Fluch und Segen zugleich

Der Intelligenzquotient von Matthias T. ist überdurchschnittlich hoch: Sorgenfrei ist sein Leben deswegen nicht – im Gegenteil

  • Von René Laglstorfer
  • Lesedauer: 6 Min.
Fluch und Segen zugleich

Er fällt der Kinderärztin schon früh auf: Im Alter von etwas über einem Jahr beginnt Matthias T.* zu sprechen. Mit vier bringt er sich selbst das Lesen bei. Und in der Grundschule langweilt er sich so sehr, dass er oft weinend nach Hause kommt und gar nicht mehr in die Schule gehen will.

Der Österreicher aus dem Innviertel an der Grenze zu Bayern ist einer von etwa 30 000 Oberösterreichern, die mit einem Intelligenzquotienten von mehr als 130 als hochbegabt gelten. Eine überdurchschnittliche Begabung kann die Eintrittskarte für eine steile Karriere sein - muss es aber nicht, wie die Geschichte von Matthias T. zeigt. »Meine Begabung ist Segen und Fluch zugleich«, sagt der heute 23-Jährige.

Seine schnelle Auffassungsgabe macht ihn schon als Grundschüler zum Außenseiter. Die Lehrerin geht kaum auf seinen Hunger nach Wissen ein, und die anderen Kinder meiden ihn. »Schon in der Grundschule habe ich meine Einsamkeit mit Essen kompensiert«, sagt Matthias T., der stark übergewichtig wird und jung Herzprobleme bekommt. All das bedeutet eine zusätzliche Belastung für seine alleinerziehende Mutter Eva T.*. Sie hat vom Kindesvater nicht nur psychische Gewalt erfahren, sondern wurde von ihm auch finanziell im Stich gelassen.

Als Matthias T. merkt, dass bei anderen Kindern der Papa jeden Abend nach der Arbeit nach Hause kommt oder bei getrennten Familien der Vater wenigstens am Wochenende etwas mit seinem Kind unternimmt, beginnt er, seine Mutter täglich zu fragen, warum er keinen Papa hat. Doch sein Vater zeigt bis heute kein Interesse an seinem Sohn. »Jahrelang habe ich mich verfünffacht und versucht, beide Rollen auszufüllen, bis ich nicht mehr gekonnt habe«, sagt Eva.

Ihr Sohn wurde in eine prekäre Situation hineingeboren. Die Mutter wuchs als Tochter einer Bauernfamilie auf. Sie musste die Schule mit 14 Jahren abbrechen, um nach dem Tod ihres Vaters am heimischen Hof auszuhelfen. Das Abitur und den Studienabschluss holte sie im zweiten Bildungsweg nach. Ihren Sohn zog sie alleine groß, der Vater wollte nie Kontakt haben. Wie viele andere Alleinerziehende hat auch sie ständig mit finanziellen Problemen zu kämpfen. »Es gab nicht nur einen Abend, an dem ich ohne Essen ins Bett gegangen bin. Teilweise mussten wir mit 1200 Euro über den Monat kommen«, sagt Eva.

In Österreich gibt es etwa 170 000 Alleinerziehende, neun von zehn sind Frauen. Sie sind stark von Armut bedroht: Laut Statistik Austria ist etwa jede sechste in Österreich armutsgefährdet oder von Armut betroffen, bei Alleinerziehenden ist es jedoch fast jede zweite. Die Armutsgrenze für einen Erwachsenen mit Kind liegt bei einem Monatseinkommen von 1670 Euro. Nur jede zweite Alleinerzieherin bekommt regelmäßig Unterhalt.

Alimente hat Eva T. nie bekommen - der Vater hat sich nach der Geburt des Sohnes einfach geweigert, eine Vaterschaftserklärung zu unterzeichnen. Eine Klage hätte damals wohl Erfolg gehabt. Doch die Mutter hatte Angst, dass das einem normalen Verhältnis ihres Sohnes zum Vater im Weg stehen könnte. Dazu ist es aber ohnehin nie gekommen. Bis heute hat Matthias T. seinen Vater nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen, als er sich bei ihm für ein Praktikum beworben hat. Dass der Mann sein Vater ist, hat er erst danach erfahren.

Matthias T. wächst schnell und überragt mit zehn Jahren bereits seine Mutter. Die erste Klasse im Gymnasium überspringt er und steigt direkt in die zweite Klasse ein. Wegen seiner auf Anhieb herausragenden Noten wird er von einzelnen Mitschülern, die alle ein Jahr älter sind, aus Neid öfter mal geschlagen. Mit 14 Jahren ist er bereits zwei Meter groß. »Ich bin der Feind aller Türstöcke und Lampenschirme«, sagt Matthias T. mit einem schüchternen Lächeln.

Ein Jahr später schreibt er sich an der Universität Salzburg ein, um Jura zu studieren. Die erste große Prüfung, bei der mehr als zwei Drittel der deutlich älteren Studierenden durchfallen, schafft der hünenhafte Jugendliche gleich beim ersten Versuch.

Mit 17 legt er mit Auszeichnung das Abitur ab und schafft einen Notenschnitt von 1,0. Wenige Monate später schließt er den ersten Studienabschnitt ebenfalls mit lauter »Sehr gut« ab. Wegen seines gestörten Essverhaltens erreicht er zu dieser Zeit sein Höchstgewicht von mehr als 200 Kilogramm. Dass sein Studium auch einen finanziellen Aufwand für seine alleinerziehende Mutter bedeutet, ist ihm lange nicht bewusst. Alleine die notwendige Literatur kann schon einen vierstelligen Betrag ausmachen. Seine Mutter will ihm die Ausbildung aber um jeden Preis ermöglichen. Dann kommt jener Tag, an dem plötzlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Matthias T. ist allein zu Haus. »Ich habe in meiner Schulzeit schon unbewusst gemerkt, dass das Geld knapp ist. Doch als dann der Gerichtsvollzieher bei uns im Haus stand, war das ein irrsinniger Schock für mich. Ich wusste ja nicht einmal genau, was der hier überhaupt macht«, sagt er. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass das Eigentum der kleinen Familie gepfändet wird.

T.s Mutter ist auf sich alleine gestellt und mit der schwierigen Situation überfordert: »Ich habe jahrelang rund um die Uhr gearbeitet und das auch extrem gerne. Je mehr ich gearbeitet habe, desto mehr Kraft habe ich bekommen. So hat es sich zumindest angefühlt. Aber es gibt den gesunden und den falschen Stolz. Und den falschen habe ich aus der Landwirtschaft daheim mitgenommen. Ich musste immer alles selbst organisieren und mit mir ausmachen«, sagt sie.

Als der finanzielle Druck immer größer wird, verliert Eva zuerst ihr Auto, dann ihren Job. Die Zwangsversteigerung der Doppelhaushälfte, an der sie selbst mitgebaut hat, kann Eva zunächst gerade noch abwenden. Verkaufen muss sie das Haus in der Not am Ende dennoch - weit unter Wert. »Es war einfach unser Zuhause. Meine Mutter wollte es mit aller Gewalt halten«, sagt Matthias T.

Die kleine Familie muss vom Land in die Stadt nach Salzburg übersiedeln. Eva T. zieht sich immer weiter zurück, die ständigen Existenzängste zermürben sie, sie wird psychisch krank. Schließlich erzählt sie einer Freundin davon, dass sie mir ihrem Leben abgeschlossen hat. Die Freundin wendet sich an Matthias T., gemeinsam können sie die Mutter davon überzeugen, sich behandeln zu lassen und versuchen, die Finanzen in Ordnung zu bringen. »Meine Aufenthalte in der Psychiatrie haben bei Matthias tiefe Spuren hinterlassen«, sagt Eva T. heute.Nach fünf Wochen Therapie geht es ihr wieder besser. Doch die Sorgen um seine Mutter und die Finanzen führen dazu, dass Matthias mit seinem Jura-Studium kaum vorankommt.

Nun möchte der 23-Jährige, der inzwischen mehr als 60 Kilo abgenommen hat, das letzte Viertel seines Studiums innerhalb von wenigen Semestern abschließen und Rechtsanwalt werden, auch um seine Mutter zu entlasten. Denn ihre Arbeitsstelle verlor sie wegen der Pandemie kurz vor Weihnachten. »Das Wichtigste ist, dass wir unser Leben wieder in den Griff bekommen und eine Arbeit finden, von der wir leben können, und eine andere Wohnung«, sagt Eva T.

*Namen von der Redaktion auf Wunsch geändert.

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