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  • Schweiz bei der Europameisterschaft

Endlich mal was feiern

Die Schweiz startete mal wieder mit hohen Ansprüchen in ein großes Turnier. Erfüllt haben sie die noch nie

  • Daniel Theweleit
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war nur eine Kleinigkeit und dennoch haben viele Schweizer verwundert die Augenbrauen gehoben, als kurz vor dem EM-Start die Geschichte von Granit Xhakas neustem Körperschmuck bekannt wurde. Der Kapitän der Schweizer Nationalmannschaft, die an diesem Mittwochabend in Rom auf Italien trifft, hat sich zwischen Trainingslager und EM-Abreise ein neues Tattoo stechen lassen. »Es war ein Fehler, was Granit gemacht hat«, sagte Pierluigi Tami, der Direktor der eidgenössischen Nationalmannschaft daraufhin, schließlich birgt so ein Vorgang die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus, die das gesamte EM-Projekt ins Chaos gestürzt hätte. Am Ende ist alles gut gegangen, bisher kommt die Schweizer Reisegruppe im Gegensatz zu anderen Teams ohne Infektion durch das Turnier. Aber diese neueste Episode aus dem Leben des 29-jährigen Xhaka hat trotzdem für Kopfschütteln gesorgt. Weil es eben Xhaka war.

Dieser beeindruckende Fußballer, der sein Land zum ersten Mal als Kapitän durch ein großes Turnier manövrieren soll, hat ein spezielles Talent für Aktionen, mit denen er von der Konvention abweicht. Unvergessen ist sein Jubel bei der WM 2018 im Spiel gegen Serbien, als Xhaka und andere Spieler mit ihren Händen einen Doppeladler formten, der die Flagge von Kosovo-Albanien ziert. Von hier stammt seine Familie, und Serbien, der Gegner von damals, will den Kosovo nicht als eigenständige Nation anerkennen. Das Handzeichen war also eine Provokation. Die Jubelpose löste eine politische Kontroverse aus, mit der die meisten Spieler im Team nichts zu tun haben wollten. Bis heute ist unklar, ob das blutleere 0:1 im folgenden Achtelfinale gegen die Schweden ein Resultat dieser Vorgänge war.

Klar ist allerdings, dass die kleine Fußballnation bei dieser EM »große Ansprüche hat«, sagt Torhüter Yann Sommer, »weil wir einfach einen guten Job gemacht haben«. Auch Xhaka verfolgt den festen Vorsatz, weiter zu kommen als zuletzt. Das Erreichen des Viertel- oder sogar des Halbfinales ist keinesfalls unmöglich mit der relativ ausgewogen besetzten Mannschaft: »Wir wollen Geschichte schreiben«, sagt der Kapitän forsch. Dazu muss er aber mit sportlichen Taten für Schlagzeilen sorgen und nicht mir seiner Neigung dazu, eher Unruhe zu produzieren.

In seinen Jahren bei Borussia Mönchengladbach eckte Granit Xhaka regelmäßig an, genau wie in England, wo er für den FC Arsenal spielt. Zunächst flog er viel zu oft vom Platz, einmal beleidigte er Fans und musste sich demütig entschuldigen. Im vergangenen Dezember wurde er nach einem Griff an die Kehle von Burnleys Ashley Westwood gesperrt. In den sozialen Medien werden Xhaka und seine Familie oft bösartig beschimpft. »Granit hatte nicht immer eine einfache Zeit, und er ist dadurch gewachsen«, sagt Sommer, der Xhaka als »Herzstück« des Schweizer Teams bezeichnet. Und der Torhüter, der in der Bundesliga bis heute für Borussia Mönchengladbach spielt, ist »sehr froh, dass er diese persönliche Entwicklung so gemacht hat.«

Doch die ganz großen Erfolge fehlen noch in Xhakas Sportlerbiographie. Nach dem Sieg bei der U17-WM 2010 gewann er noch Trophäen in der Schweiz und zweimal den FA-Cup mit dem FC Arsenal. Nach Achtelfinalniederlagen bei der WM 2014, der EM 2016 und der WM 2018 - jeweils mit Xhaka im Zentrum des Spiels - erwarten viele Schweizer endlich den nächsten Schritt. Die Spielergeneration des Kapitäns, der auch Sommer, Fabian Schär, Ricardo Rodriguez, Xherdan Shaqiri und Haris Seferovic angehören, wird nicht mehr so viele Chancen bekommen, endlich einmal über sich hinauszuwachsen. Nun haben sie das Turnier mit einem 1:1 gegen Wales begonnen, das das Team in eine schwierige Lage versetzt. Dem Auswärtsspiel in Rom gegen die starken Italiener folgt die wohl entscheidende Partie gegen die Türkei in Baku, wo das Publikum wohl ebenfalls den Gegner unterstützten wird.

Grundsätzlich haben die Schweizer aber ein starkes Ensemble beisammen, das den Eindruck macht, auch menschlich zu harmonieren. »Es war auffällig, wie solidarisch und kompakt die Mannschaft ist, der große Teamgeist war für mich spürbar«, sagt Gerardo Seoane zum Wales-Spiel in der »Neuen Zürcher Zeitung«. Der langjährige Trainer von Young Boys Bern, der künftig bei Bayer Leverkusen arbeitet, fand die Schweiz »stilsicher«, »mutig« und »gut organisiert«. Was noch fehlt sind Glück und Entschlossenheit in den kleinen Momenten, in denen Spiele entschieden werden. Momente für Anführer, für Granit Xhaka also, der am Mittwochabend womöglich in seiner künftigen Heimat spielt. Vieles deutet darauf hin, dass er den FC Arsenal verlassen wird, um bei AS Rom anzuheuern. Mit einer guten Leistung gegen Italien könnte Xhaka vor dem möglichen Wechsel noch einmal kräftig Werbung in eigener Sache machen.

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