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Philosophie der Praxis

Georg Lukács zum 50. Todestag: Zwei Neuerscheinungen führen ins Werk des marxistischen Philosophen ein

  • Von Alex Struwe
  • Lesedauer: 6 Min.

Am 4. Juni 1971, vor 50 Jahren, ist der marxistische Philosoph Georg Lukács verstorben. Obwohl der Großteil seiner Schriften lange Zeit nur antiquarisch zugänglich war und es keine wirkliche Tradition der Auseinandersetzung mit ihm gibt, ist das Interesse an ihm doch bemerkenswert. Wie so oft laufen solche Jubiläen Gefahr, sich in Verklärung oder Musealisierung zu verfangen. Marx hatte man vor wenigen Jahren anlässlich seines 200. Geburtstags von allen Seiten zu einem Klassiker herabgewürdigt. Das bedeutete, von ihm sei nichts mehr zu befürchten als »interessante Impulse« und »spannende Gedanken«. Oder wie es die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi sagte, man müsse endlich keine Marxistin mehr sein, um sich mit Marx zu beschäftigen. Ohne das Revolutionspathos, ohne den größenwahnsinnigen Erkenntnisanspruch seiner Gesellschaftstheorie und der kommunistischen Parteinahme sei Marx eben vor allem ein großer Denker gewesen.

Auch Georg Lukács »war einer der großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und gilt weithin als der bedeutendste Philosoph in der Geschichte des Marxismus«, wie es bereits der Klappentext zu Rüdiger Dannemanns und Axel Honneths Textsammlung »Georg Lukács. Ästhetik, Marxismus, Ontologie« verrät. Was ist an Lukács erinnernswert, was gibt es zu würdigen? Dieser Frage gehen die Herausgeber mit der systematischen Auswahl eher unbekannter Texte von Lukács nach, um dessen intellektuellen Werdegang nachvollziehbar zu machen.

Das Porträt, das Dannemann und Honneth der Textsammlung voranstellen, beginnt mit dem bürgerlichen Kulturkritiker und »Ästhetizisten«. Zu Beginn der 20. Jahrhunderts beklagte Lukács die große Krise der Gesellschaft, später wandte er sich dem Marxismus zu. Der versprach sowohl die umfassende Diagnose der Krise als auch den Schlüssel zu deren Überwindung. Vom bahnbrechenden »Praxisphilosophen« und Begründer des sogenannten Westlichen Marxismus, der das Scheitern der Revolution mit dem verdinglichten Bewusstsein der Proletarier*innen erklärte, entwickelte sich Lukács zum »Polemiker«. Sein antifaschistisches Engagement richtete sich gegen die Verbürgerlichung und Irrationalität der Theorie. Schließlich wandelte sich Lukács in seinem Spätwerk zum »Ontologen«, der von seiner etwa für die 68er-Generation so attraktiven »linken Ethik« zur philosophischen Strenge der Erkenntnistheorie zurückkehrt.

Ästhetizist, Praxisphilosoph, Polemiker und Ontologe, mit diesen vier Stationen zeigt der Band eine kohärente Werkentwicklung. Die Auswahl der Texte bietet einen hervorragenden Einblick in Lukács’ Denken, der oft von Vorverurteilungen seiner Hauptwerke verstellt wurde. Sind aber die Probleme von Lukács noch unsere von heute?

Besonders für Honneth scheint das Wesentliche in dem Widerspruch zwischen »Parteinahme für die Vernunft einerseits und für die kommunistische Bewegung andererseits« zu bestehen. Gemeint ist damit offenbar weniger Lukács’ Agieren im Realsozialismus, sondern dessen Marxismus. Zieht man also die, wie es zur Verdinglichungsthese in »Geschichte und Klassenbewusstsein« heißt, »geschichtsphilosophisch überdrehte, messianische Schlussfolgerung ab«, so Honneth, »bleibt ein durchaus tragfähiger und philosophiehistorisch ungemein ergiebiger Grundgedanke«. Nämlich der einer praktischen Vermittlung von Subjekt und Objekt, der man nur dialektisch beikomme - also mit Hegel.

Eine solche Darstellung ist nicht deswegen irritierend, weil sie - böse gesagt - zur revisionistischen Lukács-Lesart und dabei nicht ganz zufällig zur Affirmation von Honneths eigenem Denken tendiert. Vielmehr reduziert sie Lukács auf eine Position innerhalb eines philosophischen Streits, ohne den Ausgangspunkt zu berücksichtigen: die realen politischen Probleme.

Für Honneth und Dannemann lag die Lukács-Rezeption daneben, weil sie zu einer »Abkehr von der Betonung der Relevanz Hegels für den Marxismus« führte. Die Kritiken an Lukács von Louis Althusser, der als Neomarxisten bezeichneten Neuen-Marx-Lektüre und schließlich Adorno werden so zum Paradigmenstreit um ein bloßes Mehr oder Weniger Hegel. Man könnte es aber auch als eine produktive Auseinandersetzung um die Sache, um politische Emanzipation begreifen - eine praktische Pointe der Theorie, die man Lukács durchaus zurechnen kann.

Es scheint daher gewinnbringender, sich über Lukács direkt mit einem konkreteren Problem zu befassen. Diesen Weg wählt das Kompendium »Georg Lukács. Texte zum Theater« unter Herausgeberschaft der nd-Redakteure Jakob Hayner und Erik Zielke. Der Band strebt eine »Wiederaneignung seines Denkens« für gegenwärtige Debatten und Herausforderungen an und versammelt dazu vor allem späte Lukács-Texte zu Kunst und Ästhetik, die ohne den Marxismus nicht zu begreifen seien. Wenn für Lukács das Bewusstsein in der verdinglichten Welt zu einem der zentralen politischen Probleme wird, so liegt es entsprechend nahe, dass er sich den kulturellen Formen dieses Bewusstseins widmete. Für die drei Schwerpunkte - Ästhetik, kritischer Realismus und Theatergeschichte - werden Texte von Lukács selbst mit jeweils einer programmatischen Einführung zusammengestellt.

Wie Dietmar Dath in der Einleitung des Bandes eindrucksvoll ausführt, liegt die von Lukács beschworene »defetischisierende Mission der Kunst« darin, dass sie den Abstand zwischen Idee und Wirklichkeit begreifbar machen könne, der auch der Verdinglichung zugrunde liegt. Mit Lukács’ dialektischem Materialismus im Hinterkopf ließe sich also in der Kunst der soziale Charakter der Dingverhältnisse darstellen: Eine Kunst wie das Theater »entfaltet damit den Dingschein in der sinnlichen Explikation der menschlich-praktischen Tätigkeit, die sich zum jeweiligen Ding vergegenständlicht hat«. Dieser Realismus biete, wie Bernd Stegemann lobt, eine ganz andere Qualität an Kapitalismus- und Entfremdungskritik, die man heute so nicht mehr findet. Es sind starke Gedanken, die der Band an Lukács herausarbeitet, zur Diskussion stellt und damit zu Recht die Schlappe des gegenwärtigen Stands ästhetischer Theorie vor Augen führt.

Diese Stärke Lukács’ beruht aber auf einer spezifischen marxistischen Perspektive, die auch ihre Probleme mit sich bringt. Nicht weil sie Marxismus ist, sondern weil Lukács, wie etwa Adorno kritisierte, selbst zur Fetischisierung neigte: Seine dialektische Methode lässt den Kapitalismus als gesellschaftliche Totalität kritisieren - vernachlässigt aber das dazugehörige Denken der Totalität. Diese Vorstellung von Totalität, so Adorno, sei selbst eine Verdinglichung von Herrschaft. Das ist eine Kritik an Lukács im Sinne seines eigenen marxistischen Anspruchs, dass sich Theorie auch gegen sich selbst wenden müsse.

Aber gerade weil diese Diskussion nicht im Marxismus - als solidarische Kritik am gemeinsamen Problem - geführt wurde, ist sie zerfallen, und die Kritik wurde anderen überlassen. Daher kommt der schlechte Ruf Lukács’ und des Marxismus »als hüftsteif, starrsinnig, dogmatisch, unlebendig, überlebt«, wie Dath in seiner Einleitung anmerkt.

Eine Wiederaneignung kann deshalb nicht bedeuten, Lukács als großen Philosophen zu würdigen (weil man wie Honneth dessen Hegelianismus selbst vertritt) oder seine Antworten auf heute zu übertragen. Es muss darum gehen, wie es Hayners und Zielkes Band für die Ästhetik vorführt, die Fragen wieder aufzunehmen, die mit Lukács’ Werk verbunden sind. Nicht zuletzt: Wie können wir an den Bedingungen universeller Emanzipation arbeiten?

Georg Lukács: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte. Hrsg. u. m. einer Einleitung v. Rüdiger Dannemann u. Axel Honneth. Suhrkamp, 572 S., br., 28 €.

Georg Lukács: Texte zum Theater. Hrsg. v. Jakob Hayner u. Erik Zielke, m. einer Einleitung v. Dietmar Dath. Theater der Zeit, 308 S., br., 22 €.

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