Wo der Mythos (k)lebt

Zu jeder Fußball-EM gibt’s ein neues Panini-Album. Erfunden vor 60 Jahren in Modena, werden sie bis heute dort produziert.

  • Von Stephan Brünjes, Modena
  • Lesedauer: 6 Min.

Kartoffelartiges Kopfsteinpflaster, ein schmachtendes Eros-Ramazotti-Double vorm Uhrenturm, entspannte Zuhörer auf der Terrasse der Bar Concerto: Die Piazza Grande ist Modenas Wohnzimmer. Einheimische und Besucher flanieren über den Platz, am viel zu groß geratenen Dom lauernd beäugt von zwei wuchtigen Steinlöwen, die den Seiteneingang bewachen. Auf der Treppe, nicht so recht passend in dieses entspannte italienische Alltagsgemälde, kauern zwei Jungs, vielleicht sieben oder acht Jahre alt.

Lautstark fuchteln sie mit aufgefächerten Kärtchen herum - nur Buben auf der Hand, aber kaum Trümpfe: »Nicht mal gegen Ronaldo tausche ich den«, wettert der Kleinere schwarz gelockte und rückt seinen Kicker auf einem glitzernden Bild nicht raus. Denn diese »Glitzis« zählten zu den meistgesuchten Sammelbildern fürs Panini-WM-Album vor drei Jahren. Nun haben beide Jungs das Sammelheft fürs laufende EM-Turnier auf den Knien, reißen voller Hoffnung auf fehlende Kicker weitere Tüten auf, eben erstanden für einen Euro pro Stück im Kiosk um die Ecke - dort, wo die Panini-Story einst begann.

1946: Mama Olga Panini, Kriegswitwe mit acht Kindern, verkauft in Modena Zeitungen und Zeitschriften. Viele gibt’s damals nicht, und so reicht es bei den Paninis jahrelang kaum für eine warme Mahlzeit pro Tag. Sohn Giuseppe, der älteste, bei einem Krankenhausaufenthalt schon als talentierter Süßigkeitenverkäufer aufgefallen, hat mit seinen Brüdern Benito, Umberto und Franco eine clevere Altpapier-Geschäftsidee: Man nehme Zeitungen und Zeitschriften der Vorwochen, dazu einen Luftballon und »Figurine«-Sammelbilder, die damals üblicherweise in Zigarettenpackungen als Zugabe klemmen. Alles zusammen in einen Papierumschlag, zukleben und als »Wundertüte« anbieten. Die kommen gut an bei den Kiosk-Kunden, besonders die »Figurine«. Also setzen die Panini-Brüder auf reine Bildertüten mit Pflanzenmotiven drin. Ein Flop. Aber dann die Idee: Italienische Fußballer! Die sind ab 1961 Paninis erster Sammelbild-Renner, beginnend mit Bruno Bolchi, dem Kapitän von Inter Mailand.

Er prangt heute, leicht vergilbt, in Modenas »Museo della Figurina«. Von den Panini-Brüdern gegründet und kostenlos zu besichtigen, zeigt es die Geschichte der Sammelbilder, beginnend um 1870 im Pariser Kaufhaus »Au Bon Marché«. Mit der vermutlich ersten Quengelware der Geschichte steigert es seinen Umsatz enorm: Kostenlose, bunte Kärtchen, beliebt vor allem bei Kindern, die ihre Mütter zu weiteren Einkaufsbesuchen drängen, um die Bildersammlung zu komplettieren. Paninis Erfolgsstory präsentiert das Museum erfreulich bescheiden: Die etwa 600 Millionen Euro Jahresumsatz in 110 Ländern stehen nirgendwo, zu sehen ist aber, womit sie erreicht werden: Nach Fußballern folgen Alben mit Flugzeugen und Raketen, Comic-Helden, und Pop-Ikonen, TV-Stars von Heidi bis Hannah Montana.

Ein Hingucker auch die Weiterentwicklung der Bilder: Zuerst noch schwarz-weiß und mit Fotoecken umständlich im Album zu arretieren, bald schon nachkolorierte Fotos, in den 70ern dann farbige, selbst klebende und heute schließlich Glitzer-Sticker mit 3D-Effekt. Auch in Zeiten von Internet und Smartphone noch immer Stoff zur Befriedigung der »Haben-Wollen«-Sucht von Milliarden Klebern und Sammlern weltweit, jeder Dritte zwischen sechs und zehn Jahren alt, jeder vierte über 25 - wie zum Beispiel ein verhaltensauffälliger Minister in Nordrhein-Westfalen, der während einer Landtagsdebatte beim Einkleben seiner Bilder gefilmt wurde.

Panini - längst ein Gattungsbegriff wie Tesa oder Tempo, aber ohne jede Helden-Huldigung in Modena. Keine Panini-Straße, kein Platz, kein Denkmal. Nur ein Hinweis auf die nächsten Spiele der hiesigen Volleyballer - im Panini-Sportpalast, benannt zu Ehren von Giuseppe, begeisterter Volleyballer und langjähriger Sponsor des Erfolgsklubs. So steht es auf einem Plakat an der Via Emilia. Ein Zufall? Genau hier kippte Umberto Panini mal ein dreirädriger Kleinlaster voller Panini-Bilder um, alle Tüten vom Winde verweht über die alte römische Handelsstraße, die sich schnurgerade durch Modenas Zentrum zieht. Schmalere Gassen gruppieren sich drum herum wie Schichten einer Zwiebel. Praktisch, weil man so beim Bummeln durch die vielen, oft unter Arkaden liegenden Geschäfte nie in den Stadtplan schauen muss. Egal, ob man sich im Feinschmeckerimbiss »Giusti« mit Kolonialwarenladen-Theke und Sonnensitzplätzen stärkt, an der Gelateria »Bloom« ein Eis nascht oder bei »La Vacchetta Grassa« würzigen Lederduft inhaliert und den Handwerkern beim Nähen von Gürteln und Taschen zuschaut - früher oder später steht man beim Modena-Stadtbummel auf einer »Ach, hier sind wir!«-Kreuzung und weiß wieder, wo man ist.

Modenas Altstadtfassaden strahlen in vielen leuchtenden Pastellvariationen. Die schönsten Farbspiele bietet die Via Castel Maraldo, Paninis erster Firmensitz - in den frühen Sechzigern geprägt von purer Handarbeit: Im Keller warfen Giuseppe, Franco und Benito die Bilder mit Schaufeln durcheinander und mischten sie per Handkurbel in einem Butterfass so lange, bis sicher schien, dass keines doppelt in eine Tüte kommt. Auf Dauer zu mühselig, darum riefen sie Umberto, den zwischenzeitlich für eine Ölfirma nach Venezuela ausgewanderten Bruder zurück. Der Tüftler soll eine Bilder-Misch-, Sortier- und Eintüt-Maschine erfinden. Seine »Fifimatic« ist bis heute in Betrieb, in der 1965 gebauten Panini-Fabrik außerhalb der Altstadt. Ein schmuckloses Gebäude, das auch einen größeren Klempnerbetrieb beherbergen könnte. Nichts deutet drauf hin, dass hier in EM-Jahren täglich mehr als 60 Millionen Sticker produziert und von Lkw in alle Welt hinaustransportiert werden.

Reich geworden durch ihre Firma und deren Verkauf 1988 investieren die Panini-Brüder in andere Geschäftsfelder. Umberto kauft eine 300-Hektar-Farm mit 500 Kühen, startet seine Öko-Parmesankäse-Produktion, seit Umbertos Tod geführt von seinem Sohn Matteo. Ein Besuch dort - 15 Autominuten außerhalb Modenas - ist das Highlight der Panini-Tour, auch wegen der noch von Umberto aufgekauften Maserati-Oldtimer-Sammlung, der größten Italiens.

Matteo zeigt sie und die Käseherstellung gern, erzählt dabei über seine Zeit als Sohn im Sammelbilder-Imperium: »Viele wollten in den Siebzigern mein Freund sein, weil sie wussten, ich kann ihnen das Sticker-Album sofort voll machen.« Apropos: Warum sind eigentlich bestimmte Kicker - so wie Julian Draxler bei der WM 2014 - so selten in der Tüte wie die Blaue Mauritius im Briefmarkenladen? »Zufall«, sagt Matteo Panini mit nicht ganz überzeugendem Mienenspiel, »wir haben wirklich nie Bilder zurückgehalten, damit die Leute mehr kaufen müssen, um das Album zu füllen.« Man könne ja die fehlenden ganz einfach bei Panini bestellen. Im Übrigen hätten manche Kicker viel größere Probleme als die Sammler, fügt Matteo Panini augenzwinkernd hinzu.

Wer im Album ist, steigert Börsenwert und Selbstwertgefühl. Und wer nicht drin ist, beklagt sich schon mal bei Panini. Italiens Alessandro del Piero etwa habe ihn deswegen mal angerufen, als er noch nicht so bekannt war - also lange bevor der italienische Stürmer Deutschland 2006 aus dem Turnier schoss und wenige Tage später Weltmeister wurde.

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