Zerknirschtheit und Selbstzerstörung sind nicht alles

Mit Promilletester und Flachmann in der Tasche geht es in die Schule: Thomas Vinterbergs »Der Rausch« zeigt, dass jeder anders auf Rausch und Exzess reagiert

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.
»Der Rausch« erzählt von der Vielgestaltigkeit seines Titelhelden (Mads Mikkelsen), ohne ihn zu dämonisieren oder zu verharmlosen.
»Der Rausch« erzählt von der Vielgestaltigkeit seines Titelhelden (Mads Mikkelsen), ohne ihn zu dämonisieren oder zu verharmlosen.

Alkohol, Traurigkeit, Wehleidigkeit, Doofheit und Hybris finden in der idealtypischen Midlife-Crisis formvollendet zusammen. Die vier Männer in Thomas Vinterbergs Film »Der Rausch«, allesamt Lehrer, blicken inzwischen sehr ermattet auf ihre ermüdeten oder geschiedenen Ehen, ihre Schüler*innen und das Leben im Großen und Ganzen. Der eine, Martin (Mads Mikkelsen), die Hauptfigur, bricht beim Geburtstagsessen mit seinen drei Freunden in Tränen aus, weil alles um ihn herum sich entfremdet und distanziert anfühlt. Die Klasse revoltiert, weil Martins konsequent teilnahmsloser Geschichtsunterricht zum einen sturzlangweilig ist und zum anderen, und da gehen dann auch die Eltern auf die Barrikaden, die Abiturprüfungen gefährdet sind.

Thomas Vinterberg braucht nur wenige Sequenzen zur Skizzierung von vier saturierten Leben in stiller Verzweiflung. Verschiedene Weisen, mittelstark gescheitert zu sein (bei oberflächlichem Anschein von Erfolg und Normalität) werden vorgeführt. Es folgen vier Selbstrettungsversuche, verkleidet als kontrollierte Grenzüberschreitungen aus wissenschaftlichem Interesse.

Die Lösung soll für alle die gleiche sein. Vorgeschlagen wird sie vom eher gemütlichen, trotz drei Kindern und Schlafmangels noch vergleichsweise stabil wirkenden Nikolaj (Magnus Millang): Der norwegische Psychiater Finn Skårderud habe die These aufgestellt, der Mensch würde generell mit 0,5 Promille Alkohol zu wenig im Blut geboren. Man einigt sich darauf, das einmal zu verifizieren, im gemeinsamen Selbstversuch. Bald sitzen die vier mittelschwer angebraten im Unterricht, angetrieben von anfangs noch jungenhaftem Forschungsdrang und der Freude an der Übertretung. Ein pubertäres Reenactment als Reparaturversuch nicht zuletzt.

Wenn man die Inszenierungen von Alkoholrausch und Alkoholismus in der Kinogeschichte vor Augen hat, bleiben bei der Entfaltung dieser Prämisse eigentlich nur zwei Wege, die ein Film mit dem Titel »Der Rausch« von hier aus einschlagen kann. Ein zerknirschtes Trinkerporträt, das auf die Unvereinbarkeit von Alkoholexzess und einer sozial verträglichen Existenz zuläuft, ist der erste. Exemplarisch ist da zum Beispiel Billy Wilders »The Lost Weekend« von 1945, in dem Ray Milland sich formvollendet immer wieder aufs Neue niedertrinkt, um am Ende von der Frau, die ihn liebt, zur Vernunft gebracht zu werden, vielleicht nur vorübergehend und mit offenem Ausgang. Oder ein auswegloses Trinkerdelirium wie »Leaving Las Vegas«, in dem die Selbstzerstörung (personifiziert durch Nicolas Cage) Selbstzweck und Spektakel geworden ist, ohne jedweden pädagogisch wertvollen Subtext. Am anderen Ende der Skala findet man Filme wie die »Hangover«-Reihe, in der der Suff Prämisse für lustige Exzesse von lustigen Männern ist.

Das Schöne und Überraschende an »Der Rausch« ist, dass er weder das eine noch das andere Extrem wählt, sondern versucht, ein umfassendes Bild zu zeichnen. Der Film trägt seinen Titel, der ja zumindest in der deutschen Version Allgemeingültigkeit anmeldet, zu Recht (der dänische, »Druk«, ist spezifischer und lässt sich mit »Komasaufen« übersetzen; der englische, »Another Round«, ist indifferent). Alle Möglichkeiten werden durchdekliniert. Mit Promilletester und Flachmann in der Tasche geht es in die Schule, und die segensreichen Effekte des kontrollierten Trinkens – niemals über 0,5 Promille und abends dann ausnüchtern – werden nicht verschwiegen, sondern in einer filmhistorisch seltenen, na ja, Nüchternheit vor der Zuschauer*in ausgebreitet. Martins Geschichtsunterricht ist mit einem Mal wieder inspiriert, im Musikkurs finden alle zu einem gemeinsamen erhebenden Ton, und im Sport gelingt es, noch den bebrillten Hänfling zum Torhelden des Spiels werden zu lassen.

Auch der unvermeidliche Exzess wird nicht dämonisiert, sondern fällt tatsächlich recht lustig und für alle, auch das Publikum, euphorisierend aus. Vinterberg gelingt es wie zuletzt in »Die Kommune«, »Die Jagd« und eigentlich wie schon in »Das Fest«, Schmerzhaftes und Komik alternieren zu lassen, ohne dass das eine dazu ins andere kippen müsste. Es gehört beides zum Leben, und der Blick, den Vinterbergs Filme auf ihre Figuren einnehmen, ist (vom verkappten Lars-von-Trier-Film »Dear Wendy« einmal abgesehen) ihnen sehr zugewandt. Zuerst einmal in dem Sinne, dass ihr Tun und Lassen eigentlich nie verurteilt wird. Wenn, dann verurteilen die Figuren sich in diesen Filmen gegenseitig. Aber der Filmemacher hält sich raus.

Dazu kommt, dass auch »Der Rausch« wieder einen äußerst genauen Blick auf Details mitbringt. Vinterberg, Kameramann Sturla Brandth Grøvlen und Production Designerin Sabine Hviid genügen drei Einstellungen auf die Küche, in der Martin und seine Frau Anika (Maria Bonnevie) sich zuerst anschweigen und dann irgendwann gemeinsam schön eskalieren, um das Bild einer ganzen zeitgenössischen mittelständischen Lebensweise zu entfalten.

Die 0,5-Promille-Grenze wird natürlich bald gerissen. Dass der Rausch auch hier wieder zur Sucht und in die Selbstzerstörung führt, bleibt bei einer Geschichte nicht aus, die alle Möglichkeiten, die der Alkohol so mit sich bringt, durchspielen will. Aber Sucht und Selbstzerstörung sind eben nicht die einzigen Möglichkeiten. Obwohl in »Der Rausch« auch einiges irreparabel kaputtgeht, bleibt die Perspektive, die der Film einnimmt, überraschend positiv und heiter. Zerknirschtheit und Selbstzerstörung sind nicht alles. Zum Schluss sehen wir Bilder von Frohsinn und Lebenslust, und es kündigt sich gar das Ende einer Krise an. Und zwar nicht trotz, sondern mit und vielleicht sogar auch wegen des ganzen Gesaufes. Insofern kommt »Der Rausch«, versteht man ihn als Drogenfilm, der Wirklichkeit wahrscheinlich sehr nahe: Pauschalisierende Aussagen können nicht universal gültig sein, jeder reagiert anders auf Rausch und Exzess. Der Film erzählt von der Vielgestaltigkeit seines Titelhelden, ohne ihn zu dämonisieren oder zu verharmlosen. Seine Schönheit liegt eventuell in diesem Punkt begründet.

»Der Rausch«: Dänemark 2020. Regie: Thomas Vinterberg. Mit: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Magnus Millang. 116 Min. Start: 22. Juli.

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