Hobby: Tyrannischer Führungsstil

Aluminiumkönig Deripaska kauft Konzernanteile wie andere Leute Nippes

  • Von Elke Windisch, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Oleg Deripaska, der Ex-Jukos-Chef Michail Chodorkowski vom Thron des reichsten Mannes in Russland stieß, scheint über Leichen zu gehen.
Sie fahren einen neuen Mercedes auf den Schrottplatz, weil der Aschenbecher voll ist, zünden einen Hundert-Dollar Schein an, damit Arme im Dunkeln ein zur Erde gefallenes Fünf-Kopeken-Stück wiederfinden. So die Witze, die Iwan Normalverbraucher beim Wodka über Oligarchen von sich gibt. Junge, dynamische Typen, die meist wie eine Karikatur der eigenen Bodyguards aussehen und ein unfehlbares Gespür für Kitsch haben: solche wie Oleg Deripaska. Der Aluminiumkönig, der Ex-Jukos-Chef Michail Chodorkowski vom Thron des reichsten Mannes in Russland stieß und im Westen Beteiligungen an Superschwergewichten der Wirtschaft kauft, wie andere Leute Nippes für den Setzkasten: Ein bisschen Hochtief, ein bisschen Strabag, ein bisschen Magna. Die Aktionäre des kanadischen Autozulieferers segneten den Anderthalb-Milliarden-Dollar-Deal erst am Dienstag auf ihrer Hauptversammlung ab. Auch beim Run auf die lukrativen Staatsaufträge für die olympischen Bauten in Sotschi hat Deripaskas Baugigant Basowy Element die Nase ganz vorn. Verteilungskämpfe um die renditestärksten Objekte hielten die hiesige Wirtschaftspresse wochenlang in Trab. Nur in den Klatschpostillen ist es verdächtig still um ihn. Denn er geht notfalls über Leichen. Deripaska habe ihm offen mit Mord gedroht, behauptete einer seiner Ex-Partner bei einem der zahlreichen Prozesse, die gegen den Tycoon liefen und laufen. Gut möglich. Selbst vor dem Hintergrund der Privatisierung von Staatseigentum Mitte der Neunziger - per se eine Endlos-Saga krimineller Energien - fiel die Aluminium-Mafia durch besonders ungehemmte Brutalität auf. Zu den Protagonisten, die von Anfang an mitmischen, gehörte auch Deripaska, ein Mann mit Gespür für Kommendes und die richtigen Paten. Als Gorbatschow 1986 mit der Perestroika beginnt, ist Deripaska knapp achtzehn. Schon während seines Physikstudiums versucht er sich nebenbei als Finanzvorstand einer »Militärischen Investitionsversicherungsfirma«. Dort knüpft er Kontakte zu Geheimdiensten, die sich später als nützlich erweisen. 1993 schmeißt er sein Studium und geht an die Börse, wo er sich auf Aluminium-Handel spezialisiert. 1994, kaum 26, sitzt er im Aufsichtsrat von Sajansk Aluminium. 1996, nach zahlreichen Übernahmen, wird aus dem Unternehmen der SIBAL-Konzern. Mehrheitsaktionär ist Deripaska. Dank Protektion der Brüder Tschorny: Lew und Michail. Schon zu Sowjetzeiten landesweit bekannte Mafia-Bosse, nutzen die Brüder die Privatisierung, um ihr Vermögen durch Ankauf von Anteilen der Staatsbetriebe zu legalisieren. 1997 kontrollieren sie 50 Prozent der russischen Aluminium- und 20 Prozent der Stahlproduktion. Von zahlreichen Verfahren wegen Geldwäsche, Betrugs und Erpressung in Russland und im Westen bedroht, setzt sich Michail Tschorny nach Israel ab und überträgt Deripaska die Verwaltung seines Imperiums. Der bootet zunächst den Haupteigentümer, die Londoner Trans-World Group, aus, dann die Tschornys. Fast zeitgleich lernt Deripaska seine spätere Ehefrau kennen: Paulina, die Tochter von Valentin Jumaschew. Der ist Kanzleivorstand von Russlands damaligem Präsidenten Boris Jelzin. Von da an geht es noch steiler bergauf. Zumal er sich auch mit Putin arrangiert. Deripaska heuchelt Desinteresse für die Politik und einigt sich mit Konkurrenten aus dem Umfeld des Kremlchefs außergerichtlich, bei denen Summen in dreistelliger Millionenhöhe den Besitzer wechseln. Dafür darf er sich einen Gemischtwarenladen zulegen, der selbst Kennern des russischen Raubritter-Kapitalismus den Atem verschlägt. Deripaska ist Mehrheitsaktionär bei Ingostrakh, Russlands größtem Versicherer und bei GAZ, Nummer zwei der russischen Automobilindustrie. Sie bildet den Grundstein für seine RUSPROMAVTO Holding, mit der er Beteiligungen in der international nicht wettbewerbsfähigen Branche erwirbt. Deshalb ist Deripaska ein erbitterter Gegner des russischen Beitritts zur Welthandelsorganisation WTO. Seit 2000 ist er auch Chef von Russian Aluminium. Der Konzern kontrolliert ca. 80 Prozent der russischen Aluminiumproduktion und will noch 2007 an die Börse. Hervorgegangen ist er aus einer Fusion mit Unternehmen von Roman Abramowitsch. Einst Erzkonkurrenten, verbindet beide nun Liebe zum Fußball und zu London. 2001 kommt dort Deripaskas Sohn Pjotr zur Welt. 2005 bezieht die Familie eine Prachtvilla im noblen Belgravia-Viertel für 25 Millionen Pfund. Zu Deripaskas Hobbys ist wenig bekannt. Biografen verbuchen unter dieser Rubrik vor allem eines: Tyrannischer Führungsstil.

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