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Sex auf Drogen, um die Grenzen zu verschieben

Chemsex kann als gefährlich angesehen werden, aber auch als Befreiung. Ein Praktizierender im Gespräch mit einem Sexualtherapeuten

  • Von Julia Trippo
  • Lesedauer: 8 Min.

Lasst uns über Sex sprechen. Konkret geht es in diesem Gespräch um Chemsex, durch den Konsum chemischer Drogen ermöglichter, oft tagelanger intensiver Sexualverkehr, meist mit mehreren sexuellen Partner*innen. Tadzio, was findest du an Chemsex gut, wie hast du es für dich entdeckt und was hast du dabei über dich gelernt?

Ich habe es 2003 in einem Londoner Sex Club entdeckt, wo ich eine halbe Pille genommen habe und mit irgendeinem Typ Sex hatte. Ich dachte plötzlich, Analsex ist ja wohl das Schönste, was es auf der Welt gibt. Das war ein völlig neuer Zugang zu meinem Körper.

Drogen- und Substanzkonsum hat im Allgemeinen was mit dem Abbau von Hemmschwellen zu tun. Ich komme aus einem bürgerlich-patriarchalen Haushalt. Und die Drogen haben es mir erlaubt, verschiedene Schambarrieren oder Mauern, die ich aufgebaut hatte zwischen mir und meiner Sexualität, zu durchbrechen. Ich habe über mich gelernt, dass ich eine ausgeprägte unterordnende Seite meiner Persönlichkeit habe. Die geht nicht so ganz einher mit dem von mir gehegten oder öffentlich kommunizierten Image als dauernd kämpfender, ungehorsamer schwuler Polit-Alpha-Macker.

Ich habe eine Seite in mir, die von meinem Umweltaktivismus total gestresst ist. Im Rahmen des Chemsex habe ich Zugang zu meinen Bedürfnissen gefunden. Und Chemsex ist für mich eine Befreiung - von Männlichkeit, von Bürgerlichkeit, von diesem ständig Wollenden, Machenden, Tuenden. Ich möchte einfach zu Hause sitzen, von meinem Mann gesagt kriegen, was ich zu tun habe, und guten Sex haben.

Urs, was fanden denn die Menschen, bevor sie zu dir in die Beratung kommen, an Chemsex initial so spannend?

Wie Tadzio sagt, es enthemmt sehr stark; es ist wie in eine andere Welt einzutauchen. Neben dem Wunsch nach Rausch und hemmungslosem, geilem Sex sind sexuelle Funktionsstörungen oder Unlust Themen. Für viele ist es besonders reizvoll, auf den Punkt genau sexuell zu funktionieren. Ich kann eine total stressige Woche gehabt und viele Stunden gearbeitet haben und ich konsumiere, und bin auf den Punkt geil. Männlichkeit variiert oder wird fluide, sexuelle Fantasien, die ich mir vielleicht vorher nie erlaubt habe, denen kann ich auf einmal nachgehen und das ist natürlich ein befreiender Akt.

Ich bin ja selbst als schwuler Mann in der schwulen Szene unterwegs. Aber ich möchte ganz klar keinen Chemsex praktizieren. Ich verstehe Befreiung von Sexualität für mich auch anders. In meinem Freundeskreis gibt es auch viele Chemsex praktizierende Männer. Das hat immer wieder zu großen Zerwürfnissen geführt. Wir haben viel über Übergriffe, Vergewaltigung oder Überdosierung beim Chemsex diskutiert und sind da nicht immer auf einen Nenner gekommen.

Urs berichtet von einem schweren Fall von sexueller Gewalt beim Chemsex in seinem Umfeld. Tadzio reagiert bestürzt: »Die Erfahrung, die du gerade beschrieben hast, ist furchtbar. Das tut mir total leid.«

Ich bin in meinem Freundeskreis auf Aussagen gestoßen, die mich schockiert haben. Zum Beispiel: dass man auf Chemsexpartys damit rechnen muss, überdosiert zu werden, oder dass einem Crystal Meth intravenös gespritzt wird, obwohl man es nicht will.

Für mich steht die Unversehrtheit des Menschen im Vordergrund und die geht mit diesen grenzüberschreitenden Erfahrungen überhaupt nicht zusammen. Es ging mir nicht darum, alle Chemsexpartys über einen Kamm zu scheren, aber ein Bewusstsein zu schaffen, dass es auch solche Übergriffe beim Chemsex gibt und diese nicht bagatellisiert werden dürfen.

Einer der gewünschten Effekte von Chemsex ist, gewisse Grenzen zu sprengen. Kann man überhaupt gewährleisten, dass die Grenzen, die jede*r für sich definiert, dann eingehalten werden?

Tadzio: Mir geht es darum, meine Grenzen zu verschieben. Menschen, die Chemsex praktizieren, gehen damit ein Risiko ein, denn der Chemsex hat mit Grenzverschiebungen zu tun. Es ist überhaupt nicht okay, wenn Leute die Chemsex haben, übergriffig sind gegenüber anderen. Aber auch in diesem Gespräch sind die Fragen zu problemorientiert. Ich habe schon seit 13 Jahren Chemsex und erlebe da nicht mehrheitlich Übergriffe. Ich erlebe eigentlich mehrheitlich glückliche und geile Menschen. In meinem Leben ist der Chemsex ein Weg zu mehr gutem und befreiterem Sex.

Ich mache mir so ein bisschen Sorgen, dass wir immer wieder auch schon in den Fragen gewisse Dinge reproduzieren. Annahmen, wie es muss doch irgendwie problematisch sein. Sexuelle Gewalt tritt in allen möglichen Situationen auf. Aber wenn es in einem marginalisierten Kontext passiert, wird es so dargestellt, dass dies aufgrund dieser Marginalisierung passiere. Wenn wir über sexuelle Gewalt bei Chemsex diskutieren, dann wird da sofort ein Zusammenhang hergestellt. Diesen gibt es aber nicht notwendig.

Urs: Es gibt Zahlen zum Verhältnis von Chemsex und Übergriffen: Zum Beispiel den German Chemsex Survey, an dem 1000 Leute teilgenommen haben. Hier wird sehr klar, dass es Leute gibt, die Gewalterfahrung oder sexuelle Übergriffe erfahren haben und das zu einem großen Teil im Chemsex-Kontext.

Was verstehst du unter Chemsex?

Urs: Ich unterscheide Chemsex und sexualisierten Substanzkonsum. Die Definition von Chemsex wurde von David Stewart klar umrissen. Demnach ist Chemsex Sex, bei dem oder während dessen Substanzen konsumiert werden. Auf europäischer Ebene wird derzeit diskutiert, welche Substanzen dazugehören, aber auf jeden Fall sind das Methamphetamin, GBL/GHB, Ketamin, generell Amphetamine, Mephedron. MDMA und Koks werden von manchen auch dazu gezählt, von manchen nicht.

Was Tadzio darüber denkt, könnt ihr euch hier anhören:

Hat Tadzio auch eine Meinung dazu? Natürlich. Hörts euch an.

Urs, du hast ja gesagt, dass für dich Chemsex eben nicht der Zugang zu befreiter Sexualität ist. Heißt das, du hast ausschließlich nüchtern Sex?

Urs: Ich bevorzuge tatsächlich sober sex, also nüchterner Sex, am liebsten auch ohne Alkohol, Marihuana, usw. Ich habe für mich festgestellt, es befriedigt mich nicht. Im Prinzip erfahre ich das, was Tadzio sagt, im nüchternen Zustand. Das bedeutet nicht, dass das jetzt das Richtige ist. Das ist einfach meine jahrelange Auseinandersetzung mit mir und dem Thema und Körperarbeit.

Tadzio, du setzt dich dafür ein, dass über Chemsex ohne Scham gesprochen wird. Wie machst du das?

Wenn Kolleg*innen an einem Montagmorgen in der Teeküche erzählen, was sie mit ihren Kindern und ihren Schwiegereltern gemacht haben, mit ihren Ehepartner*innen oder ihren Freund*innen, ist alles okay und normal. Und wenn ich dann sage, ich habe am Freitagabend angefangen, Drogen zu nehmen und bin am Montagmorgen um zwei eingeschlafen, nachdem ich mit 17 Männern Sex hatte, dann werde ich ungläubig angeschaut. Im Alltag reden Menschen, für die Chemsex ein normaler Teil ihres Lebens ist, nicht darüber.

Urs: Ich habe einen anderen Zugang dazu. Tadzio setzt sich viel mit der Schnittmenge zwischen Scham und Chemsex auseinander und sieht auch das Produktive. Ich bekomme in meiner Arbeit die Kehrseite dazu, dass Leute aus Scham und aus Druck Chemsex betreiben. Ich sehe bei der Arbeit nur die Leute, die darunter leiden. Und das macht einen ganz großen Unterschied.

Was sind denn die Gründe für Scham, weshalb Menschen Chemsex praktizieren?

Urs: Das Thema Scham ist sehr komplex. Ich denke aber, dass die Abwertung von schwuler Sexualität generell und von MSM (also Männer, die Sex mit Männern haben) eine große Rolle spielt. Auch Minderheitenstress gehört mit dazu. Um Widerstand dagegen zu leisten und sich diesem zu entziehen, ist Chemsex eine gute Möglichkeit.

Tadzio: Queere Sexualität ist im Grunde erstmal befreiter als heterosexuelle. Gerade weil wir gesellschaftlich marginalisiert sind, können wir Queers auch viel mehr unsere Vorlieben entwickeln. Ich bin überzeugt, dass jede auch noch so blumige Blümchensex-Hete irgendwas in ihrer Sexualität hat, wofür sie sich schämt. Und ich glaube, dass wir viel leichter in der Lage sind, auch Begierden jenseits dieser extrem langweiligen Mainstreammoral zu erkunden. Dafür sind chemische Drogen ein Hilfsmittel. Aber ich finde, die Frage sollte sich nicht so sehr um Chems drehen, sondern um den Sex.

Tadzio, hast du denn ausschließlich Sex mit Drogen?

Nein, wir haben auf jeden Fall auch sober sex. Und wenn ich jedes Mal Drogen nehmen würde, wenn ich Sex habe, hätte ich keinen funktionierenden Alltag. Dieser Alltagskuschelsex ist schön und entspannend, wundervoll und liebevoll. Aber der hat eine andere Funktion als Chemsex. Da ist auch viel Liebe dabei, aber auch viel neue Erfahrung. Es ist wie neue Tasten auf der emotionalen Klaviertastatur zu entdecken.

Tadzio, wie kann über Chemsex auf eine Art und Weise geredet werden, ohne Stigma oder Scham zu reproduzieren, aber trotzdem gleichzeitig auf durchaus existierende Risiken hinzuweisen. Denn Drogen können abhängig machen und Gefahren für die körperliche und psychische Gesundheit darstellen.

Ich werde immer gebeten, über die Probleme von Chemsex zu reden. Niemand, der »normalen« Sex hat, wird gefragt, ob er oder sie mal über die Probleme dazu reden kann. Im Grunde bräuchte man eine Art Tabula rasa, wo man sagt: Es gibt keinen richtigen Sex. Es gibt sicherlich falschen Sex, wie zum Beispiel sexuelle Übergriffe, Sex mit Schutzbefohlenen usw. Aber im Grunde müsste man erst mal die gegebene dominante oder hegemoniale Sexualmoral in die Luft jagen.

Urs: Ich habe das Gefühl, wir müssen erst mal darüber reden, was wir - beziehungsweise jede einzelne Person - überhaupt für Sex haben wollen, welche Bedürfnisse dahinter stecken oder wie und was wir unter Sexualität verstehen. Jede*r hat andere Bedürfnisse. Diese herauszufinden ist oftmals gar nicht so einfach, wie man immer glaubt. Ich finde, dass wir alle rausfinden sollten, was unsere Haltungen zu Sex sind, was wir für Sex wollen, was unsere Wünsche sind, Bedürfnislagen einfach kennenlernen und uns auch trauen, diese auszuleben.

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