Wofür man es macht

Menschen auf der ganzen Welt setzen sich für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe ein - und für das Impfen selbst, sobald es möglich ist

  • Von Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 8 Min.
Impfen: Wofür man es macht

»Die Pandemie ist erst dann vorbei, wenn wir sie in allen Ländern besiegt haben. Und das wird nur gelingen, wenn wir auch weltweit impfen«, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem »nd«. Die Berliner Filmproduzenten Claudius Buchzik und David Kettner haben darüber schon vor ein paar Monaten nachgedacht. »Beim Thema Impfen herrscht in der Kreativbranche irgendwie eine totale Einfallslosigkeit«, sagt Kettner. Der Plan der beiden: eine eigene Impfkampagne, die das Bewusstsein dafür schärft, dass der Zugang zu den Covid-19-Impfstoffen in aller Welt geschaffen werden muss. Am Dienstag dieser Woche wurde sie vorgestellt. Kern der Kampagne mit dem Titel »I do it for« (Ich mache es für) ist ein Video in 30, 60 und 125 Sekunden langen Versionen, bei dem Tim Günther Regie führte. Die drei Filmemacher haben in der Vergangenheit schon häufig zusammengearbeitet und große Produktionen realisiert.

Für das Promovideo haben sich die Berliner mit mehr als 50 Kreativen aus der ganzen Welt zusammengetan. »Die Pandemie ist ein globales Problem, also muss es auch ein globaler Film sein«, sagt Günther zu »nd«. Eine Initiative, mit der Buchzik, Kettner und Günther zumindest bei Karl Lauterbach offene Türen einrennen: »Ich finde das großartig, muss ich offen sagen, das ist eine sehr gute Idee«, so der SPD-Politiker.

Im Rahmen der Kampagne erzählen Menschen aus aller Welt in einem Satz, warum oder für wen sie sich impfen lassen wollen. Das reicht von der eigenen Gesundheit und dem Schutz der Familie über die wirtschaftliche Zukunft bis hin zu Aspekten wie Freiheit und Reisen, dem Überleben der Lieblingsbar oder des Fußballvereins. Nur ist Wollen nicht gleich Können. »In vielen Ländern der Welt haben die Menschen gar keine Wahl«, betont Günther. »Das war einer unserer ersten Gedanken, wie wir diese beiden Aspekte miteinander verbinden.« In ganz Afrika haben bisher nur 2,1 Prozent der Menschen eine Dosis Covid-19-Impfstoff erhalten. Ein Drittel der Länder im Globalen Süden verfügt noch über keine einzige Impfdosis. Das nennt man dann wohl Impfdesaster.

Die Afrika-Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Matshidiso Moeti, sagt: »Afrika braucht Impfstoffe, und zwar sofort. Jede Pause bei unseren Impfkampagnen wird zu verlorenen Leben und verlorener Hoffnung führen.« So hat Covid-19 etwa Südafrika bereits jetzt die größte öffentliche Gesundheitskrise seit HIV/Aids beschert - wobei nicht alle Menschen im Land gleichermaßen betroffen sind.

Leslie London ist Professor für öffentliche Gesundheit an der südafrikanischen University of Cape Town und aktiv im Peoples Health Movement (PHM), einem Netzwerk von Gesundheitsaktivist*innen und lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGO). »Das Gesundheitssystem hier ist extrem ungleich geteilt zwischen öffentlich und privat, zwischen städtisch und ländlich, und auch unter den Ethnien«, sagt London. »So überrascht es nicht, dass die Infektionszahlen in ärmeren Gebieten und die Todeszahlen unter Schwarzen in Townships verglichen mit anderen Gebieten viel höher sind.« Dass der Lockdown im Land martialisch von 70 000 Soldaten durchgesetzt wurde, tat sein Übriges. Etliche Armenviertel wurden von Sicherheitskräften einfach abgerissen. Vor allem Schwarze waren dabei von Polizeigewalt betroffen. »Das Land braucht einen Neustart hin zu mehr Gerechtigkeit«, sagt London. Bereits im März vergangenen Jahres hat das PHM zusammen mit 300 weiteren NGOs - darunter Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Migrant*innen- und Flüchtlingsorganisationen, Akteur*innen der Zivilgesellschaft und Wissenschaftler*innen - die C19 People’s Coalition ins Leben gerufen.

Auch der Menschenrechtsaktivist Mark Heywood gehört dem Bündnis an. »Gleich zu Beginn der Pandemie haben wir beschlossen, dass wir ein zivilgesellschaftliches Bündnis im Kampf gegen Covid-19 schaffen müssen«, sagt Heywood. Für ihn ist es auch ein Zeichen der Stärke der Zivilgesellschaft in Südafrika. »Es ist ein sehr breites Bündnis und arbeitet an einer Vielzahl von Themen«, berichtet Heywood. So gebe es Gruppen zum Gesundheitssystem, zur Bildung und zur sozialen Sicherheit. Es ist das größte Bündnis, das es in Südafrika bisher gegeben hat, und baut vor allem auf die gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Communities. Der Lockdown zwang die Aktivist*innen, hier neue Wege zu gehen. Anstelle von Demonstrationen oder Bürgerversammlungen mussten sie ihre Aktivitäten wenigstens anfangs ins Netz verlagern. Dem Zulauf zu ihrer Bewegung hat das nicht geschadet. »Es ist wirklich Zeit für eine vernünftige, aber radikale Veränderung in der Welt«, betont Heywood. »Der Kapitalismus und das System des profitorientierten Gesundheitswesens, das unsere Gesundheitssysteme und unsere Sozialsysteme kaputtgemacht hat, kann diese Krise nicht lösen.«

»Hätte man frühzeitig auf die Warnungen der Expert*innen aus dem Globalen Süden gehört, wäre die Pandemie nie so dramatisch geworden, wie sie sich jetzt darstellt«, ist Anne Jung überzeugt. Sie arbeitet als Campaignerin bei Medico International in Frankfurt am Main. »In Europa hat man noch fröhliche Après-Ski-Partys gefeiert, weil man das einfach nicht wahrhaben wollte, weil man auch den Interessen der Wirtschaft gefolgt ist und viel zu spät mit Lockdown-Maßnahmen angefangen hat«, sagt Jung. Während später in den Industrienationen milliardenschwere Hilfspakte geschnürt wurden, kämpften die Länder im Globalen Süden mit den Auswirkungen der Pandemie, die nicht unbedingt unmittelbare Folgen der Krankheit waren. »Die Wirtschaftskrise war da, Monate bevor sich das Virus ausgebreitet hatte, nicht nur in Südafrika, auch in Bangladesch oder Pakistan, verursacht durch den Zusammenbruch der globalen Lieferketten, durch Massenarbeitslosigkeit, durch das Aufbrauchen aller materiellen Reserven, die die Menschen hatten«, so Jung. Das habe dazu geführt, dass es für Millionen Menschen zur Lebensgefahr wurde, sich zu Hause vor dem Virus zu schützen, da die Produktion in ihren Ländern darnieder lag und sie sich durch die soziökonomischen Auswirkungen völlig verschuldeten. »Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass wir es mit einer massiven Zunahme von Armut, aber auch von anderen Krankheiten zu tun haben werden«, sagt Jung.

In genau dieser Situation war es in Südafrika die C-19 People’s Coalition, die sich den Themen Impfen und Beschaffung von Impfstoffen verschrieb. Bereits vor über einem Jahr beantragte die Regierung Südafrikas, zusammen mit Indien, bei der Welthandelsorganisation die zeitlich begrenzte Aussetzung der Patente für Covid-19-Impfstoffe. Unterdessen wurde die öffentlich-private Partnerschaft Covid-19 Vaccines Global Access (Covax) ins Leben gerufen. Sie soll die Versorgung der ärmeren und ärmsten Ländern mit Impfstoff sicherstellen. »Auch wenn Covax eine wichtige Innovation ist, reicht das nicht aus«, so Aktivist Mark Heywood. Es sei eine Notwendigkeit, dass Impfstoffe als öffentliches Gut und die Versorgung damit als Menschenrecht behandelt würden.

Auch Karl Lauterbach kann dem teilweise zustimmen. »Was ich normalerweise nicht befürworten würde, aber unter den besonderen Umständen, unter den wir derzeit arbeiten müssen, hielte ich es für richtig, dass für die Dauer der Pandemie die Patente freigegeben werden.« Lauterbach erhofft sich dadurch auch eine Stärkung der Covax-Initiative. »Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Industrieländer und auch die Hersteller über Covax tatsächlich die Vakzine zur Verfügung stellen, wenn gleichzeitig die Möglichkeit im Raum steht, dass die Patente freigegeben werden und eine Produktion unabhängig von Covax in den jeweiligen Ländern aufgebaut werden kann«, so der Facharzt für Epidemiologie.

Laut WHO werden in Afrika 200 Millionen Corona-Impfstoffdosen benötigt, um bis September dieses Jahres wenigstens zehn Prozent seiner Bevölkerung impfen zu können. Bislang verabreicht wurden auf dem ganzen Kontinent gerade einmal 28 Millionen Dosen verschiedener Hersteller. Das sind weniger als zwei Dosen pro 100 Menschen. Weltweit wurden laut WHO bereits 1,5 Milliarden Corona-Dosen verimpft.

»Jede Form von Patenten, auch auf essenzielle, lebensnotwendige Arzneimittel, ist falsch«, sagt Anne Jung. »Wir fordern eine öffentliche Forschung im Interesse der Gesundheitsbedürfnisse aller Menschen.« Bereits im Sommer 2020 hat Medico International daher zusammen mit Organisationen aus über 20 Ländern den Aufruf »Patente töten« verfasst und Bedingungen gefordert, die es ermöglichen, dass der Covid-Impfstoff allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht. »Nichts in diese Richtung ist bisher passiert«, beklagt Jung. »Wir haben ein Jahr alles erklärt, jetzt wollen wir eine Unterschrift haben, wir wollen, dass die Bundesregierung ihre Blockadehaltung aufgibt.« Auch hierzu hat sich ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und politischer Initiativen zusammengeschlossen. »Make them sign!« - »Lass sie unterschreiben!« - heißt die Kampagne, die vor Kurzem gestartet ist.

»Eigentlich ist das ja so ein Spezialistenthema, aber ganz urplötzlich ist es allgemein sprechbar geworden«, berichtet Campagnerin Jung. »Das ist vergleichbar mit der Diskussion um das Handelsabkommen TTIP.« Verstärkt hätten dies die Erklärungen zur Aufhebung der Patente von der US-Regierung unter Joe Biden, Äußerungen des Papstes und Parlamentarier*innen auf der ganzen Welt, die das Thema aufgegriffen hätten. »Deshalb bekommt diese Forderung eine größere politische Basis.«

Der Berliner Regisseur Tim Günther erinnert sich noch an Ankündigungen von den Anfängen der Pandemie. »Da hieß es noch: Ja, diese Krise wird jetzt alles ändern! Und, naja, wie es bisher gelaufen ist, das sehen wir ja - Protektionismus und Nationalstaatlerei.« Die Filmemacher um Günther wollen mit ihrer Kampagne nicht zuletzt die Solidarität in den Mittelpunkt stellen. »Das Impfen muss als etwas Solidarisches mit unseren Mitmenschen betrachtet werden, solidarisch auch und vor allem mit den Menschen im Süden, was die Verteilungsgerechtigkeit der Vakzine betrifft.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung