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  • Mobbing an Berliner Schulen

Der weite Weg zum Lernen ohne Mobbing

Ein aktueller Bericht zeigt, dass Diskriminierungsschutz in Schulen oft versagt

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Ob es die muslimische Schülerin ist, der das Tragen des Kopftuchs verboten wird, oder der Junge mit arabischen Wurzeln, der von der Klassenlehrerin trotz guter Schulleistungen permanent als »schwierig« heruntergeputzt wird: Viele Kinder und Jugendliche an Berlins Schulen sind mit Diskriminierungserfahrungen konfrontiert. »Wir sind noch weit entfernt vom Ideal einer diskriminierungsfreien Schule«, sagt Aliyeh Yegane, die Projektleiterin der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen (ADAS).

Das zeigen auch die am Mittwoch vorgestellten Zahlen des aktuellen ADAS-Monitoringberichts. Demnach sind bei der vor fünf Jahren eingerichteten unabhängigen Anlaufstelle zwischen 2018 und 2020 insgesamt 289 Diskriminierungsmeldungen aus Schulen eingegangen. Bei fast allen Fällen - mehr als 90 Prozent - waren Schüler die Betroffenen, wobei diese wiederum zu über zwei Dritteln von ihren Lehrkräften, der Schulleitung oder sogar Schulsozialarbeitern gemobbt wurden.

Dieser Befund ist insofern aufschlussreich, als beim Thema Diskriminierung an den Schulen häufig zuvorderst an Mobbing durch Mitschüler gedacht wird. Nicht aber von »schulisch professionellen Täterinnen und Tätern, die über das Schulgesetz zum Schutz vor Diskriminierung verpflichtet sind«, wie Sabine Gauch sagt, die bei ADAS für das Monitoring zuständig ist.

Letztlich, so Gauch, belegen die von der Anlaufstelle zusammengetragenen Fälle, dass die in Berlin gesetzlich verankerte Aufgabe des Diskriminierungsschutzes in schulischen Einrichtungen regelmäßig »in einer relevanten Anzahl verletzt« wird. Und zwar in allen Schulformen und in allen Bezirken. In ungefähr einem Zehntel der Fälle, in denen das Mobbing sowohl von Mitschülern als auch vom Schulpersonal ausging, müsse man sogar von einer »diskriminierungsfördernden Schulkultur« sprechen. »Hier haben wir es mit einer Situation zu tun, in der die Betroffenen die Schule nicht mehr als Schutzraum erleben«, sagt Gauch. Denn auch diese Erkenntnis ging in den vergangenen Monaten des schulischen Wechselunterrichts gern mal unter: Das Klassenzimmer oder der Pausenhof ist eben keineswegs für alle Schülerinnen und Schüler der Hort der Glückseligkeit sind, als der sie von vielen lockerungsfreudigen Bildungspolitikern beschworen wurden.

»Die Baustelle Antidiskriminierungsarbeit wird uns alle noch lange begleiten«, ist Projektleiterin Aliyeh Yegane überzeugt. »Die entscheidende Sache ist aber, dass sich Berlin bei der Bekämpfung der Diskriminierung auf den Weg gemacht hat. Und es hat sich in den letzten Jahren auf jeden Fall schon etwas getan.« Über mangelnde Unterstützung seitens der Schulverwaltung will sich Yegane nicht beklagen. »Besser geht natürlich immer«, sagt die Projektleiterin zu »nd«. Aber immerhin werden die fünf Teilzeitstellen bei der Anlaufstelle seit diesem Jahr von der Bildungsverwaltung finanziert. »Wir arbeiten zudem an ganz vielen Punkten gut mit anderen Stellen zusammen, nicht zuletzt mit einigen Schulaufsichten, die für das Thema sehr aufgeschlossen sind.« Konkret betreffe das insbesondere die Aufsichten in Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf, so Yegane.

Dass der Kampf gegen alle Erscheinungen von Diskriminierung an den Schulen durchaus Kärrnerarbeit ist, zeigt der Umstand, dass es hierfür in der Bildungsverwaltung bereits seit geraumer Zeit keinen zentralen Ansprechpartner mehr gibt. Der letzte Antidiskriminierungsbeauftragte für die Schulen, Derviş Hızarcı, warf im September 2020 nach nur einem Jahr hin, seither ist die Stelle unbesetzt. Hızarcı monierte später, dass er kaum Befugnisse gehabt hätte. Die Rede war von einem »zahnlosen Tiger« und einer Aufgabe, die »schlichtweg zu groß« war, »um sie alleine zu meistern«.

ADAS-Leiterin Yegane betont dennoch die Bedeutung der Stelle für ihre Arbeit. Ihr Team habe mit Hızarcı und seiner Vorgängerin sehr gut zusammengearbeitet. Daher halte man es »für dringend notwendig, die Stelle zeitnah durch eine qualifizierte Person zu besetzen«. Tatsächlich hätte dies nach nd-Informationen längst geschehen sollen, scheiterte aber vorerst an einer sogenannten Konkurrentenklage eines Mitbewerbers um die Stelle. »Das verkompliziert die Lage extrem«, heißt es bedauernd aus der Bildungsverwaltung.

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