Leben in der Klimakrise

Warum Starkregenereignisse auch hierzulande zur Normalität werden

  • Von Nick Reimer
  • Lesedauer: 10 Min.
Starke Unwetter von Luxemburg bis Nordrhein-Westfalen haben zu Verwüstungen geführt.
Starke Unwetter von Luxemburg bis Nordrhein-Westfalen haben zu Verwüstungen geführt.

Ist das noch Wetter oder doch schon der Klimawandel?«, fragte ein Moderator des Bayerischen Rundfunks, als Anfang Juli ein »Jahrhundertunwetter« in Landshut schwere Schäden verursachte. Das oberbayrische Wolfratshausen wurde von golfballgroßen Hagelkörnern verwüstet, in fast allen Regierungsbezirken des Freistaates gab es umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller, gesperrte Bahnstrecken.

Diese Frage zeugt von Unkenntnis: Klima ist der Durchschnitt des Wetters über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren, weshalb »noch Wetter« oder »schon Klimawandel« nicht zutreffend sein kann. In dieser Frage stecke »eine Abwehrhaltung dahinter oder die Hoffnung, dass wir doch noch nicht in der Klimakrise leben«, sagt der ZDF-Meteorologe Özden Terli. Er zerstört die Hoffnung: Wir leben bereits in der Klimakrise.

Die Wissenschaft erklärt immer wieder, dass ein einzelnes Wetterphänomen nicht belegen kann, dass der Klimawandel längst da ist. Allerdings erklärt sie uns auch, dass die Mechanismen einer veränderten Erdatmosphäre dafür sorgen, dass sich Wetter verändert. Auch bei uns, wie einmal mehr die Starkregen in dieser Woche gezeigt haben. Bei der Elbeflut 2002 kamen 45 Menschen um, diesmal sind noch mehr Tote zu beklagen - obwohl 2002 doppelt so viel Regen niederprasselte wie jetzt in Westdeutschland.

Physikalisch betrachtet sind die zunehmenden Starkregenereignisse logisch: Wärmere Luft kann mehr Wasser speichern, pro Grad zusätzlich saugen sich die Luftmassen mit sieben Prozent mehr Feuchtigkeit voll. Deutschland hat sich nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) seit 1881 bereits um 1,6 Grad erhitzt. Die Zahl der Tage, an denen die Temperatur über 30 Grad Celsius steigt, hat sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht, seit 2001 haben die Starkregenereignisse deutlich zugenommen.

Das liegt allerdings auch an einer geänderten Messmethode des Wetterdienstes. Bis zum Jahr 2001 verwendeten die Meteorologen Messzylinder an ihren Wetterstationen. »Starkregen ist oft ein kleinräumiges Ereignis«, sagt Andreas Becker, Niederschlagsexperte beim DWD. Damals konnte über irgendeiner Ortschaft eine biblische Flut niedergehen - die Messzylinder der nächsten Wetterstation blieben aber trocken, weil sie zu weit entfernt lagen. »Wir wussten von dem Wolkenbruch«, sagt Becker, »aber wir konnten ihn nicht vermessen.«

Das änderte sich schlagartig, als der Deutsche Wetterdienst auf »Radar« umstellte: Unter anderem auf Anlagen, die jahrzehntelang im Kalten Krieg den »feindlichen« Luftraum überwacht hatten und nun »arbeitslos« waren, stellte der DWD in seinen Dienst. Der Regenradar, den manche auf ihrem Smartphone nutzen, ist ein Produkt davon.

Dank der Radarortung identifiziert der staatliche Wetterdienst nun auch kleinste Gewitterzellen. Zwar ist die Radardatenreihe noch zu kurz, um daraus mit wissenschaftlicher Gewissheit Schlüsse abzuleiten. In der Klimaforschung werden mindestens 30-Jahres-Zeiträume betrachtet, die Radars aber arbeiten erst seit 20 Jahren. Doch Tendenzen lassen sich bereits erkennen - sogar wenn man die Jahre 2006, 2014 und 2018 ausklammert, in denen es ganz besonders oft Starkregen gab und die deshalb das Gesamtbild verzerren könnten.

»Selbst wenn wir extreme Jahre herausrechnen, sehen wir, dass die Zahl der Starkregenereignisse seit Beginn der Radarmessungen zugenommen hat«, sagt DWD-Experte Becker. Während der Wetterdienst Anfang der 2000er Jahre 500 bis 700 Starkregen jährlich registrierte, stieg die Zahl zuletzt auf mehr als 1000 pro Jahr - besonders viele in den Sommermonaten. Becker: »Damit bestätigen die Messergebnisse in der Tendenz, was unsere Klimamodelle vorhersagen.« Mehr in der Luft gespeichertes Wasser bedeutet auch mehr Energie, bedeutet mehr Zerstörungskraft. 2016 traf es Braunsbach: Die »Perle im Kochertal« nahe Schwäbisch Hall wurde im Mai von einer Sturzflut verwüstet. In Simbach am Inn in Niederbayern sorgte ein Extremregen Anfang Juni 2016 für ein sogenanntes tausendjähriges Hochwasser, im Fachjargon »HQ 1000« genannt. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet - derartige Wetterereignisse waren statistisch bislang nur einmal in eintausend Jahren möglich. Aber durch den Klimawandel sind solche Statistiken durcheinandergeraten: Nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 an der Elbe folgte im Elbtal 2013 schon die nächste Jahrhundertflut mit Pegelständen von bis zu zehn Metern - obwohl das statistisch erst in einem Jahr ab 2100 hätte hereinbrechen dürfen.

2017 traf der Starkregen Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, zum Beispiel Dudeldorf, Kyllburg und Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. Die Liste ließe sich beliebig erweitern, und sie besagt: Es kann jeden Ort treffen, und das immer öfter. Zum Beispiel Berlin, wo im Juni 2017 an einem Tag so viel Wasser vom Himmel fiel wie sonst im Quartal. Im eigentlich trockenen Jahr 2018 musste die Berliner Feuerwehr nach starken Regenfällen sogar den Ausnahmezustand ausrufen. 2019 wiederholte sich das, innerhalb einer Stunde prasselten im Stadtteil Wedding 61 Millimeter Regen nieder - sechs Wassereimer übereinandergestapelt, mehr als jetzt in der Eifel oder im Sauerland niederging.

Fällt ein Millimeter Regen auf einen Quadratmeter Boden, macht das genau einen Liter Wasser, der irgendwo hinmuss. Im sächsischen Zinnwald auf dem Kamm des Ost-Erzgebirges gingen am 12. und 13. August 2002 binnen 24 Stunden 312 Millimeter Regen nieder, also fast ein Drittelmeter - bislang der höchste je in Deutschland gemessene Wert. Im Laufe eines Tages fiel damit auf rund drei Quadratmetern ein Kubikmeter Wasser - der eine Tonne wiegt. Zinnwald liegt auf 800 Höhenmetern, von hier musste das ganze Wasser ins Tal abfließen. Mit einer Wucht, die kaum vorstellbar ist: Wenn 50 Kubikmeter Wasser ungebremst zehn Meter einen Abhang hinunterstürzen, haben sie - energetisch umgerechnet - dieselbe Wirkung wie ein 20 Tonnen schwerer Lastwagen, der mit 80 Stundenkilometern in ein Haus kracht. Die Folge sind solche Verwüstungen, wie sie derzeit im Sauerland oder in Südwestfalen zu beklagen sind.

Neben mehr gespeichertem Wasser ist aber auch der Nordpol an unseren neuen Wetterextremen »schuld«. Beziehungsweise der Jetstream, zu Deutsch »Strahlstrom« - dieser Höhenwind pfeift mit bis zu 540 Kilometern pro Stunde mehr als zwölf Kilometer über unseren Köpfen hinweg. Zum Vergleich: Hurrikan »Patricia« brachte es 2015 in erdnahen Schichten »nur« auf 345 Kilometer pro Stunde, die bis dato stärkste je gemessene Windgeschwindigkeit über dem Atlantik. Aber nicht die Geschwindigkeit des Jetstreams ist für uns maßgeblich, sondern seine Wellenbewegung: Wie eine endlose Sinuskurve mäandert er von West nach Ost über die Nordhalbkugel. Die Wellenbewegung treibt die Hoch- und Tiefdruckgebiete weiter und bestimmt so unser Wetter. Angetrieben wird dieser Höhenwind wie jedes andere Brausen von einer Temperaturdifferenz - in diesem Falle von jener zwischen den Tropen zur Arktis. Allerdings erhitzt sich der Nordpolarraum viel stärker als die meisten anderen Weltgegenden, das arktische Meereis schrumpft dramatisch. Inzwischen treibt sich die Entwicklung selbst an: Helles Eis reflektiert viel Sonnenlicht zurück ins All. Ist das Eis jedoch erst mal verschwunden, absorbiert der darunter zum Vorschein kommende dunkle Ozean noch mehr Strahlungsenergie, die Arktis wird noch wärmer, noch mehr Eis schmilzt, die Temperaturdifferenz sinkt immer weiter.

Ein Teufelskreis, der uns immer extremeres Wetter beschert. »Dieses Starkwindband gilt eigentlich als Motor für die Hoch- und Tiefdruckgebiete«, sagt die Meteorologin Verena Leyendecker. Weil der Antrieb wegen der abnehmenden Temperaturdifferenz geringer wird, »kommen die Hochs und Tiefs nicht mehr voran«, so die Expertin vom privaten Wetterdienst Wetteronline. »Deshalb lag das Tief ›Bernd‹ so lange bei uns und hat uns so lange diesen Niederschlag gebracht.«

Das gemäßigte Klima in Deutschland gerät also aus den Fugen. Und weil sich das Schmelzen der Arktis immer weiter beschleunigt, sind die Bilder dieser Tage nur eine Vorahnung auf das, was kommt. Denn der durcheinandergeratene Jetstream sorgt nicht nur für mehr Regen, sondern auch für mehr Hitze und Dürre. Der Höhenwind war 2018 für den ausbleibenden Regen in Deutschland genauso mitverantwortlich wie für die Extremtemperaturen 2019. Der lahmende Jetstream hat laut Leyendecker kürzlich auch dafür gesorgt, dass es in den USA extrem heiß war. Im Südwesten wurden mehr als 50 Grad gemessen, ein neuer Rekord. Und das zeigt eben eines: Es ist nicht mehr Wetter, sondern schon Klimawandel.

Temperaturrekorde in der Arktis

In keiner Region der Welt lässt sich die Erderwärmung so einfach mit dem Thermometer messen wie in der Arktis. Haben sich die Temperaturen weltweit um durchschnittlich gut ein Grad Celsius seit der vorindustriellen Zeit erhöht, so liegt das Plus in der nördlichen Polarregion bei 3,1 Grad. Daher wartet die Arktis mit besonders krassen Temperaturen auf: In Utsjoki-Kevo im äußersten Norden Finnlands wurden vor wenigen Tagen 33,6 Grad Celsius gemessen - ein 100-Jahre-Rekord.

Im Norden Norwegens war von »tropischen Nächten« die Rede. In russischen Regionen am Rande der Arktis purzelten schon im Mai die Rekorde: In der Stadt Petschora wurden 32,5 Grad Celsius gemessen. Der bisherige Rekord lag sechs Grad niedriger, und im Zeitraum von 1981 bis 2010 betrug die Durchschnittstemperatur im Mai dort 4,2 Grad. Noch extremere Folgen hatten Wetteranomalien fast direkt am Nordpol in den vergangenen Jahren: Dort wurden selbst im Winter an einzelnen Tagen Plustemperaturen gemessen - rund 30 Grad mehr als üblich. KSte

Feuer in Nordamerika

Temperaturen von fast 50 Grad, Waldbrände und heiße Winde - dies wurde in den vergangenen Wochen aus dem Südwesten der USA, aber auch aus dem sonst eher kühlen Nordwesten Kanadas gemeldet. Über 700 plötzliche und unerwartete Todesfälle registrierten die Behörden allein in der Provinz British Columbia innerhalb einer Woche als Folge der Hitze. Die Ortschaft Lytton verzeichnete einen kanadischen Temperaturrekord von 49,6 Grad - wenige Tage später wurde sie in einem Flammeninferno fast vollständig zerstört.

Dutzende verheerende Waldbrände werden derzeit auch aus Kalifornien gemeldet. In dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat der USA ist dies seit Jahren fast schon Normalität. Der aktuell stark betroffene Yosemite-Nationalpark musste auch vor einem Jahr wegen Bränden geschlossen werden. Mehrere Bundesstaaten im Südwesten der USA erleben seit rund 20 Jahren etwas, was Wissenschaftler eine »Megadürre« nennen. KSte

Hungersnot in Madagaskar

Viele Länder weltweit haben mit Dürre zu kämpfen. Doch die Folgen einer anhaltenden Trockenheit in Deutschland sind nicht mit denen in Madagaskar zu vergleichen. Die riesige Insel vor der Südostküste Afrikas blickt auf mehrere solcher Jahre zurück. Dieses Jahr spricht das Welternährungsprogramm (WFP) von der »schlimmsten Dürre seit 40 Jahren«. Die Trockenheit und Sandstürme zerstörten Ernten, die Nahrungsmittelproduktion liegt bis zu 70 Prozent unter dem vergangenen Fünfjahresschnitt.

Mit unmittelbaren Folgen: Etwa 400 000 Menschen seien vom Hungertod bedroht, hieß es im Mai in einem Hilferuf der UN-Organisation an mögliche Geldgeber. Erwachsene und Kinder seien vom Hunger geschwächt, Hunderte Kinder nur noch Haut und Knochen, berichtete WFP-Regionaldirektorin Lola Castro. Viele Menschen auf der Suche nach Nahrung seien vom Land in Städte gezogen. Ärzte ohne Grenzen fordert nun eine »massive Aufstockung der Nahrungsmittelnothilfe«. KSte

Überschwemmungen in Australien

Weite Teile Australiens haben seit vielen Jahren immer wieder mit langanhaltender Dürre zu kämpfen. 2020 kam es zudem zu verheerenden Buschbränden, die durch die Bilder schwer verletzter Koalas weltweit durch die Medien gingen. Im März dieses Jahres regnete es kräftig - endlich, dachte man. Tatsächlich schüttete es tagelang so stark, dass die ausgetrockneten Böden in den Bundesstaaten New South Wales im Süden und Queensland im Nordosten die Wassermassen nicht aufnehmen konnten.

Das Ergebnis waren massive Überschwemmungen: Die Fluten rissen Autos, Häuser und auch Pferde, Kühe und Kängurus mit sich. Straßen, Brücken und Felder standen meterhoch unter Wasser. Selbst eine riesige Talsperre, die die Wasserversorgung Sydneys sicherstellt, reichte nicht, um die Wassermassen zurückzuhalten. Zehntausende Menschen mussten evakuiert werden, es kam zu Todesopfern. Der Grund für die Heftigkeit war das Aufeinanderprallen von zwei großen Wettersystemen. KSte

Tornado in Tschechien

Ein Tornado in Mitteleuropa? Selten, kommt aber vor. Im Südosten Tschechiens kamen im Juni drei Menschen ums Leben und mehr als 200 Menschen wurden verletzt, als eine Windhose mehrere Dörfer verwüstete. Dächer wurden abgedeckt, Fenster zerbarsten. Zehntausende Menschen waren vor übergehend ohne Strom. Das Unwetter hatte noch mehr in petto: Hagelkörner von der Größe von Tennisbällen sorgten für schwere Schäden am Schloss Valtice, einem Unesco-Weltkulturerbe. KSte

Von Nick Reimer und Toralf Staud ist gerade das Buch erschienen: »Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird«. Kiepenheuer & Witsch, 384 S., br., 18 €.

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