Geburtstag ohne Gastgeber

Die Idee der paneuropäischen EM entstand mitten im Kampf um die Vorherrschaft im Weltfußball. Sie blieb voller Unstimmigkeiten und falscher Versprechungen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
EM 2020: Geburtstag ohne Gastgeber

»Es war meine Idee, aber die Uefa und die Gastgeberländer haben mich offenbar vergessen«, klagte Michel Platini jüngst darüber, dass er keine Einladung zur Europameisterschaft bekommen hat. Mitleid muss man mit dem 65-Jährigen wahrlich nicht haben. Auf all den ausgetretenen Funktionärswegen durch die Hinterzimmer des Weltfußballs hatte sich der Franzose einst derart verirrt, dass er 2015 von der Ethikkommission des Weltverbandes Fifa für acht Jahre gesperrt wurde. Dieses Schicksal teilte er mit Joseph Blatter. Da wundert es nicht, dass die Entstehung der EM 2020 als großes, paneuropäisches Turnier auch Folge des Kampfes der einst mächtigsten Männer dieses Sports war.

Michel Platini ist ein Kind des europäischen Fußballs. Mit der französischen Nationalmannschaft hob er beim EM-Sieg 1984 als feinfüßiger Regisseur das Spiel auf ein neues Niveau. Mit seinen damals neun erzielten Treffern steht er noch immer ganz vorn in der Torjägerliste der Europameisterschaften. 23 Jahre später wurde er Präsident der Uefa - und strebte auch in dieser Position zu neuen Ufern. Auf seinem Zenit als Funktionär schien alles möglich. Er forderte sogar Fifa-Präsident Blatter im Kampf um den Thron des Weltverbandes heraus.

Vorher hatte er seinen Traum real werden lassen. Im Sommer 2012 sagte er im Olympiastadion von Kiew, einen Tag vor dem damaligen EM-Finale: »Ich habe da eine Idee: Die ›EURO 2020‹ könnte in ganz Europa stattfinden.« Von Spielen in 12 oder 13 Metropolen sprach er vage. Schon mit der Vergabe des Turniers von 2012 nach Polen und in die Ukraine hatte sich Platini bei seinen osteuropäischen Wahlhelfern bedankt, die ihn 2007 mit ihren Stimmen im Kampf um das Präsidentenamt gegen Lennart Johansson zum Sieger gemacht hatten. Nun gab es wohl noch mehr Unterstützer, denen er danken wollte.

Die Tore öffnen sich. In deutschen Stadien werden vereinzelt wieder Zuschauer zugelassen - und diesmal kommt nicht nur der Fußball in den Genuss von Fans.

»So einer Europameisterschaft fehlen Seele und Herz«, ätzte Fifa-Präsident Blatter im Frühjahr 2013. »Ein Turnier gehört in einem Land gespielt, dadurch schafft man Identität und Euphorie.« Im Dezember 2012 hatte das Exekutivkomitee der Uefa die Pläne Platinis für eine EM »in Metropolen mehrerer Länder« aber schon abgesegnet. Die Fifa sah in einem derartigen Turnier nun eine zu große Konkurrenz fürs eigene Premiumprodukt, die Weltmeisterschaft - zumal schon feststand, dass 24 Teams um den Titel spielen sollen, also nur noch acht weniger als bei einer WM.

Große Geschenke für wichtige Stimmen

Die Erweiterung um acht Teams bei einer EM war im September 2008 die erste wichtige Entscheidung der Uefa unter Platini gewesen. Die Begründung: Auch kleinere Nationalverbände sollten die Chance bekommen, dabei zu sein. Dies darf ebenso also Dank an seine Wahlhelfer gesehen werden. Dass mehr Teilnehmer, mehr Spiele und mehr Zuschauer auch die Einnahmen des Verbandes durch Sponsoren und den Verkauf von allerlei Rechten deutlich steigerten, ist offenkundig, wurde von den Verantwortlichen aber nie als vordergründig beschrieben. Für Platinis unersättlichen Expansionskurs war es dennoch ein Motor: Er erweiterte Europas Klubwettbewerbe und führte mit der Nations League einen zusätzlichen für Nationalteams ein.

»Wir müssen keine Stadien oder Flughäfen bauen, gerade jetzt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.« So umschrieb Platini einen weiteren vermeintlichen Vorteil einer paneuropäischen EM. Wie scheinheilig diese Argumentation war, zeigt die Tatsache, dass er zuvor selbst die Turnieranforderungen verschärft hatte. Einerseits mit der Aufstockung auf 24 Teams, andererseits mit den Ansprüchen: Fünf-Sterne-Hotels, exzellente Infrastruktur, Premium-Stadien. 2008 hatte die Uefa beschlossen, dass Gastgeber neun Fußballarenen bieten müssen, zwei mit mindestens 50 000 Plätzen, drei mit 40 000 und vier mit 30 000 Sitzplätzen.

Derlei Kriterien werden kleine Länder nie erfüllen. Und sie bescherten der Uefa schon bei der Ausschreibung der EM 2020 Probleme. Der einzig realistische Bewerber war die Türkei. Die hatte sich aber ebenso für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2020 beworben - und hätte sich nach eigener Aussage bei einem doppelten Zuschlag für Olympia und gegen die EM entschieden. Nach einem kurzen Scharmützel mit dem Internationalen Olympischen Komitee lenkte Platini ein und scharte seine europäische Fußballfamilie um sich: Am 6. Dezember 2012 stimmten in der Exekutive der Uefa dann alle Landesvertreter für seinen paneuropäischen Plan, mit Ausnahme des türkischen.

Wenn an diesem Freitag - 60 Jahre nach der ersten EM - das Turnier in Rom angepfiffen wird, ist es für Michel Platini ein Geburtstag ohne Gastgeber. Denn er, der Vater des Ganzen, wird wohl fehlen. Das Finale steigt einen Monat später in London. Dafür hatte sich ursprünglich auch der Deutsche Fußball-Bund mit München beworben, kurz vor der Abstimmung aber zurückgezogen. In irgendeinem Hinterzimmer wurde man sich einig: London bekam ein großes Finale und der DFB mit englischen Stimmen die EM 2024.

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