Verlorene Gräber

Die Zukunft kleiner Gedenkstätten in der Niederlausitz ist teilweise offen, weil ihnen kommunalpolitische Unterstützung fehlt

  • Von Claudia Krieg, Tröbitz
  • Lesedauer: 6 Min.
Peter Kroll (l.) erläutert Andrea Johlige einen Gedenkort bei Tröbitz.
Peter Kroll (l.) erläutert Andrea Johlige einen Gedenkort bei Tröbitz.

Der Zug war unser Zuhause. Er war der feste Punkt in einer schwankenden Welt. Jeder von uns hatte seinen Platz auf dem Boden. (...) Der Zug war unsere Festung.« Die auf einer Stele zu lesenden Worte aus der Erinnerung des Juden Werner Weinberg sind so eindringlich, wie es der lang erwartete Landregen ist, der an diesem letzten Junitag über den Feldern der Niederlausitz niedergeht. Knöcheltief steht das Wasser auf dem Weg zum jüdischen Ehrenfriedhof in Tröbitz im Landkreis Elbe-Elster, einem Ort, dessen Geschichte größer ist als er selbst.

Am 24. April 1945 öffneten hier Rotarmisten der Ersten Ukrainischen Front einen Güterzug mit gigantischer Länge. Mindestens 43 Waggons standen auf den Gleisen auf der Bahnstrecke Leipzig - Cottbus - Frankfurt (Oder). Ein Eisenbahner aus dem Dorf hatte ihn zuvor mit einer Lok rückwärts hierher geschoben. Vor der Brücke über die Schwarze Elster bei Beutersitz war er am 22. April zum Stehen gekommen, weil nicht klar war, ob ihn hier, wie schon zuvor auf seinem Weg von Niedersachsen aus, Angriffe der näher rückenden Alliierten treffen würden. In den Waggons des Zuges waren damals, wenige Tage vor der endgültigen Niederlage der Deutschen, neben Werner Weinberg weitere 2000 überlebende Häftlinge des NS-Konzentrationslagers Bergen-Belsen eingepfercht. Eine unbekannte Zahl von mehreren Hundert Toten, mindestens jedoch 200, wurde bei insgesamt sieben Zughalten entlang der Strecke verscharrt.

Dass die Verbliebenen an diesem späten Apriltag 1945 nach fast zwei Wochen Fahrt und fortgesetzter KZ-Tortur von den sowjetischen Befreiern entdeckt wurden, war Zufall - der Zug sollte als einer von drei Transportzügen vom bereits geräumten Bergen-Belsen bis ins Konzentrationslager Theresienstadt gelangen. Aber nur einer erreichte die KZ-Festung in Böhmen. Ein weiterer mit rund 2500 Häftlingen kam nach sechstägiger Fahrt nördlich von Magdeburg zum Stehen. Die deutschen Bewacher flüchteten, bevor amerikanische Truppen dort am 8. Mai die überlebenden KZ-Häftlinge befreiten.

Im südbrandenburgischen Tröbitz, so erzählt Detlef Miething vom Kreisverband der Linken Elbe-Elster über 76 Jahre später, habe bis zum Mai 1945 »nie ein jüdischer Bürger gelebt«. Miething zeigt an diesem regnerischen Nachmittag einer kleinen Gruppe weiterer Abgeordneter der brandenburgischen Linkspartei zwei der Gedenkorte, die in Tröbitz an die Geschichte des »Verlorenen Zuges« erinnern.

Sie hat das Dorf zutiefst und anders geprägt als die jahrzehntelange omnipräsente Braunkohleförderung in der Gegend. Etliche der 700 Dorfbewohner*innen wurden zur Aufnahme, Pflege und Versorgung der geschwächten jüdischen Männer, Frauen und Kinder verpflichtet. Viele von ihnen litten an Typhus. Etwa 300 starben daran noch nach der Befreiung im Ort, auch 31 Dorfbewohner*innen erlagen laut den Aufzeichnungen der 1957 in die Gemeinde gezogenen Erika Arlt der Krankheit.

Detlef Miething zeigte Aaron Birnbaum und Isabell Vandre Gedenkorte.
Detlef Miething zeigte Aaron Birnbaum und Isabell Vandre Gedenkorte.

Arlt verdankt nicht nur der Ort einen Großteil des Wissens zur Geschichte des Zuges, seiner Insassen und zur Situation im Dorf im Frühsommer 1945. Vieles davon findet sich auch in einem kleinen Raum in der evangelischen Grundschule in Tröbitz, der der Erinnerung an die Menschen aus dem »Verlorenen Zug« gewidmet ist. Seit 2012 können Schüler*innen, die landkreisübergreifend hierher kommen, darin ihr eigenes Gedenken gestalten und sich mit der Geschichte des Ortes und des Zuges beschäftigen. An einer Wand hängt eine selbst gestaltete Ausstellung, an einer anderen eine Israelflagge. Überall liegen Bücher mit Überlebendenberichten und Dokumentationen zum Nationalsozialismus.

Nur 200 Meter von der Schule entfernt ist 1966 auf einem etwa fünfzehn Meter breiten Streifen am hinteren Ende des evangelischen Friedhofs ein jüdischer Ehrenfriedhof angelegt und eingeweiht worden. Hier liegt der Großteil der 1945 in Tröbitz verstorbenen Jüd*innen.

Aus der Unterstützung der Tröbitzer Gemeinde habe sich ein Impuls deutsch-jüdischer Begegnung entwickelt, ein humanitärer Geist geregt, erklärt Peter Fischer vom Zentralrat der Juden Deutschlands bei der Tröbitzer Gedenkfeier 2019. Dieser humanitäre Geist, so muss gesagt werden, hat auch durch die 35 Jahre DDR getragen, in der das Gedenken an die Millionen jüdischen Opfer des Vernichtungsantisemitismus der Nazis eher eine randständige Rolle spielte - zumindest über die längste Zeit.

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR als Staat gehen landesweit historisch-politische Auseinandersetzungen immer auch mit Verteilungsfragen einher: Wer für das Andenken in Form von Ehrentafel und Gedenkstein, Ausstellungsstelen und Gedenkveranstaltungen finanziell aufkommt, gerate auch in Tröbitz immer stärker in die Diskussion, berichtet Miething. Gewissheit für eine kommunalpolitische Verantwortung gibt es schon seit geraumer Zeit keine mehr. Vieles wird getragen von zivilgesellschaftlichem und kirchlichem Ehrenamt.

Auch aus diesem Grund ist Isabell Vandre, kulturpolitische Sprecherin der brandenburgischen Linksfraktion, in die Niederlausitz gefahren. Ihrer Ansicht nach berücksichtigt das bildungspolitische Konzept des Landes »Geschichte vor Ort. Erinnerungskultur im Land Brandenburg für die Zeit 1933 bis 1990« zu wenig die kleinen, häufig von Ehrenamt getragenen Gedenkstätten an die Opfer des Nationalsozialismus. »Aber auch die Denkmäler der Industriekultur liegen mir sehr am Herzen«, sagt sie. Vandre will sich auf einer mehrtägigen Tour einen Überblick verschaffen, wer sich wo engagiert, welche Fördermöglichkeiten ausgelotet werden können - auch weil sich politische Kräfteverhältnisse vor Ort zuungunsten einiger Gedenkinitiativen verschoben haben. Die AfD kam bei der Landtagswahl 2019 im Landkreis auf 29 Prozent der Stimmen.

Peter Kroll ist Ortsvorsteher von Domsdorf und Vorsitzender des Kultur- und Heimatvereins. Er hat Vandre und ihre Parteifreundin Andrea Johlige zum seit 1975 bestehenden Gedenkort am Bahndamm nahe der Elsterbrücke geführt. Kein Schild weist den Weg durch den dichten Wald Richtung Bahndamm. Nur die Mücken schweben begierig aus den vielen Kuhlen und Weihern heran. Aber der Stein, der unter tiefhängenden Zweigen an über 20 hier begrabene Jüd*innen des »Verlorenen Zuges« erinnert, ist beeindruckend groß, die Anlage gepflegt und mit einem festen Zaun versehen. Kroll ist stolz auf die ehrenamtlich versorgte Erinnerungsstätte. Gerade seine Heimatverbundenheit treibt den Mittsiebziger seit Jahrzehnten an, sich für immer neue Wege der historischen Wissensvermittlung einzusetzen.

»Wir werden eine audiovisuelle Wanderausstellung erarbeiten«, erklärt er bedeutsam. Alle bisherigen Gedenkorte des »Verlorenen Zuges« werden darin »eine wichtige Rolle spielen«. Allerdings weit über den Landkreis hinaus. Bis nach Niedersachsen, zum ehemaligen KZ Bergen-Belsen als Ausgangsort der Transporte soll die Ausstellung inhaltlich reichen. Der Zentralrat der Juden, so Kroll, habe beschlossen, dass sich sein Verein dafür mit der Aufarbeitung eines ganz besonderen Aspekts der Geschichte befasst: 400 bis 500 Kinder des Zuges hätten damals überlebt. Inzwischen gäbe es weit mehr als 10 000 Nachfahren der ehemaligen geretteten Insassen des Zuges. So viele von ihnen wie möglich wolle man in der Recherche erreichen, erklärt der drahtige Mann, der in der Region vor allem durch sein Engagement für Europas älteste Brikettfabrik »Louise« bekannt ist - ehemals einer der modernsten Betriebe auf dem Gebiet, abgewickelt von der Treuhand und heute, auch dank Krolls unermüdlichem Bemühen um Fördergelder, ein einmaliges Industriedenkmal mit immerhin 7000 Besucher*innen im Jahr.

So viele kommen nicht an die Gedenkorte des »Verlorenen Zuges«. Und genau deshalb will der Ortsvorsteher sich dafür einsetzen, dass auch außerhalb von Tröbitz mehr historische Bildungsarbeit dazu stattfindet. In der »Louise« wurde beispielsweise eine Schülerakademie eingerichtet, die Lokalgeschichte altersgerecht aufbereitet. Und zu dieser gehöre das Leiden der jüdischen Überlebenden von Bergen-Belsen eben dazu.

Bei Isabell Vandre und ihren Begleiter*innen rennt Kroll damit offene Türen ein. Sie will den Gedenkorten mehr wissenschaftliche Begleitung für deren Arbeit an die Seite stellen. Denn Wissen ist noch das beste Mittel gegen die ideologischen Allianzen, die auch in der Kommunalpolitik im Elbe-Elster-Land für einen erstarkenden Revisionismus sorgen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung