Eine Tour für Frauen

Im kommenden Jahr fahren auch die Radsportlerinnen durch Frankreich

  • Von Tom Mustroph, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Demi Vollering (M.) siegte in diesem Jahr beim Eintagesrennen – 2022 bekommen die Frauen endlich eine richtige Tour.
Demi Vollering (M.) siegte in diesem Jahr beim Eintagesrennen – 2022 bekommen die Frauen endlich eine richtige Tour.

Diese Tour de France brachte neue Rekorde. Es war die schnellste Frankreich-Rundfahrt aller Zeiten - die bisherige Bestzeit, errungen 2005 von Lance Armstrong, gehört wegen dessen Doping-Disqualifikation gestrichen. Mit Tadej Pogacar gibt es den jüngsten zweifachen Toursieger überhaupt. Dessen Trikotsammlung ist bisher auch einmalig. Gleich drei Mal musste er am Sonntag auf das Podium auf den Champs-Élysées: als Sieger der Tour für das Gelbe Trikot, das Weiße Trikot als bester Jungprofi holte er ebenfalls zum zweiten Mal in Folge, und erstmals konnte er seine Kollektion um das Bergtrikot erweitern. Noch niemals vor ihm gewann zudem ein Träger des Gelben Trikots zwei Bergetappen hintereinander - Pogacar war dies in den Pyrenäen gelungen.

Im nächsten Jahr muss der Slowene die Aufmerksamkeit aber teilen. Zum einen ist dann wohl der ähnlich talentierte Egan Bernal, Sieger des diesjährigen Giro d’Italia, sein Rivale. Und zum Zweiten, weil am letzten Sonntag der Tour de France 2022 eine Weltpremiere ansteht: Es startet die Tour de France der Frauen. «Das französische Fernsehen wird damit seinen ›Nachmittag des Radsports‹, der der Tour de France gewidmet ist, um eine Woche verlängern», jubilierten die Veranstalter. Denn diese Tour de France der Frauen wird nicht nur einen oder zwei Tage gehen wie bisher La Course, das an die Männertour gekoppelt war, sondern über acht Etappen. «Das geschieht mitten in der Ferienzeit; viele Fans können kommen und ihre Idole sehen», erklärte der Veranstalter ASO, der auch die Männertour ausrichtet.

Der Zeitpunkt ist optimal gewählt. Wer Radsport mag, ist durch die Tour schon eingetunt. Wer mit seinem Caravan bereits in Frankreich ist, kann ihn an weitere Rennstrecken bringen. Für den Frauenradsport selbst bedeutet dies einen Meilenstein. Die Tour de France der Frauen habe ein «Riesenpotenzial, den Frauenradsport weiter voranzubringen. Ich hoffe, dass die Tour de France für eine größere Sichtbarkeit sorgt und wir zeigen können, wie spannend und unterhaltsam Frauenradsport ist», meinte Lisa Brennauer, Deutschlands Topathletin auf der Straße.

«Wir haben lange dafür gekämpft. Die Leute wissen ja gar nicht, wie viel Überzeugungsarbeit hinter den Kulissen bei der ASO und beim Weltverband nötig war, um die richtigen Dinge für eine Gleichberechtigung zu tun», sagte Kathryn Bertine. Die frühere Eiskunstläuferin, die mit 37 Jahren noch eine Karriere als Radsportlerin begann, war mit ihrer Organisation Le Tour Entier eine entscheidende Kraft für die Entwicklung von La Course. Sie fungierte zugleich als Mitveranstalterin, gemeinsam mit der ASO. «Eine Tour de France der Frauen ist mehr als nur ein Radrennen. Es ist ein Schritt auf dem Weg dahin, dass die Gesellschaft Frauen und Männer als gleichrangig betrachtet», sagte Bertine zum Branchenmagazin «Cyclingnews». Und sie kündigte an: «Hinter den Kulissen werde ich weiter für zwei Wochen mehr Tour de France der Frauen kämpfen.»

Dann wäre beim wichtigsten Straßenrennen der Welt tatsächlich Geschlechtergerechtigkeit hergestellt. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Nicht nur, was die Überzeugungsarbeit bei Veranstaltern und beim Weltverband anbelangt. Auch das Peloton der Frauen muss zahlenmäßig wachsen und eine höhere Leistungsdichte aufweisen, damit über drei Wochen spannende Wettkämpfe möglich sind - und angesichts der täglichen Zeitlimits auch mehr als zwei Handvoll Fahrerinnen am Ende der Rundfahrt überhaupt ankommen.

Deshalb kommt schon jetzt der Streckenplanung besondere Bedeutung zu. «Wir müssen einen ausbalancierten Parcours kreieren, mit Chancen für Sprinterinnen und Kletterinnen», sagte Thierry Gouvenou, Chefstreckenplaner der ASO, zu «nd». Und wir müssen die Etappen so planen, dass nicht eine Frau mit mehr als zehn Minuten Vorsprung gewinnt. Das wäre kein spannender Wettkampf mehr«, so Gouvenou. Da könnte er vom Giro Rosa lernen. Das ist die mit zehn Renntagen aktuell längste Rundfahrt für Frauen. Sie ist spannend und umkämpft, wurde wegen mangelnder Fernsehpräsenz aber zuletzt in der Rangliste des Weltverbandes zurückgestuft. Bei der Tour de France der Frauen, die all die Trikotwerbepartner der Männertour sowie das französische Fernsehen an Bord hat, sollte zumindest dies nicht passieren.

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