Ein Historikus zwischen allen Stühlen

Arthur Rosenberg - Klassiker zeitkritischer Geschichtsschreibung

  • Von Manfred Weißbecker
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Literatur über jenen Abschnitt deutscher Geschichte, der gemeinhin mit dem Namen Weimarer Republik versehen wird, füllt Regal um Regal, ja ganze Bibliotheken. Darin nehmen die beiden Bücher von Arthur Rosenberg »Die Entstehung der deutschen Republik« (Berlin 1928) und »Geschichte der deutschen Republik« (Prag 1934) einen besonderen Platz ein. Ihr Autor durchdrang dank klarer Analyse scheinbar kaum entwirrbare Vorgänge und gelangte zu pointierten Urteilen.

Der 1889 in einer Berliner jüdischen Familie geborene und 1943 in New York verstorbene Autor konnte leider nicht mehr erfahren, dass und wie sein Werk in den 60er Jahren begeistert aufgenommen wurde, insbesondere von Studenten, die politisch nach anderen Ufern suchten. Beide Bände erlebten in der BRD mehrere Auflagen, mitunter in einem Band vereint. Hingegen spielten sie weder im dominierenden Geschichtsverständnis der Bundesrepublik noch in dem der DDR eine größere Rolle. Den Verfechtern des einen lag eher am Herzen, die Rolle Hitlers in den Vordergrund zu stellen und den engen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus zu vertuschen, das der anderen litt an fehlender Bereitschaft zu komplexen Analysen der bürgerlichen Gesellschaft und überzogener Kritik am 1927 erfolgten Austritt Rosenbergs aus der KPD. Umso mehr trifft die von Mario Keßler initiierte, verdienstvolle Wiederveröffentlichung heute einen empfindsamen, nachdenklich stimmenden sowie von der allgemeinen Rechtsentwicklung arg betroffenen Nerv der Zeit.

Bereits 2003 hatte der Herausgeber eine profunde Biografie Rosenbergs vorgelegt. Ihr vielsagender Titel: »Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen«. Akribisch benannte er darin die wichtigsten Lebensstationen seines Protagonisten. Zunächst die im Kaiserreich, als der junge Historiker sich vorwiegend mit der Geschichte des alten Rom befasste und noch im Banne der »Ideen von 1914« stand; dann seine Tätigkeit als kommunistischer Publizist in den ersten drei Jahren der Weimarer Republik. Mitte der 20er Jahre war Rosenberg Mitglied der KPD-Führung und der kommunistischen Reichstagsfraktion. 1927 verließ er die Partei, enttäuscht vor allem vom widersprüchlichen Entwicklungsprozess marxistischen Denkens in der weltweiten Kommunistischen Internationale. Als »Kritiker revolutionärer Illusionen«, konsequenter Antifaschist und Zeithistoriker wirkte er zunächst noch in Deutschland, 1933 emigrierte er in die Schweiz und von dort nach England. Seit 1937 lebte er in New York, wo ihn 1943 ein früher Tod ereilte.

Keßler führt seine Sicht auf Rosenberg im Vorwort zur Neuausgabe der beiden wichtigsten Werke Rosenbergs fort, behandelt aber vor allem sehr informativ, wer alles, wann und wie auf diese reagiert hat - ein Paradestück historiografiegeschichtlicher Untersuchungen, das viel aussagt über den »Zeitgeist« und seine Spiegelung in akademischen Streitigkeiten. Akzentuierter als früher betont der Herausgeber das Zusammenfallen wichtiger Geschichtszäsuren mit den Einschnitten in Rosenbergs Leben. Er charakterisiert ihn als einen »vierfachen Außenseiter« und schreibt: »Als Jude gehörte Rosenberg zu einer grausam verfolgten Minderheit, dem nur knapp die Flucht aus seinem Geburtsland gelang, als ausgebildeter Althistoriker wandte er sich der Zeitgeschichte zu, als Kommunist geriet er in Konflikt mit seiner Partei, als Paria im Universitätsbetrieb erreichte er erst sehr spät im Exil eine - schlecht bezahlte - Festanstellung.« Keßler betont, dass Rosenberg als Wissenschaftler Spuren hinterlassen habe, »die Vertreibung und Verleumdung nicht auszutilgen vermochten«. Er bezeichnet ihn als einen der wichtigsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts.

Dessen Spuren zu sichten und aufzunehmen, sich von ihnen zu neuer Nachdenklichkeit anregen zu lassen - das ist lohnenswert. Zumal mehr und mehr Parallelen zwischen dem Abbau von Demokratie und hart erkämpfter sozialpolitischer Leistungen sowie dem Aufstreben nationalistisch-rassistischer Kräfte in der Weimarer Zeit und ähnlichen Erscheinungen unserer Gegenwart erkennbar werden. Und wer Sozialismus und Demokratie in eins setzen will, sollte unbedingt nachschlagen, wie nach Rosenbergs Auffassung ein Verzicht auf deren innere Verbundenheit die kämpfende Arbeiterbewegung in Niederlagen führte, wie eine »revolutionäre Realpolitik« durch verbale Bekenntnisse zur Revolution und durch »Berufs- und Protestpolitik« ersetzt worden ist.

Lohnenswert dürfte ebenso das Erinnern an die von Rosenberg genutzten Kriterien geschichtswissenschaftlichen Arbeitens sein. Keßler hebt hervor, wie der sich an Marx und Engels orientierende Zeithistoriker von der Notwendigkeit ausging, sorgfältig und umfassend die wirtschaftliche, politische und geistige Situation der Gesellschaft zu analysieren. Rosenberg sei es stets um ein tiefgründiges Erfassen jeweiliger Kräfteverhältnisse statt einseitiger und parteienegoistischer Selbstbeschauung gegangen. Sein Werk besteche durch den umfassenden Blick auf soziale Strukturen und politische Interessen unterschiedlich agierender Kräfte. Dies miteinander zu vergleichen und in innere Beziehungsgeflechte einzuordnen sowie Entwicklungslinien herauszuarbeiten, kennzeichne Rosenbergs materialistisch-dialektisches Denken. Klar, dass solches wissenschaftliches Bemühen sowohl mit der Politik als auch mit den nationalistisch-konservativ geprägten Akademikern in Konflikt geraten musste.

Nicht zuletzt regen Keßlers Bemühungen auch dazu an, nach anderen Publikationen Rosenbergs zu greifen, so zur »Geschichte des Bolschewismus« (1932), zum Buch »Demokratie und Sozialismus. Zur politischen Geschichte der letzten 150 Jahre« (1938) sowie zum Band »Der Faschismus als Massenbewegung. Sein Aufstieg und seine Zersetzung«, den er 1934 unter dem Namen »Historikus« veröffentlichte.

Arthur Rosenberg: Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik. Hg. u. m. einem Vorwort v. Mario Keßler. Europäische Verlagsanstalt, 539 S., br., 38 €.

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