Schwarze Gedanken

Der Kriminalroman richtet, was im richtigen Leben oft schiefgeht

  • Lesedauer: 3 Min.

Idées Noires - André Franquin, Schöpfer des Marsipulami, konterkarierte seine bunten Comics mit der tiefschwarzen Reflexion einer als unfreundlich und todesgeneigt empfundenen Welt. Der Krimi, sofern nicht bloß Denkspiel für die Upperclass, ist so etwas wie der Kehreimer der Literatur. Alles, was in der Belletristik, die für das Gute und Schöne stehen soll, ob seiner Hässlichkeit keinen Platz hat, gelangt da hinein. Schmutz, Intrigen, Mord, Gewalt, Korruption. Zu Shakespeares Zeiten war man da weniger empfindlich. Gut und Böse, Schönes und Hässliches gehörten untrennbar zusammen. Womöglich war es dem aufstrebenden Bürgertum im Bemühen um das gute Leben für die eigene Klasse zu verdanken, dass in der Literatur lauter Blumenwiesen blühten.

So viel Realitätsverdrängung musste zu einem Genre führen, dass sich des Verdrängten wieder annahm. Es war ja nicht aus dem realen Leben verschwunden, und so ein wenig Nervenkitzel soll ja durchaus der Verdauung bekömmlich sein. Das war die Geburtsstunde des Detektiv- oder Kriminalromans, und der machte gar kein Hehl aus seiner Verschwisterung mit der Schauergeschichte und Groteske. E. A. Poe, der in beiden Genres brillierte, erfand 1841 den Meisterdetektiv Auguste Dupin, der mittels sorgfältiger Beobachtung und logischer Deduktion kniffligste Kriminalfälle löst. Viele übernahmen die Figur des hyperintelligenten und (zumeist) moralisch integren Ermittlers, und schon schien das Böse stets und folgerichtig seiner gerechten Strafe zugeführt und die Ordnung wieder hergestellt.

Was aber, wenn das Böse in der Ordnung selbst steckt respektive die Ordnung ist? Deutete Arthur C. Doyle dies mit Professor Moriarty nur an, sprechen Hardboiled Novel und Roman Noir es offen aus. Im russischen Filmdrama »Bumer« von 2003 - im Slang ein 7er BMW - ist es völlig egal, wer gewinnt oder verliert: Kriminell sind alle Beteiligten, ob mit oder ohne Uniform. Dass Staatsanwälte mauern, die Polizei in die falsche Richtung schaut, manchmal zum Jagen getragen werden muss oder gleich ganz außen vor bleibt, ist im richtigen Leben fast schon ein Gemeinplatz. Stichwort NSU 2.0 oder Cum-Ex-Geschäfte. Die literarischen Verbrechensbekämpfer versuchen sich wenigstens in der Herstellung irdischer Gerechtigkeit, nicht immer moralisch zweifelsfrei und manchmal auch abseits der Gesetzeslage. Aber gegen schwarze Gedanken hilft zuweilen nur die schwarze Tat. Mario Pschera

In dieser Ausgabe:

Ortwin Ramadan: Moses und der kalte Engel
Doris Gercke: Die Nacht ist vorgedrungen
Tilman Thiemig: Ahrenshooper Narrenspiel
Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt
Günther Zäuner: Janus Fratze
Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam
Julia Deck: Privateigentum
mit Illustrationen aus Antonio Altarriba & Keko: Ich, der Verrückte

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung