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Per Anhalter über das Kuckucksnest

Wenn bei Xavier Naidoo und anderen »auf Knien die Schlacht beginnt«

  • Von Ralf Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Geisterfahrer sind orientierungslose Mitmenschen am Steuer eines Mehrtürers. Verschwörungstheoretiker sind orientierungslose Mitmenschen, die heftig am Rad drehen. Eine Kombination dieser beiden Unfälle sind leicht messianisch angehauchte Sprechgesangsinterpreten. Sie kennen das: dahergelaufene Wanderprediger, die ihren Weltschmerz einfach nicht für sich behalten können. Bekanntestes Exemplar dieser Gattung ist der Mannheimer Barde Xavier Naidoo. Seit seinem Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben legte der 49-Jährige eine beachtliche Radikalisierung hin, die nun in einem Smalltalk mit Holocaustleugnern und mehreren Songs mit bekannten Rechtsextremisten mündete.

Der ehemalige Juror der TV-Sendung »The Voice of Germany« veröffentlichte Ende Mai zusammen mit über einem Dutzend Sprechgesangsinterpreten und völkischen Esoterikern einen Song mit dem sinnstiftenden Titel »Ich mach da nicht mit«. Wer hätte es gedacht, die konformistischen Rebellen fordern ihre Fans dazu auf, sich den von der Regierung während der Pandemie beschlossenen Maßnahmen zu verweigern. Die zahlreich vor dem Bildschirm versammelten Schlafschafe sollen sich stattdessen dem neuen virtuellen Untergrund anschließen, einer Mischung aus hängengebliebenen Kiffern, Rechtsradikalen und evangelikalen Eiferern.

Die Ansprache ist nicht verklausuliert. Während undifferenziert die Sklavenmentalität der Bundesbürger beklagt wird, ist die Feindmarkierung etwas konkreter. Antisemitische Chiffren wie »NWO«, Abkürzung für den Begriff der neuen Weltordnung, die laut dem evangelikalen Christen Pat Robertson das Ziel habe, eine Diktatur der Finanzeliten zu formen und den christlichen Glauben zu zerstören, werden genutzt, wie auch die alltägliche Angst vor dem allmächtigen Satan in den Songs geschürt wird: »Ich bin Gebetskrieger, weil bei mir auf Knien die Schlacht beginnt. Geh’ auf die Straße, erzähl von Jesus - so macht Widerstand Sinn«, rappt ein Protagonist im Video und warnt die »Brother & Sis« davor, nichts davon zu glauben »was dir der Satan verspricht«. Die Mischung aus fundamental-christlichem Heilsversprechen und altbekannten Verschwörungsmythen soll als argumentative Grundlage für einen militanten Widerstand gegen Corona-Schutzmaßnahmen und Impflogistik/Impfkampagne mobilisieren. Der Rapper Scep ruft im Song ganz offen zum bewaffneten Kampf auf: »Leg die Fährte und du spürst sie auf, führst es aus. Die Zeichen sind da, mach Alarm, bewaffne dich, vernichte den Tiefen Staat«. Besonders deutlich zu sehen in einer Szene des Musikvideos, in der die Sprengung eines Impfzentrums inszeniert wird.

Bei der Aufstachelung des Publikums gegen einen imaginierten gemeinsamen Feind belässt es Naidoo aber nicht. Selbstverständlich liefert der Heimatsoulsänger auch noch volkstümelnde Erbauungslyrik ab. Mit dem Song »Heimat«, veröffentlicht nur einen Tag nach dem Titel »Ich mach da nicht mit«, will er jene Lücke im Herzen der Deutschen füllen, die vermeintlich einst die Alliierten mit Waffengewalt gerissen hatten. Neben Naidoo tritt eine Horde weiterer sogenannter Künstler auf, darunter Hannes Ostendorf, ehemaliger Sänger der rechtsextremen Hooligan-Band Kategorie C sowie der ehemalige Abgeordnete für die AfD im Landtag von Baden-Württemberg, Heinrich Fiechtner.

In dieser männerdominierten Gesellschaft fühlte sich auch Angelika Weiz wohl. Die ehemalige Geschäftsführerin der Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg, 1988 ausgezeichnet als beste Sängerin der DDR, schmettert mit Inbrunst den Song mit. So besingt sie die »süße Heimat«, während Bilder der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen im Video zu sehen sind und antwortet auf die Frage, was ihr diese Heimat wert wäre, mit »Wert zu sterben«. Weiz outete sich schon in den 1980er Jahren in dem von ihr umgedichteten Lied »Unsere Heimat« als Verteidigerin von Volk und Scholle. »Ein jedes Volk schützt seine Welt, die ihm gehört, bis sie in Scherben fällt«, komponierte sie einst. Noch heute wundert sich die Sängerin, dass ihre Langspielplatte in der DDR nie veröffentlicht wurde.

Gemeinsam ist all diesen »Wannabe-Bravehearts« das Gefühl des Widerständigen. Die Identifikation mit historischen Personen wie Sophie Scholl ist dabei ernst und ehrlich gemeint. Sie sehen sich als Vorkämpfer gegen einen neuen Faschismus. Wissen sie, was das ist? Das dem zugrunde liegende Geschichtsbewusstsein entstammt dem bundesdeutschen Lehrplan. Die Gleichsetzung der nationalsozialistischen Diktatur mit einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist Resultat der hierzulande nicht aufgearbeiteten Historie, in und außerhalb der Klassenzimmer. Naidoo und seine Mitstreiter sind nun wirklich so etwas geworden wie die voices of Germany. Sie sind noch nicht mehrheitsfähig, aber mit fortlaufender Zeit, mit dem Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus, könnten sie es werden.

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