedermann-Politik« zu flankieren. Kritiker geben der Fed daher eine Mitschuld an der 2007 geplatzten Immobilienblase, die eine weltweite Finanzkrise auslöste.

Wie politisch darf eine Notenbank sein? Diese Kontroverse wurde und wird auch in Europa ausgetragen. Die Banque de France etwa galt seit ihrer späten Verstaatlichung durch die Volksfront 1936 als verlängerter Arm der Regierung in Paris. Für die Geldpolitik bedeutet dies im Trend niedrigere Zinssätze (und höhere Preissteigerungsraten für Konsumenten). Dagegen steht das stabilitätsorientierte Modell der Deutschen Bundesbank. Es baut auf im Trend höhere Zinssätze - um die Preise möglichst stabil zu halten.

Mit dem Maastrichter Vertrag setzte sich das deutsche Modell für die 1998 gegründete EZB durch. Anfangs auch in der Praxis, später dann reagieren Jean-Claude Trichet und Mario Draghi als Präsidenten auf Finanz- und Eurokrise »französisch« - nach dem Motto »Was auch immer nötig ist«. Sehr zum Ärgernis des wirtschaftsliberalen Bundesbank-Bosses Jens Weidmann. Die Französin Christine Lagarde folgte diesem etatistischen Trend mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik in der Corona-Krise 2020.

Die Bilanz der EZB wuchs von rund 4,7 Billionen Euro auf die Rekordsumme von 7 Billionen an. Eigentlich allein auf Preisstabilität fixiert, kauft die EZB heute Staats- und Unternehmensanleihen, kontrolliert die Großbanken und denkt laut über eine »grüne« Geldpolitik nach. Eine Wachstumsstrategie, die auch bei anderen Zentralbanken zu beobachten ist. Die Politik delegiert zugleich einen Teil ihrer wirtschaftspolitischen Aufgaben an die Zentralbanken.

Ein Zurück zum Goldstandard scheint derzeit faktisch ausgeschlossen. Die Vorräte der Notenbanken wären viel zu gering, um den Bestand an Geld nennenswert mit Gold zu unterlegen. Dennoch flackert ab und zu diese Idee auf, etwa wenn - wie jetzt in der Corona-Krise - Inflation droht.

Gretchenfrage: Wechselkurs

Doch die eigentliche Frage bleibt die nach festen Wechselkursen. Ein freier Wechselkurs spiegelt im Idealfall die wirtschaftliche Leistungskraft eines Landes wider. Über eine Abwertung kann ein Land aber seine Exporte verbilligen. Das wurde in der Euro-Krise ab 2010 als mögliche Chance für Griechenland diskutiert.

Anderseits zeigen historische Rückblicke, dass Volkswirtschaften sich über eine Währungsabwertung keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg erkaufen können. Beispielsweise weil der Kauf von Erdöl und Rohstoffen dann verteuert wird. Und letztlich eine Abwertung immer auf Kosten der Konkurrenz erfolgt. Es droht also permanent - wie wir es von dem internationalen Flickenteppich an Steuerregeln kennen - eine Abwärtsspirale der Währung(en): siehe Argentinien.

Hingegen ist der Aufstieg der Bundesrepublik, neben anderen Faktoren, auch auf die »harte« D-Mark zurückzuführen. Sie zwang Unternehmen zu Innovationen und hochwertiger Arbeit, um im internationalen Konkurrenzkampf erfolgreich zu werden. Der Euro bleibt aus diesem Blickwinkel ein Kompromiss: Weniger hart als D-Mark oder niederländischer Gulden, aber härter als Drachme oder Lira. Er bietet heute seinen 19 Mitgliedstaaten sowie sechs weiteren europäischen Staaten einen verlässlichen Wechselkurs, wie er einstmals vor 500 Jahren in Worms auf den Weg gebracht worden war.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung