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Corona-Stress zermürbt

Vor allem Mütter im Homeoffice fühlen sich emotional stark belastet - und sind Burn-out-gefährdet

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Dauer-Lockdown hat Spuren bei den Menschen hinterlassen. Welche, das zeigt der Gesundheitsreport 2021 der Techniker Krankenkasse (TK). Der Bericht fragt danach, wie es Deutschlands Beschäftigten geht, und zieht dafür nicht nur die Routinedaten der Kasse heran, sondern auch Ergebnisse einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der TK. Vorgestellt wurden die Daten am Mittwoch in Hamburg.

Demnach fühlten sich 42 Prozent der Menschen in Deutschland im März dieses Jahres - also in der Hochphase des zweiten bundesweiten Lockdowns - stark oder sehr stark von der Corona-Situation belastet. Vor einem Jahr, bei einer ersten Befragung im Mai zu Beginn der Pandemie, waren es noch 35 Prozent. Dieser hohe Anstieg um 20 Prozent lässt sich mit folgenden Belastungsfaktoren erklären: Am stärksten wirkten fehlende persönliche Treffen mit Verwandten und Freunden, das Thema wurde von 89 Prozent der Befragten benannt. An zweiter Stelle stand die Angst, dass Angehörige und Freunde an Corona erkranken (60 Prozent). Gleich danach kamen aber für Menschen aus Familien mit Kindern die Schließungen von Kitas und Schulen (59 Prozent). Bei den Berufstätigen insgesamt nahm der Stress am Arbeitsplatz zu (49 Prozent). Wirtschaftliche Sorgen spielten offenbar keine so große Rolle, jedoch nahm die emotionale Erschöpfung zu - mit jeder neuen Befragung im Pandemieverlauf. Am meisten gefährdet waren Frauen mit Kindern, die im Homeoffice arbeiteten und zugleich den Nachwuchs betreuen mussten. Aus der Forschung wisse man schon aus Zeiten vor der Pandemie, so der Psychologe Bertolt Meyer von der TU Chemnitz, dass der stärkste Treiber emotionaler Erschöpfung subjektiv erlebte Konflikte zwischen Arbeit und Privatem sind. Das sei jetzt in noch einmal stärkeren Maße eingetreten, und könne eine Vorstufe zum Burn-out sein.

Insgesamt liefert der Gesundheitsreport keine Hinweise auf eine grundsätzliche Verschlechterung der Gesundheit von Beschäftigten durch die Coronapandemie. Mit einem Krankenstand von 4,14 Prozent lag das Jahr 2020 sogar unter den Werten der Vorjahre (2019 waren es 4,22 Prozent; 2018 4,25 Prozent). Das könnte auf weniger Krankschreibungen durch Infekte, darunter Erkältungen, zurückzuführen sein, vermutet Thomas Grobe vom Göttinger Aqua-Institut, das zum Gesundheitswesen forscht.

Dennoch gab es im März 2020, auf dem Gipfel der ersten Pandemiewelle, den höchsten Krankenstand seit 2018. Auch die heftige Influenzasaison vor drei Jahren wurde vor 15 Monaten noch getoppt. Zurückgeführt wird dieser Peak auf »große Vorsicht und Rücksichtnahme«: Vermutlich haben sich viele Menschen mit leichten Erkältungssymptomen krankschreiben lassen, die ansonsten noch zur Arbeit gegangen wären.

»Auch wurden im Coronajahr 2020 so wenige Antibiotika verschrieben wie noch nie seit Beginn der Auswertungen zum Gesundheitsreport vor 20 Jahren«, berichtet Grobe. Hier gab es also einen der positiven Effekte der Pandemiemaßnahmen: Die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln trug offenbar dazu bei, nicht nur die Verbreitung von Covid-19 zu reduzieren, sondern auch die anderer Infektionserkrankungen.

Den größten Anteil am Krankenstand von Beschäftigten machen mit 19,8 Prozent die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen aus. Hier setzt sich jedoch ein langjähriger Trend fort, ein »Corona-Peak« sei nicht aufgefallen, so Grobe. Auf den Plätzen zwei und drei folgen, ebenfalls wie in den Vorjahren, Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems (vor allem Rückenprobleme) sowie der Atmungsorgane. Covid-19-Diagnosen machen mit 0,39 Prozent nur einen untergeordneten Anteil am Gesamtkrankenstand aus.

Jedoch schränkt der Experte ein, dass die Kennzahlen keine Hinweise auf besondere persönliche Belastung oder Stress geben, denen sich laut der Umfrage aber viele ausgesetzt sahen.

Da die TK mit über zehn Millionen Versicherten insgesamt zugleich die Daten von 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland auswerten kann, ist es den Forschern möglich, auch bei der relativ geringen Zahl von Krankschreibungen auf Covid-19 berufsspezifische Risiken zu erfassen. Hier bestätigt sich noch einmal, was bereits andere Krankenkassen beobachtet haben: Alle Pflegeberufe, an der Spitze die Altenpflege, haben hier ein hohes Risiko. Inbegriffen ist ein weiterer Beruf mit engen Kontakten zu anderen Menschen: Erzieherinnen. Beschäftigte in diesen sozialen Berufen haben ein sechsmal so hohes Risiko, sich mit Corona anzustecken, wie Menschen mit Bürojobs, in der Landwirtschaft oder in akademischen Berufen.

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