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Inklusion als Wirtschaftsfaktor

Berliner Projekt will Menschen mit Schwerbehinderung Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Über 100 neue Jobs sollen bis 2024 in Berlin geschaffen werden, verkündete die Hilfswerft gGmbH vor wenigen Tagen.

Wer sich fragt, ob hier eine Null fehlt, muss wissen, dass es dabei um Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geht. Plätze, die in Berlin rar sind. Über 8000 behinderte Menschen sind in der Hauptstadt arbeitslos. Nils Dreyer von der Hilfswerft hat sich vorgenommen, das zu ändern. Sein Team sucht ab sofort teilnehmende Unternehmen, »die sich bewusst zu mehr Inklusion verpflichten und den Arbeitsmarkt von morgen aktiv mitgestalten« wollen. In dem Projekt Inklupreneur wollen Dreyer und seine Mitstreiter*innen explizit Start-up-Unternehmen dabei unterstützen, innerhalb von drei Jahren eine inklusive Unternehmensstruktur aufzubauen.

Die bisherige Bilanz bei inklusiven Jobs in Berliner Betrieben ist bitter. Zwar sind private und öffentliche Arbeitgeber*innen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen verpflichtet, mindestens fünf Prozent der Stellen mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen, aber nur ein Drittel aller Betriebe dieser Art in der Hauptstadt erfüllen diese Pflichtquote. Die Firmen nehmen stattdessen in Kauf, dass sie bei Unterschreitung der Quote eine Ausgleichsabgabe zahlen müssen. Dazu kommt, dass in großen klassischen Unternehmen eher Stellen abgebaut werden und viele mittlere Betriebe mit den Auswirkungen der Coronakrise zu kämpfen haben.

Die Start-up-Szene der Hauptstadt hat hingegen allein in den vergangenen zwei Jahren rund 19 000 neue Jobs generiert, laut einer Studie der Senatswirtschaftsverwaltung arbeiten insgesamt fast 80 000 Berliner*innen in dieser Art von Unternehmen, denen ein hohes Wachstumspotenzial bei geringer Anschubfinanzierung nachgesagt wird.

Aus diesem Grund sucht man für Inklupreneur in der Start-up-Landschaft nach Kooperationspartner*innen, um einem inklusiveren Arbeitsmarkt näher zu kommen. Dass das Projektteam explizit die Berliner Start-up-Szene anspricht, hat aber auch andere Gründe. »Start-ups haben die Chance, Inklusion direkt in ihrer Unternehmens-DNA zu verbauen und somit auch von Anfang an passende Strukturen zu schaffen. Davon können dann wiederum etablierte Firmen profitieren«, beschreibt es Nils Dreyer. Strikte Regeln und Vorgaben zum Thema Inklusion soll es nach seinem Plan nicht geben, aber die Verpflichtung aller Teilnehmenden, bis 2024 eine feste Anzahl von Menschen mit Behinderung einzustellen.

Für das Vorhaben stellt das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sowohl Beschäftigten als auch Unternehmen bis zu 25 000 Euro zu Verfügung - »für den Umbau sanitärer Anlagen oder den Assistenzhund«.

»Immer noch kämpfen behinderte Arbeitnehmer gegen Vorurteile an, wie: Einen Mitarbeitenden mit Behinderung werde ich nicht wieder los, eine Mitarbeiterin mit Behinderung ist nicht so leistungsfähig oder solche Beschäftigte seien ständig krank«, weiß Berlins Beauftragte für Menschen mit Behinderung, Christine Braunert-Rümenapf. Dies sei aber in der Regel nicht der Fall. »Es gilt endlich, die Barrieren in den Köpfen der Personalentwickler abzubauen«, fordert Braunert-Rümenapf.

Erst kürzlich haben die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit vereinbart, Firmen bei der Einstellung oder Ausbildung von Menschen mit Behinderung stärker zu unterstützen. 20 Prozent des berücksichtigungsfähigen Arbeitsentgelts werden demnach durch das neue Programm finanziert. Und wer dann noch einen inklusiven Ausbildungsplatz anbietet, erhält zusätzlich zum Zuschuss der Ausbildungsvergütung eine Inklusionsprämie von 2000 Euro nach bestandener Probezeit oder bestandenem ersten Ausbildungsjahr.

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