Du strahlt nach innen und blendest mich

Zum 90. Geburtstag von Erasmus Schöfer ist ein Band mit seinen Gelegenheitsgedichten erschienen

Dieser Autor kann auch noch etwas ganz anderes! Immer wieder nämlich hat Erasmus Schöfer, was kaum jemand weiß, Lyrik verfasst. Es ist eine Art Gelegenheitsdichtung, zugleich aber auch etwas, das man als Gedankenlyrik bezeichnen könnte. Nun hat die literarische Gesellschaft der »Kinder des Sisyfos«, benannt nach Schöfers Hauptwerk, eine wunderbare Auswahl seiner Liebesgedichte, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden sind, herausgegeben. Darin wird die sinnlich-lustvolle Seite des Schriftstellers betont: »Aus dem See/ in dem wir nächtlich/ schwammen/ ziehen wir uns an den Tag/ das Ufer ist noch steil/ Rosen bleiben/ auf der unbewegten Schale/ Wasser glänzt an dir/ du strahlst nach innen/ blendest mich.«

Erasmus Schöfer, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, hat stets Literatur in der Bewegung und zugleich in eigener Bewegung verfasst. Sein sechs Jahrzehnte umfassendes literarisches Oeuvre ist immer engagiert, parteilich und kritisch geblieben - realistisch vom Verfahren allemal. Ältere Traditionen der Arbeiterbewegung, wie die des Bunds proletarisch-revolutionärer Schriftsteller aus den 20er und frühen 30er Jahren, haben ihn beeinflusst. Sein Literaturverständnis oszilliert zwischen Lukács und Brecht, mit Pendelausschlägen bei Peter Weiss. Schöfer hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Der realistische Schriftsteller versucht, Typisches im Individuellen zu treffen.«

Er hat seine literarische Arbeit immer wieder unterbrochen für sein Engagement in der Gewerkschaft, im Schriftstellerverband VS und natürlich dem »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«, den Schöfer 1969 mitbegründet hat. In seiner Produktion lassen sich drei Phasen unterscheiden: Frühe Texte bis in die Zeit der Werkkreis-Jahre, in denen schon die zentralen Themen und Gegenstände Schöfers anklingen, eine mittlere Phase, die in den späten 70er und 80er Jahren dann die Krise und Stagnation der linken Bewegungen in der alten BRD bearbeitet, und eine späte Phase, in der der Romancier in einem groß angelegten Romanprojekt, der Tetralogie »Die Kinder des Sisyfos« (2001- 2008), eine Bilanz linker bundesdeutscher Geschichte von 1968 bis zur Wende von 1989 (und darüber hinaus) zieht.

Seit den späten 90er Jahren hat Erasmus Schöfer an diesem Epos, das er - mit guten Gründen - einen Zeitroman genannt hat, gearbeitet. Und damit ist ihm dann auch endlich die breitere literarische Anerkennung zuteil geworden, auf die er in den Feuilletons diesseits aller politischen Vorbehalte lange warten musste. Um sein Werk bekannter zu machen und dessen politische Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, gründete sich 2011 die literarische Gesellschaft »Kinder des Sisyfos«. Es gab Preise und Symposien. Im Gespräch mit Jürgen Lodemann hat Schöfer seine Intention bei der Abfassung seiner Tetralogie so beschrieben: »Meine Absicht ist es, diese Zeitabschnitte aus der Zeit selbst heraus verständlich zu machen.« Für ihn handle es sich dabei »um ein Epos über die Aktionen von Menschen, die in diesem Land an wirksamer Demokratie interessiert waren, interessiert an Gerechtigkeit, auch an Sozialismus.«

In der Schriftenreihe des Fitz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in Dortmund sind insgesamt drei Bände erschienen, die noch andere Facetten des Kölner Schriftstellers zeigen: 2011 gab es einen Band mit Feuilleton-Texten aus 45 Jahren unter dem Titel »Diesseits von Gut und Böse«, dem 2012 eine Auswahl von Hörspielen folgte, die den Autoren als aufmerksamen Zeitchronisten zeigen.

Schließlich erschien 2014 »Schriftsteller im Kollektiv«, ein opulenter Band mit Texten, die Schöfers intensive Bemühungen um den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt dokumentieren: Essays, Aufsätze, Vorträge und Briefdokumente. Als Mitbegründer war er dessen maßgeblicher konzeptiver Ideologe von 1968 bis 1984. Auch danach hat er ihn weiterhin kritisch begleitet.

Erasmus Schöfer: Sisyfos Lust. Lauter ewige Lieben. Gedichte. Zum 90. Geburtstag des Autors herausgegeben von straeter-kunst essen im Auftrag von Kinder des Sisyfos - Freundeskreis Erasmus Schöfer e. V. Köln. Mit 10 farbigen Aquarellen von Ilse Straeter. Dittrich Verlag, 72 S., brosch.,18 €.

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