Mangelnder Überblick bei der IT

Bundesregierung scheint die Anzahl der Rechenzentren kaum zu kennen. Die Energiebilanz ist verheerend

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei umweltverträglicher IT kommuniziert die Bundesregierungen hohe Anforderungen, aber fordert keine Verbindlichkeit.
Bei umweltverträglicher IT kommuniziert die Bundesregierungen hohe Anforderungen, aber fordert keine Verbindlichkeit.

Wenn sie Vorreiterin in Sachen Klimaschutz sein wollte, dann ist das der Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Bereich der Rechenzentren und der IT des Bundes bislang nicht gelungen. Um die Energieeffizienz der Bundes-IT steht es schlecht. Die Linksfraktion hält nun der Ministerin den Spiegel vor und wollte mittels einer Kleinen Anfrage wissen, wie energieeffizient derzeit die 177 Rechenzentren des Bundes arbeiten. Die Antwort: Keines der sieben Rechenzentren, die in den Verantwortungsbereich des Umweltministeriums fallen, erfüllt die Vorgaben der Ministerin. Bundesweit ist es nur ein Rechenzentrum überhaupt.

Mit 72 Maßnahmen sollte die umweltpolitische Digitalagenda dem steigenden Stromverbrauch Einhalt gebieten. Rund 337 Gigawattstunden an elektrischer Energie verbrauchte die IT-Infrastruktur im Jahr 2018. Dieser Jahresverbrauch entspricht in etwa dem, was rund 100 000 Haushalte jährlich an Strom verbrauchen. Basis für die Berechnung ist der durchschnittliche jährliche Stromverbrauch eines Drei-Personen-Haushalts von 3500 Kilowattstunden. Für das Jahr 2025 wird damit gerechnet, dass alle Rechenzentren - zivile und auch Bundes-IT - zusammen 16 Terrawattstunden an Strom verbrauchen. So viel wie 4,5 Millionen Haushalte pro Jahr.

Um den Überblick in Sachen IT steht es bei der Bundesregierung schlecht. So förderte die Antwort auf die Kleine Anfrage zutage, dass ein Gesamtüberblick offenbar nicht vorhanden ist. »Die vorgelegten Zahlen geben nicht einmal eine rudimentäre Ökobilanzierung her«, bemängelt die netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Anke Domscheit-Berg. »Sie sind unvollständig, widersprüchlich und wo es überhaupt Daten gibt, zeigen sie, wie klimaschädlich die Bundes-IT noch ist.« So seien insgesamt nur 107 Rechenzentren mit ihrem Energieverbrauch erfasst und keines davon halte alle acht Kriterien ein, die für den umweltschonenden Betrieb angesetzt werden. Besserung scheint nicht in Sicht, denn auch bei den 17 bereits in Planung befindlichen Rechenzentren wird nicht einmal jedes zweite die Kriterien des Blauen Engels erfüllen. Das Umweltsiegel, das 2012 eingeführt worden ist, scheint bislang keinen Effekt entwickelt zu haben. Bundesweit würden nur drei Rechenzentren überhaupt diese Kriterien erfüllen.

Dauerhaftes Einsparpotenzial bietet auch der Glasfaserausbau, denn Glasfasernetze werden als energieeffizienter im Betrieb eingeschätzt als die vielfach genutzte und veraltete DSL-Technologie, bei der Kupferkabel zum Einsatz kommen. Auch der Mobilfunkausbau müsse effizienter werden. Die beim Betrieb von Rechenzentren entstehende Abwärme sollte ebenfalls genutzt werden. Doch auch hier mangelt es an Überblick. Nur von 42 Rechenzentren aus dem Bestand der Bundes-IT sind Zahlen zur Abwärme vorhanden. »Auch beim Anteil erneuerbarer Energien oder den eingesetzten Kältemitteln kann die Bundesregierung für mindestens 45 Prozent der Rechenzentren keine Antwort geben«, kritisiert Domscheit-Berg. »Die Daten müssten jederzeit auf Knopfdruck abrufbar sein, wenn man es ernst meint mit energieeffizientem Rechenzentrumsbetrieb!«

Die umfassenden Daten, die in der Kleinen Anfrage geliefert werden, sind stellenweise widersprüchlich. So listet das Bundeswirtschaftsministerium mal 10, mal 27 Rechenzentren für sich und seine nachgeordneten Behörden auf. Auffällig ist zudem, dass es für das Verteidigungsministerium keine Zahlen zu den genutzten Rechenzentren gibt, die vor dem Jahr 2020 liegen.

In ihrer Analyse kommt Domscheit-Berg zu dem Schluss, dass die Bundesregierung mit der gezeigten Praxis kein Vorbild darstellt. Die freie Wirtschaft sehe das als Einladung, die Vorgaben des Umweltsiegels zu ignorieren. Wie es um den Fortschritt bei den insgesamt 72 Maßnahmen der umweltpolitischen Digitalagenda bestellt ist, verrät die Anfrage unterdessen nicht. Zwar seien nach Regierungsangaben bereits 52 Ziele umgesetzt oder in Arbeit, jedoch ist nicht ersichtlich, welche das konkret sind. »Die Klimakrise erfordert sofortiges, entschlossenes, verbindliches und konsequentes Handeln«, macht Domscheit-Berg klar und fordert den Aufbau eines funktionierenden Monitorings sowie verbindliche Pläne zur klimaverträglichen Transformation der IT-Infrastruktur des Bundes.

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